Natalie Imbruglia im Kreml

Wie viele waren schon zu Konzerten im Kreml-Palast… jetzt war ich auch endlich einmal dort, und Natalie Imbruglia war auch da. Das Fazit dieses Mal gleich am Anfang – es gibt nur drei Möglichkeiten erfolgreich in diesem Saal aufzutreten – Als ranghoher Politiker mit einer sinnlosen Rede, als klassisches Orchester, oder, und das ist eine These von mir: Als richtig böse Rockband. Natalie ist jedenfalls keins von allem. Die kleine Natasha wurde mit einem zu zwei Dritteln gefüllten Saal konfrontiert, in welchem alle sitzen. Geboten wird gepfegtes ZK-Ambiente in Wohnzimmerlautstärke und schwarz gekleideten Aufsehern in jeder Reihe. Zum Konzert geht man hier übrigens in Abendgarderobe, aber ich fall‘ ja sowieso immer auf.

Nach den ersten 5 Songs war immer noch keine Stimmung da, denn niemand regte sich auf seinem Platz. Eventuell waren die 5 bedeutungsschwangeren Balladen ja auch nicht die richtige Wahl… Mit Rufen wie You are amazing! trieb sie mir dann fast die Tränen in die Augen. Die Bestseller-Single von 1997/98 („Torn“) jagte dann ca. 100 von 2000 aus ihren Sitzen und es war der Stimmungshöhepunkt erreicht. Wildes, unkontrolliertes Klatschen war die Folge, sodaß die Aufpasser schon einiges zu tun hatten. Sie hatten überhaupt jede Menge zu tun, denn während des ganzen Konzertes wurden Konzertpiraten mit Kamerahandies persönlich ermahnt und richtig Böse angekuckt. Der Herr vor mir hatte sich ein großes Fernglas mitgebracht, mit welchem er sich auf der Lehne seines Vordermanns abstützte. Zur Strafe standen dann links und rechts unseres Blockes je ein Aufpasser, welche mit üblen Verrenkungen versuchten, von Weitem zwischen Fernglas und Videokamera zu unterscheiden. Damit die gerade gewonnene Stimmung auch sogleich verloren ging, schickte Natalie zum Schluß bis auf den Gitaristen alle Musiker von der Bühne, und sang zwei herzzerreissende Balladen. Alle dachten wieder an das (kostenpfichtige) Bufett, welches es im Obergeschoß vor dem Konzert gab, und schon war alles nach professionellen 90min vorbei. Bin gespannt, was Frau Imbruglia hinterher in ihrem online-Tourtagebuch schreiben wird, nachdem Paris 2 Tage zuvor wohl der absolute Hammer gewesen sein muß.

Wir in Moskau sind jedenfalls amazing und das hat allen gefallen – schon deshalb war auch dieses Konzert: erfolgreich.

Die erste Vorlesung

Heute war wieder einer der aufregenden Tage: Das erste Mal in einer Vorlesung. Organisiert von dem netten Automatisierungstechniker mit der schnellen Sprache, war sie auch sogleich ein Erlebnis. Komischerweise war ich der einzige unter 55, was mir gleich etwas spanisch vorkam. Offensichtlich führte die Fakultät gerade einen Kurs für ältere Semester durch, wo ich aufgrund der terminlichen Übereinstimmungen gleich integriert wurde. Wie dem auch sei, der Professor betritt auf die Sekunde genau den Saal und fängt an zu reden. Ein bereits 10min früher angekommener Assistent übernimmt das weiterklicken zwischen den einzelnen Seiten der Präsentation. Nach 10 min geht eine Art Völkerwanderung vom hinteren in der vorderen Teil des Raumes los, weil die Herrschaften nichts sehen. Zwischendurch wird immer dazwischengerufen und diskutiert, denn man hat in diesem Alter ja schon einiges gesehen. Der Professor sieht etwas genervt aus. Manche schreiben wortwörtlich mit, andere gar nicht. Klingelnde Telefone sind allenfalls störend, aber auf keine Fall geächtet wie bei uns – das wird noch 5 Jahre dauern, bis das Handy als gesellschaftlicher Unruhestifter enttarnt ist. Plötzlich wurde mir auch klar, warum mich Yana mit 2 Tagen Stille bestraft hat, als ich ihr während eines Baumfällwochenendes fast 24h lang keine SMS geschriebe habe – sie konnte es sich einfach nicht vorstellen, denn in Moskau ist es völlig egal was man gerade tut, Handy geht immer. Komischerweise hat sie im Bett noch nie telefoniert. Die Vorlesung habe ich also relativ gut überstanden. Danach hat mich der nette Herr zum foreign students office geschleppt, um dort meine studentische Tätigkeit an seiner Fakultät offiziell feststempeln zu lassen. Was soll ich sagen? Großer Fehler! Sogleich merkte die Cheffin, daß jemand hinter ihrem Rücken etwas organisiert hatte und fand es ganz und gar nicht gut. 10min später war der nette Herr hinauskomplimentiert und sie hing am Telefon. Weitere 10min danach erschien ein anderer Herr, und sie erklärte mir in fließendem Englisch, daß mir dieser gerne einen Vorschlag machen wollte.

Mir wurde angeboten in der Fakultät XYZ an einem Projekt teilzunehmen, in welchem meine Aufgabe ungefähr so zu umreissen wäre: Entwickeln Sie auf Basis eines Microchip® PIC18xxxx ein CAN®-Bus-fähiges device, welches auf selbigem neue Funktionen zur Verfügung stellt! Das Ganze natürlich auf Russisch. Dank des hohen Fremdwortgehaltes habe ich es jedoch verstanden. Meine Augen müssen wohl geleuchtet haben, denn Frau Cheffin zückte schon den Stempel und der Herr schrieb fein säuberlich seine Telefonnummer und einen Termin für Freitag Abend auf einen Zettel. Kurz darauf waren wir alle auf dem Weg nach Hause und meine Wochenplanung wieder im Eimer – aber: Das Thema der neuen Richtung klingt perfekt nach dem, was ich machen wollte, nur angblich an der Uni nicht existierte. Abends hat dann Herr Iwanowitsch bei mir zu Hause angerufen, weil ihm sein Freund (der schnellsprechende Automatisierungstechniker) erzählt hat, was passiert war. Oh je. Letztenendes sieht die Sache also scheinbar so aus:

Zwischen den Fakultäten und dem foreign students o!ce gibt es einen ständigen Kampf. Erstens sind es die Fakultäten, die persönliche Verbindungen in die einzelnen Länder unterhalten, und zweitens ist es jenes Bürö, welches die formale Gewalt über sämtliche solcher Vorgänge behalten will. Das beeinhaltet auch die Studienplanung. Da hat nun also ein Professor mit seinem befreundeten Professor vor lauter Nettigkeit etwas eingefädelt, da war es auch schon vorbei, denn die Oberfrau fühlte sich hintergangen. Als Student mit 17 Tagen Russisch sitzt man mehr oder minder nickend dabei und am Ende passiert dann irgendetwas. Es scheint auch irgendwie Geld im Spiel zu sein, denn man reißt sich förmlich um mich. Die entsprechende Gastfakultät bekommt irgndwoher Geld für ihre Funktion und kann sich mit einem ausländischen Studenten rühmen. Angesichts ca. 30 ausländischer Studenten pro Semester ist das schon etwas. Jedenfalls ist der eine Professor jetzt wohl etwas enttäuscht und ich weiß nicht, ob ich der Böse war. Tut mir Leid.

12. Tag

Heute bin ich den 12. Tag in Moskau und habe bisher geschätzte 30h in der Metro verbracht. Zuhause brauche ich dafür ca. 2 Jahre. Trotzdem habe erst heute meinen ersten Rocker gesehen. Eigentlich war es sowieso der erste Mensch außerhalb der Norm. Eingekleidet in ca. 4qm äußerst speckigen Kuharsch und versehen mit diversen Accessoires, wie Zippo in Leder und abgegriffeltem MP3-Player, war er allerdings auch ein Musterbeispiel sondergleichen. Das Beste war jedoch der Fuchsschwanz auf seiner Schulter. Vielleicht ist er das letzte Exemplar seiner Sorte, denn bei uns (da drüben) sind sie zusammen mit den Mantas ausgestorben.

Womit wir gleich beim nächsten Thema wären: Wie sieht eigentlich ein russischer Manta aus? 1600er Lada mit Spoiler? Na ich weiß ja nicht. Mein Lieblingsbus UAZ 435 ist da eher ungeeignet, und leider auch nicht mehr in wirklich gutem Zustand zu bekommen. Auf der Straße kam mir dann ein würdevoller Frisösenabschleppwagen nach russischem Geschmack entgegen: Der Hummer. Die wohl schwachsinngste Karre seit es Amerika gibt, aber frisösentauglich allemal. Mit komplett verdunkelten Scheiben und Lichterketten im amerikanischen Stil, entspricht er so ziemlich der Wunschvorstellung vieler russischer Männer. Diejenigen, die sich einen Hummer wider Erwarten nicht leisten können und stattdessen ihr Geld für so profane Dinge wie Essen oder Kleidung sinnlos verschwenden, müssen wohl oder übel anders an die Sache herangehen. Zu Fuß zum Beispiel.

Zum Laufen braucht man bekanntlich Schuhe (Ok, braucht man nicht, aber dazu schreibe ich dann aus Timbuktu und nicht aus Moskau), und da gibts hier recht ansehnliche Exemplare. Männer sind hier so flach wie bei uns, aber Frisö… äh Frauen dafür umso höher. Was bei uns entweder waffenscheinpflichtig oder nur in Spezialgeschäften für zwischenmenschliche Sportgeräte erhältlich ist, trägt frau hier auf der Straße. Nicht einzelne, sondern ca. 90%. Frau muß entweder zu alT, zu klein oder irgendwie anders gestört (HipHopperin oder so) sein, um ohne stark verkürzte Achillessehnen durchs Leben zu laufen. Beeindruckend ist dabei vor allem die Schrittgeschwindigkeit ohne den Verlust von Grazie oder gar wehleidige Gesichtsausdrücke. Selbst ich kann bei den morgendlichen Wettrennen durch den Park zur Metrostation kaum mithalten – und das mit 1.93m und entsprechend langen Beinen. Hallujulia! Na gut, es ist für den männlichen Teil der Bevölkerung gar nicht so schlimm wie es sich anhört, man kann sich ja an alles gewöhnen…

Mal etwas ganz anderes: Natasha war heute mit mir Paß abholen. Jetzt habe ich einen Stempel im Paß, welcher meine Registration an einer bestimmten Moskauer Adresse bis 30.11. bescheinigt. Wie toll. In 2 Wochen läuft also mein Visum ab, und dann muß ich noch einmal dort antanzen und es verlängern lassen. Alles auf einmal geht hier nicht, ist gegen die Vorschriften.

Vielleicht sollte ich auch einmal eine Art Russischbilanz ziehen? 12 Tage Moskau, keine Vorkenntnisse und trotzdem verstehe ich schon ziemlich viel. Im Russischunterricht sind wir schon bei den Adjektiven und ich schreibe pro Stunde fast 50 neue Vokabeln auf. Wer soll das nur alles lernen? Na irgendwie bleibt schon etwas hängen, und langsam aber sicher klärt sich der Nebel. Ich habe einen Studenten aus Italien getroffen, welcher mit gleichen Voraussetzungen bereits im August angereist war – er spricht schon Russisch und ist relativ selbstsicher. Finde ich gut, aber ich will es besser bzw. schneller hinkriegen. Spätestens zu Weihnachten – also nach 2 Monaten (btw, Weihnachten ist hier am 7. Januar), möchte ich mehr der minder alles in meinem Kopf auf einfache Art und Weise ausdrücken können. Vieleicht klappt es ja.

Meine eine Russischlehrerin ist übrigens aus Taschkent, Usbekistan. Wenn ich sie frage, erzählt sie mir Geschichten von zu Hause und wir stehen vor einer großen Wandkarte und unterhalten uns über Gott und die Welt. Ihre Eltern haben sie als kleines Kind mal im Meer zu weit rausschwimmen lassen, seitdem findet sie Wasser nur noch von weitem schön.
Die zweite Lehrerin ist echte Moskauerin und auch sehr nett. Bevor wir mit dem Unterricht anfangen, macht sie sich ersteinmal den Lippenstift neu, ohne gehts nicht. Heute habe ich sie nach einer Empfehlung für den Kauf einer russischen Grammatik gefragt. Ihr fiel auch sofort eine ein: Ich sollte doch einmal versuchen, ein Buch von Frau A. Schirotschenskaya zu bekommen… komischerweise kam mir der Name bekannt vor. Ich holte aus meiner Tasche ein ca. 40 Jahre altes Taschenbuch heraus – Verlag „PROGRESS“ Moskau, EVP 6,90M – und sieheda, richtig erinnert! Es ist von eben jener Autorin und hat meinem Opa (!) schon Russisch beigebracht. GENAU DIESES Buch meinte sie und konnte es kaum fassen. Na wunderbar, noch mehr Übungen. Wir haben auch gleich 7 Stück gemacht und weitere 12 habe ich übers Wochenende als Hausaufgabe bekommen. Danke Opa. Vielleicht eine kurze Erklärung zur Begeisterung meiner Lehrerin Nummer 2 (Olga): Frau A. Schirotschenskaya war IHRE Lehrerin an der Universität. Hach ist die Welt… ach lassen wir das, ich muß Hausaufgaben machen.

Der Untergang…

Paßbilder! Bald läuft mein Visum ab, also brauche ich neue Paßbilder, denn meine mitgebrachten, selbstgedruckten sind aus 2 Gründen falsch: Sie sind nicht matt und es ist ein Halbprofil. Komischerweise ist hier Frontalschuß gewünscht, weil man darauf so gut Personen erkennt. Na gut, dafür kriege ich hier viel mehr Stempel als zu Hause.
Zugegeben, meine Bilder waren nur mit der Digitalkamera schnell auf der Terasse vor der weißen Hauswand geschossen und dann über die eierlegende Wollmilchsau meiner Mama in Paßbilder verwandelt worden – laß ich eben richtige machen! Yana wußte auch schon wo. Automat in der Metro soll wohl nicht so doll sein, also ab in einen Laden. Dort angekommen, mußten wir ersteinmal eine halbe Stunde warten, denn die Besitzerin kopierte gerade für eine Kundin irgendwelche Dokumente – stapelweise Umsatz. Als ich dann dran war, ging alles ganz schnell: Hinsetzen, Yana macht mir die Haare, Licht an… und dann… Digitalkamera + Wollmilchsau. Eigentlich wie zu Hause! Aus zwei Bildern durfte ich mir eins aussuchen und sie würde sogar noch die Locken am Hinterkopf retouchieren. Yana war’s zufrieden.
Am nächsten Tag konnten wir die Bilder dann abholen. Das nächste Mal bewerbe ich mich damit beim Hauptrollencasting zu „Der Untergang“. Ist ja nur für’s Visum… Fazit: 5 Bilder für 120 Rubel sind eigentlich in Ordnung, und: Meine Haare mache ich demnächst alleine.

Metrofahn!

Heute mußte ich an die Berliner Verkehrsmittel denken: An jeder Station steigt ein mit Adidasklamotten gekleideter Mensch aus irgndwoher in die Bahn, steckt eilig die RayBan-Brille in die Tasche und sackt beim Überschreiten der Eingangsstufe sofort merklich zusammen. Man sieht richtig, daß es ihm plötzlich richtig schlecht geht. Kaum ist die Tür zu, folgt ein 50-Zeilen-Monolog über kalte Nächte im Hochsommer und sonstige Eigenheiten unseres Sozialsystems. Nach verlassen der Bahn, wird sich ersteinmal tüchtig gestreckt und dann geht es weiter zum nächsten Wagen. Die jugendlichen Beine auf AirHypeLiftSonstWieSohlen einer beliebigen Markenfirma bringen schnell zur nächsten Tür. Zweite Möglichkeit ist natürlich auch das verwahrloste Opfer, welches schon durch Aussehen und Geruch die Fensterscheiben mattiert und dadurch eventuell vorhandenes Mitleid odr gar Sympathie sogleich im Keim erstickt. Der Monolog ist eigentlich gleich, nur klingt hier häufiger die Ignoranz für die Grundregeln der deutschen Sprache durch. Wie komme ich darauf?

In der Moskauer U-Bahn und im Allgemeinen in Moskau ist das nicht zu sehen. Komisch. Die Quote an Menschen unterhalb der Armutsgrenze ist jedenfalls um Potenzen höher und es gibt 3 bis 4 mal soviele Einwohner. Woran liegt es? Polizei strenger? Offensichtlich ist die Polizei in Sachen Überwachung der Metro deutlich strenger. Pennerähnliches Volk und solche die so aussehen – also alles was irgendwie georgisch (wie ich zum Beispiel…), kasachisch usw. daherläuft, wird beim Betreten des Bahnhofs garantiert nach dem Ausweis gefragt. Nun gut, dann hängen sie also alle VOR dem Bahnhhof rum – stimmt aber nicht. Vor dem Bahnhof gibts vor allem märchenhaft echte Großmütterchen, welche, sich ständig bekreuzigend, verkitschte Apostelbildchen feilbieten. Vielleicht eine andere Art von Bettelei, aber dazu später. Zweitens fällt auf, daß es garantiert niemanden unter 60 gibt, der sich freiwillig vor den Bahnhof stellt. Außerdem steht da bis auf wenige Ausnahmen wirklich niemand, der nicht wenigstens IRGENDETWAS verkaufen würde. NUR Betteln gibt es fast nicht. Verkauft werden Taschentücher, Sonnenblumenkerne, Kürbisstücke, Kuchen, irgendwas. Da sehe ich schon die entscheidenen zwei Unterschiede: JEDER macht irgendeine niedere Arbeit, und wenn es Müllmann oder Zettelverteiler ist – solange er kann. Das hat was mit Ehre zu tun. Ob Russe oder Kasache, völlig egal. Bei uns? Die Bequemlichkeitsschwelle ist wohl um Potenzen höher. Bettelt doch jemand, dann kann man sich darauf verlassen, daß er nichts anderes mehr zustande bekommt. Mütterchen so krumm wie Flitzbögen, oder, wie heute in der Metro: Eine etwa 50-jährige Frau schiebt einen jungen Mann durch die Wagen. Gesagt wird nichts, es ist auch nicht nötig. Dem jungen Mann fehlen beide Arme und ein Bein, und die Frau ist seine Mutter. Pflegeversicherung und -dienst sind völlig unbekannte Dinge, und in Tschetschenien verliert mal schnell mal etwas. So kommt man dazu, über sein eigenes Land nachzudenken…

Kleine Beobachtungen

Am 4. Dezember ist Wahl. Duma-Wahl. Nicht DIE Duma, sondern das Moskauer Stadtparlament. Interessieren tut das hier sowieso wenige Menschen, denn ein großer Teil ist sich der eineschränkten Mitbestimmungsmöglichkeiten auch nach 15 Jahren bewußt. (Die anderen finden es toll.) Auch das letzte Fünkchen Demokratie wurde jenen nun genommen, denn die Option „[x] gegen alle Kandidaten“ wurde von den Stimmzetteln verbannt. Nun braucht man gar nicht mehr wählen zu gehen.

Vom Wahlkampf ist bis auf vereinzelte Plakate und Wimpelketten in der Metro noch nicht viel zu sehen. Morgens trifft man eine Nachbarin auf der Straße, eifrig das Plakat eines ungeliebten Kandidaten vom Laternenpfahl kratzend. Kommt man zu nahe, dreht sie sich unaufällig zur Seite und beginnt eine wichtige Unterhaltung mit dem georgischen Müllmann, welcher auf Anordung irgendeiner niederen Behörde bereits seit 4 Uhr morgens mit dem Reisigbesen die Haribotüten von den Orbitpackungen trennt, um sie sodann in einem alten Fernsehkarton von Samsung zu entsorgen. Alle zwei Wochen könnte er eigentlich auch einen der ehemaligen Ladas zusammenfegen, aber wahrscheinlich wäre der Samsungkarton dann zu schnell voll.

Vor kurzem wurden die Haustüren in unserer Straße mit einem modernen elektrischen Schließsystem ausgestattet. Die schwere Stahltür wird dabei nicht etwa durch ein Schloß gehalten, sondern durch einen armstarken Elektromagneten. Geöffnet wird entweder durch Codeeingabe auf der spritzwassergeschützten Tastatur oder mittels RFID-Schlüssels. Im Öffnungscode ist die Wohnungsnummer enthalten, sodaß die Ankunft in der betreffenden Wohnung schon beim Aufschließen der Tür durch einen formschönen Piepton gemeldet wird.

Das Gegenteil der Schließanlage ist der Fahrstuhl. Hier bewegt man mit einer hammerwerferartigen Bewegung einen schweren Bakelitknopf in die Schalttafel, woraufhin sich die Tür schnarrend schließt. Jener Knopf bleibt so lange in der Schalttafel stecken, bis der Fahrstuhl mit einem ungefederten Ruck in der gewünschten Etage aufschlägt und er wieder herausspringt. Manchmal glaubt man, daß dies so gewollt ist. Es hat auch den Vorteil, daß man unterwegs nie vergißt wohin man eigentlich fährt. Der Knopf meiner Etage ist zusätzlich für mich gegennzeichnet – er ist der einzige, dessen Beschriftung auf dem Kopf steht.

Ach, außderdem ist heute Tag der Revolution. Bis auf einen originell gestalteten Panzerkreuzer Aurora auf Basis eines MAN-Reisebusses und ein paar roten Leuten auf den Straßen eigentlich nichts dolles passiert.

Netz weg :-(

Heute haben sie mir das Netz abgeschaltet, weil ich über die 150mb/Monat-Grenze gekommen bin. Also telefonieren – niemand spricht English. Yana war natürlich auch begeistert und erzählte denen solange etwas von mBit und mByte, bis sie es wieder angeschaltet haben. vielleicht wollten sich das einfach nicht länger anhören… Nächste Woche gibts irgendeinen anderen Tarif – Shaping auf 200kBit/s und unlimited traffic. Auch gut!

Wie schon den den USA, kann ich das Fernsehen nur als sehr hilfreich preisen. Zuhause habe ich nichtmal einen Fernseher, aber sobald ich im Ausland bin, gewinnt er an Bedeutung. Man lernt relativ schnell etwas! Mittlerweile kann ich sogar einzelne Worte unterscheiden. Naja, es fehlen noch soooooo viele Vokabeln und Grammatik… eieiei. Wird schon werden. In 5 Tagen kann man wohl kein Russisch lernen. Meine Lehrerin ist sehr nett und zeigt sich zuversichtlich, daß ich in absehbarer Zeit bewußt etwas ausdrücken kann, ohne meiner Umgebung die Fußnägel einzurollen. Wir werden sehen.

Russisch lernen…

Heute is endlich Wochenende. Ich habe jetzt 4x pro Woche jeweils 3,5 Stunden am Stück Sprachunterricht. EINZELunterricht. Paradiesische Verhältnisse für einen absoluten Anfänger also. Irgendwie liegt das wohl daran, daß die Leute eigentlich schon im August oder so anfangen zu studieren, und dann zu dieser Zeit schon alle in den nächsthöheren Kurs entlassen wurden. Nun ist also meine Gruppe so klein, daß ich mit der Lehrerin alleine dasitze.

Am Donnerstag hat mich der Dekan einer anderen Fakultät (IU – Informationstralala und Automatisierung) mit in sein Labor genommen. Er ist offenbar ein Freund von Herrn Belkin und deshalb ging das irgendwie. Na jedenfalls meinte Herr Belkin etwas von Mikrokontrollern und Programmieren etc… Das Labor besteht aus 2 Computern, wovon einer kaputt ist. Programmiert werden da ‚Mikro’kontroller von der Größe eines Ziegelsteins (SPS etc.) Komischerweise kommen diese Ziegelsteine von AEG, Siemens und Schneider Elektrik – also industrielle Automatisierungstechnik. Das hab ich noch nie gemacht, deshalb werde ich das mal ausprobieren – ist jedenfalls alles sehr ungezwungen und nett.

Vor der Uni gibt es einen Stand, an dem man MS Office, Windows und jegliche andere Software zu guten Preisen vom freundlichen Raubkopierer erstehen kann – Rohling inkusive.

Außerdem habe ich heute gelernt, daß die Männertschapkas (wenn man wirklich cool ist) einen Schwanz haben, und die Frauenvariante nicht. Sieht dann aus wie ein Trapper im Wilden Osten, aber war angeblich vor 2 Jahren einmal tierisch angesagt. Man hat mir auch sogleich eine fuchsrote Tschapka mit halbem Fuchs hintendran angeboten, welche mir jedoch leider nicht gepaßt hat. Mist. Na wir haben schon einen Markt ausfindig gemacht, wo ich dann eingekleidet (werden) werde. Schlaghosen sieht man hier auch allenfalls bei Frauen – da sehen sie auch deutlich besser aus.

Hmm ja, Frauen… Stiefel bis zum Horizont, Makeup wie im Theater (kann aber nicht sagen, daß es schlecht aussehen würde), teilweise ausgesprochene Schönheiten – ansonsten wie bei uns.

Endlich Student

Seit heute bin ich stolzer Besitzer eines Studentenausweises. Natasha (eine Studentin, die ich zufälligerweise am ersten Tag getroffen habe… sie kann im Gegensatz zu ALLEN anderen Mitarbeitern im foreign students department sogar Englisch und hilft mir bei organisatorischen Angelegenheiten, da Yana ja nicht jeden Tag krank spielen kann :)) war heute mit mir bei der Registrierung – jetzt habe ich Papier statt Paß. Ende der Woche kann ich dann den Paß abholen und kurz bevor mein Visum am 30.11. abläuft, muss ich dort wieder antanzen und es verlängern lassen. Na mal sehen. Dr. Iwanowitsch (der ‚Kontakt’professor zwischen Berlin und Moskau… irgendwie ein persönlicher Freund eines unserer Mechanikdozenten – Name gändert) hat gestern noch Kontakt zur Fakultät für russische Sprache geknüpft, sodaß ich heute dort sprachgestestet wurde und auch gleich für 4 Mal pro Woche zum Unterricht eingeteilt wurde – Beginn ist morgen. Die sind alle sehr nett dort und sprechen schön langsam. Deutsch und Englisch wird nur unter schweren Schmerzen verwandt, denn wir wollen ja alle russisch lernen, nicht?

Angekommen & Eingerichtet

Der denkwürdige Tag: Aus einem aus der Wand kommenden cat5 Kabel konnte ich mit wirren Angaben meiner Freundin und nach Treiberpatchen so eine Art Internet entlocken. Scheinbar gibt es hier so eine Art Verein, welcher für Kunden einen mind. (ich weiß es nicht genau) 3-mbit DSL-Zugang legt und dann dort in verschiedenen Tarifen abrechnet. Alles sehr komisch. Jedenfalls ist es ein VPN mit abgeschalteter Verschlüsselung (??) und Mac-Filter. Da ich unbedingt mit der ollen Airportkarte ins Netz wollte, gabs wieder ärger, weil Apple von Natur aus das Wechseln von Mac-Adressen aus dem betreffenden Treiber geworfen hat. Einfach toll. Egal, irgendwo im Netz stand etwas von HEX-Editor… jetzt gehts.

Das ist übrigens unser Haus:

haus