Гостеприимство по-русски – Gastfreundschaft auf Russisch

Гостеприимство по-русски – Gastfreundschaft auf Russisch – so nennt sich Kapitel 5 in meinem Russisch-Lehrbuch. und genau das erleben wir gerade in St. Petersburg!
Ein VW-Bus-Fahrer aus dem russischen Forum hat uns zu sich nach Hause eingeladen und gemeinsam mit einigen anderen VW-Bus-verrückten einen Grillabend in Kronstadt organisiert. Schaschlik, VW-Busse und kein(!) einziger Schluck Vodka.
Viktor hat sich nur für uns 3 Tage frei genommen und zeigt uns nun St. Petersburg, macht uns Frühstück, Mittag- und Abendessen und beherbergt uns in seinem Gästezimmer, Wäsche haben wir auch schon gewaschen – super! 🙂

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Von Sibirien immer nach Westen…

Von der Mongolei zum Baikalsee, dann quer durch Sibirien immer Richtung Heimat. Hier ein Schlenker und da ein Schlenker aber die Abendsonne immer voll im Gesicht 🙂 Ein paar Eindrücke aus Russland, leider durch die Visasituation arg begrenzt. Wir müssen auf jeden Fall wiederkommen, tiefer nach Sibirien rein, mehr Visum in der Tasche…

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Tiger rennt…

Getriebe ist aus dem Zoll geholt, Sarah ist im zweiten Anlauf tatsächlich angekommen, Getriebe eingebaut und wir sind auf und davon! Binnen Minuten die Grenze nach Russland überquert und sofort von Horden sibirischer Stechmücken in Empfang genommen worden, so hatten wir uns das vorgestellt 🙂 Das Offroad-Programm für Russland ist bis auf weiteres gestrichen, da die grundsätzliche Ursache für den Getriebeschaden nicht behoben werden konnte. Die Devise heißt jetzt also: Ab nach Hause und dabei trotzdem noch etwas erleben… Alles in allem: Tiger rennt!

Hier noch ein Bild aus der Mongolei, mit kaputtem Geländegang muss man eben im ersten fahren… etwas schneller bergan 🙂

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Mongolei – Berlin und der missglückte Versuch, wieder in die Mongolei einzureisen…

Endlich in der Mongolei, muss ich auch schon wieder nach Deutschland reisen. Es gibt etwas zu klären, das ich nicht aufschieben oder von jemand anderem erledigen lassen kann. Also beschließe ich, mit dem Flugzeug nach Berlin zu fliegen um 2 Wochen später wieder zurück zu fliegen.

Als ich in Berlin bin, ruft Martin aus der Mongolei an: Das Getriebe gibt erneut den Geist auf, Spätfolgen des letzten Getriebeschadens und dem Einbau bei nicht optimalen Verhältnissen.

Also schlachten Stephan, Anne und ich das überholte Ersatzgetriebe, das noch in der Halle in Berlin liegt aus, so dass ich es als Übergepäck mit dem Flieger mitnehmen darf. 38 Kilo im Rucksack sind nicht gerade ein Traum, wenn man dann noch mit S-Bahn, Bahn und Taxi in die Nähe Hamburgs reist, um den Eltern einen dreitägigen Besuch abzustatten.

Am Sonntag haben meine Eltern mich zum Hamburger Flughafen gebracht und nach einigem Erklären dort, was das für ein komisches Ding in meinem Rucksack ist und mehrmaligen Erklären auch bei der Bundepolizei warum ich zwei fette Zahnräder im Handgepäck mitführe, darf ich alles mit ins Flugzeug nehmen – große Erleichterung!

Der Flug verläuft wie geplant, kurze Zwischenlandung in Moskau und endlich weiter in Richtung Ulan Bator, zurück zu Martin und dem Tigerbus!

An der Passkontrolle blättert die Beamtin meinen Pass immer wieder durch und fragt mich, wo das Visum sei. Ich bin völlig überrascht und antworte, dass ich ein „Visa on Arrival“ geplant hatte. Also gut: Nebenan ist das Immigration Office. Vor mir sind noch zwei Männer dran, die (wie ich) kein Passbild dabei haben, das scheint aber normal zu sein, die Beamtin hat eine Kamera da, mit der sie das Problem lösen kann.

Dann bin ich an der Reihe… „Wo ist ihre Einladung?“ Eine Einladung? Habe ich nicht…
Ein anderer Beamte kommt und meint, dass ich dann wohl zurückfliegen müsse. Ich lache aber das scheint kein Witz zu sein. Fest überzeugt davon, dass das jetzt kein Problem darstellen dürfte – oder wenigstens ein lösbares, rufe ich Martin an, der wiederrum Albert anruft, einen perfekt Englisch sprechenden Tschechen, der ebenso perfekt Mongolisch spricht.
Albert telefoniert mit der Beamtin und nach einigem Hin- und Her, lässt die Beamtin nicht mehr mit sich reden. Eine andere Frau kommt rein und meint, ich solle mich beeilen, mein Flugzeug würde schon auf mich warten.
Ich kann das nicht fassen und telefoniere mit Martin. Der hat in der Zwischenzeit die Telefonnummer des deutschen Konsuls in der Mongolei herausgefunden und ihm die Lage bereits geschildert. Aber auch der kann nichts ausrichten.

Die andere Frau wird ziemlich unfreundlich, erklärt mir, das Flugzeug warte auf mich und habe deshalb nun schon Verspätung. Sie bringt mich zum Flugzeug, zurück nach Moskau… Kurz vorm erreichen des Flugzeugs rufe ich dann noch einmal den Konsul an, der mit einem anderen Uniformträger, der neben dem Flugzeug steht, versucht, alles zu klären.

Tja: Keine Chance! Ich steige also völlig fertig ins Flugzeug – der Flugbegleiter fragt mich nach dem Boarding Pass – habe ich nicht! 10 Minuten später sagt er dann, ich solle mir einen Platz aussuchen, es scheint nun ohne Ticket zu gehen.
Ich schnalle mich an und kurze Zeit darauf startet das Flugzeug. Nach 12 Stunden Vorfreude auf die Mongolei und unsere Weiterreise, sitze ich im Flieger zurück nach Moskau, der mich aus der Mongolei deportiert!
Völlig hilflos und ziemlich fertig, den Tränen mehr als nah, fliege ich also zurück. Ich habe noch nicht einmal Hunger und wer mich kennt, weiß, dass das nicht normal ist!
In Moskau angekommen, versuche ich mir Hilfe von der deutschen Botschaft in Moskau zu holen – Fehlschlag – die können nichts tun.

Wir haben uns gedacht, dass ich nun von Moskau aus einfach nach Ulan Ude in Russland, südlich des Baikalsees, der Mongolei sehr nah, fliegen könnte: Pustekuchen… Wir haben den 30. Juli und mein Russlandvisum ist erst ab dem 1. August gültig. Mehr als 24 Stunden darf ich mich nicht im Transferbereich aufhalten, sonst werde ich deportiert… Heidewitzka!

Alle Ideen und Pläne helfen nichts: Ich muss weiter nach Berlin fliegen und mir dort ein neues Visum für die Mongolei holen. Also buchen Martin und ich einen Flug für mich. Es ist ungefähr 14 Uhr und wir bekommen entweder einen Flug 6 Stunden später für 800 Euro oder 18 Stunden später für knappe 300 Euro. Macht einen „Stundenlohn“ von ca. 16 Euro für’s Warten – ich entscheide mich aufgrund unserer finanziellen Minussituation für den günstigeren Flug.

Nun sitze ich auf dem Moskauer Flughafen, auf dem es glücklicherweise WiFi gibt, und warte… Es ist 3:45, also nur noch 4 Stunden. Das Schreiben dieses Textes hat wenigstens etwas dazu beigetragen, die Zeit zu überbrücken. 🙂

In Berlin werde ich dann zur mongolischen Botschaft fahren und mir ein Expressvisum ausstellen lassen, das ich nach 24 Stunden abholen kann. Zur Sicherheit werde ich dort darum bitten, mir ein Schreiben ausstellen zu lassen, dass ich ein Getriebe transportiere und warum und weshalb – hoffen wir, dass das alles so funktioniert und ich vielleicht „schon“ Ende dieser Woche zurück in Ulan Bator sein kann.

Geholfen hat in den letzten Stunden bzw. eher Tagen, dass uns ziemlich viele Menschen ihre Hilfe angeboten haben – Danke dafür! Und Danke auch für die zahlreichen Beileidsbekundungen. 😉
Bitte weiterhin die Daumen gedrückt halten!

Vom Vorhang, der das Rosten lernte

Als ich endlich aus dem Bett krieche, ist Sarah schon nicht mehr da. Sie muss auf einer nächtlichen Pipi-Wanderung verloren gegangen sein, denke ich mir. Durch das völlig verdreckte Heckfenster sehe ich etwas Sonne und so öffne ich in freudiger Erwartung warmer Sommerluft die Dachluke. Bing, ein dicker Klotz Nordpolarluft fällt mir auf den Kopf. Luke wieder zu. Das Heckfenster läßt sich aber gut öffnen, denn die Standheizung schiebt mir von hinten immer schön warme Luft auf den Pelz. Meine verklebten Augen erkennen einen Campingstuhl, das muss Sarah sein. Dick eingemummelt sitzt sie mit einem Buch in der Nähe des Wassers und tut so, als sei Sommer. Selber Schuld denke ich mir, und wickle mich in die Decke. Auf dem Wasser dümpelt in einiger Entfernung ein kleines Schlauchboot, in welchem ein Mann zu sitzen scheint. Angelt er? Jedenfalls sieht das Boot so klein aus, dass seine Füße genau bis ans Ende reichen. Etwas neben unserem Bus steht ein orangener Lada mit ebenfalls nahezu orangenem Rostbefall an allen relevanten Teilen – das muss das Auto des Anglers sein. Jetzt kommt der Angler zurück und auch Sarah scheint endlich verstanden zu haben, dass es draußen schweinekalt ist. Wir essen Frühstück und sehen dem Angler zu. Er paddelt mit dem Rücken zu uns in Richtung Anleger (bzw. den Resten… oder Anfängen… eines Anlegers) und dreht alle zwei Minuten das Boot um uns einen Blick zuzuwerfen. Er war wohl ziemlich weit draußen, denn als wir fertig zum Losfahren sind, ist er immer noch nicht am Ufer.

aus dem Fenster - Fischerinsel

Gestern sei ich die ganze Zeit gefahren, und vor allem die spaßige Geländefahrt hätte ich ihr vorenthalten! Kurz: Sarah fährt jetzt. Ich maule ein wenig um klarzumachen, dass wir heute garantiert nicht noch bis zur zweiten Halbinsel fahren werden. Da gibt es eh nichts anderes zu sehen und wir verlängern den Rückweg einfach auf das Doppelte. Sarah ergibt sich meinen Ausführungen, glücklich, dass sie endlich Drecksstraße fahren darf, aber im Innern ist sie etwas angefressen – ist doch soooo schön hier! Nun denn, wir schaukeln los. Die Piste ist hier noch ganz passabel und so geht es von einem Schlagloch zum anderen. An der Seite tauchen rote Fähnchen auf und auf einem Hügel erkennen wir reges Treiben. Ein komplettes Armeelager wird dort aufgebaut! Zelte für Menschen, Gerät, Funk, ja sogar eine Tankstelle wird eingerichtet. An der Tankstelle wickeln 2 junge Burschen gerade Stacheldraht ab, als ein gelber VW-Bus direkt an ihnen vorüberschaukelt. Mehr ist erst einmal nicht zu sehen, aber jetzt wird uns auch klar, warum wir nachts auf einen völlig gesperrten Strand gefahren sind. Ich überlege mir, wie sie wohl reagiert hätten, wenn wir den falschen Feldweg genommen und direkt in das Lager gefahren wären? Nachts, halb 12? Heidewitzka. Ist zwar alles nur Spielchen hier, aber wer weiß. Direkt vor uns biegen zwei KAMAZ 6×6 auf die Piste ein. Im Führerhaus sitzen je 3 Bürschchen in Uniform und die scheinen mit irgendeinem lustigen Fahrauftrag durch die Pampa rollen zu dürfen. Die Autos sind sehr schön anzusehen, aber sie sind uns doch etwas zu langsam. Sarah tritt auf den Pinsel und wir scheppern vorbei an 6 verdutzten Gesichtern, mitten im Nirgendwo, mitten in einer Armeeübung.

Irgendwann halten wir an, um ein paar Fotos zu machen und klettern dazu auf einen nahegelegenen Hügel. Wir befinden uns in einer nasskalten, leicht wolkenverhangenen Eiszeitlandschaft, die so gar nicht zur Zivilisation paßt. Als wir auf dem Hügel über verrosteten Stacheldraht stolpern wird aber schnell klar: Hier war schon jemand. Ganze Armeen sind hier durchgezogen! Die Front zwischen Kirkenes und Murmansk war wohl eines der am schlimmsten umkämpften Gebiete im 2. Weltkrieg, weil der Hafen von Murmansk und die Murman-Bahn Richtung Süden absolut lebenswichtig für den Nachschub der Alliierten war und erfolgreich (!) bis auf’s Blut verteidigt wurde. Unten fahren wieder die beiden KAMAZ vorbei und mit etwas Staub vor den Augen könnte man den Zeiger problemlos 60 Jahre zurückdrehen. Nur der knallgelbe Bus stört.

ostrov rybachii

Wir holen die LKW bald wieder ein, als auf der Straße plötzlich eine Art Kontrollposten auftaucht und sie anhalten. Das gehört wohl irgendwie zu deren Spiel und so fahren wir einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Die Strecke ist zäh und wie schon auf dem Hinweg zählt der Kilometerzähler elend langsam. 10km vor der nächsten Asphaltstraße halten wie an einem abscheulichen Müllhaufen an und fotografieren ihn. Sarah würde das am Liebsten direkt Herrn Putin unter die Nase reiben, aber das wird wohl nicht ganz klappen. Mal sehen was wir damit anfangen können. Auf dem Fahrersitz machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar und mit jedem Schlagloch steigt das Verständnis für die Entscheidung von heute morgen spürbar an. Als wir es fast geschafft haben, beglückwünschen wir uns beide zu der weisen Entscheidung und freuen uns auf das paradiesische Abrollgeräusch einer zerlöcherten Asphaltstraße.

müll

Heute geht es also endgültig zur Grenze und hinüber nach Norwegen. Doch bevor wir Rußland verlassen, wollen wir uns natürlich bis zur Dachkante mit Diesel volllaufen lassen. Es geht nach Pechenga, der nahezu letzten Stadt vor der Grenze. Pechenga besteht eigentlich nur aus russischer Armee. Ein abgesperrtes Gelände nach dem anderen. Hohe Zäune umschließen Garagenkomplexe und Wohnblocks, die Straßen sind mit Ketten und Verbotsschildern gesäumt. Alles was hier aus Eisen ist, wird auf magische Weise durch regelmäßig aufgetragene Farbschichten zusammengehalten. Im Detail ist also alles recht stabil, im Ganzen eher leicht schief und kurz vor dem Abpfiff. Trotzdem wird hier der altbewährte Trott gnadenlos durchgezogen. Jedes noch so verfallene Wachhäuschen ist besetzt, an den Toren stehen blutjunge Kerle stramm. In einer zivil anmutenden Ecke gibt es Wohnblocks, welche irgendwie an einige Gegenden zu Hause erinnern. Die Straße ist bis zu den Zäunen gesäubert und man sieht einige junge Russinnen mit Kinderwagen. Das einzige Holzhaus steht direkt an der Hauptstraße, welche zufällig auch die einzige Straße Pechengas zu sein scheint. Es ist das Badehaus der Armee. Hier warten 30 Mann mit Handtüchern und Seife vor der Tür darauf, dass die Kameraden drinnen endlich fertig werden. Es ist gar nicht so warm draußen.

Wir hatten uns ja eigentlich eine Tankstelle erhofft, müssen aber feststellen, dass Pechenga wirklich gar nichts in dieser Richtung zu bieten hat. Ein Blick auf die Karte verspricht bis zur Grenze nur weitere Tundra und eine Siedlung, welche dem Symbol nach keine 10% von Pechenga mißt, weshalb wir uns für den Reservekanister entscheiden. Die Nadel der Tankanzeige kratzt schon bedenklich am falschen Ende des roten Bereichs und so halten wir kurz hinter Pechenga an, um den Kanister unter der Vorderachse herauszukramen. Als ich das Werkzeug suche, fällt mir ein Rinnsal Milch in der Motorraumabdeckung auf. Was zum Geier… Im Seitenschrank ist offenbar eine Packung Milch Leck geschlagen und der weiße Saft verteilt sich schon munter durch den kompletten Bus. Ein beherzter Schlag auf die Heckklappendichtung läßt sie in alle Richtungen spritzen. Ich nehme mir das Werkzeug und verziehe mich nach vorne, soll Sarah sich doch durch diese Pampe wühlen, sie hat die Milch ja schließlich da hineingeworfen. Die Straße ballert ein dicker Panzer auf gummibelegten Ketten entlang.

Als ich den Kanister gerade zum Tanken heben will, hält neben uns ein silbergrauer BMW X5. Drin sitzen zwei beschlipste Männer und fragen, was wir denn so machen. Wir erklären kurz und sofort stellt sich der Fahrer vor. Er ist hier der Obernatschalnik von Pechenga und wenn wir irgendetwas bräuchten, dann sollten wir ihn doch einfach anrufen. Er schreibt seine Handynummer auf die Visitenkarte und übergibt sie uns. Dann ist er auch schon verschwunden und wir stehen leicht verwundert an der Straße. Da Wundern nicht gegen Frieren hilft, machen wir uns fix wieder an die Arbeit. Sarah räumt den gesamten Schrank aus. Ich habe da so eine Fleecejacke, die lag ziemlich weit unten. Sie scheint einen Großteil der Milch aufgesogen zu haben und hat damit ihren Zweck auf dieser Reise voll erfüllt. Angezogen habe ich sie nämlich noch nicht. Wir verfrachten sie in die Waschtonne und säubern jede einzelne Saftpackung. Auf dem obersten Regalboden sind kleine Schräubchen, deren Köpfe herauskucken und sich jetzt direkt in die Milchpackung durchgerüttelt haben. Der Fluch des nicht selbstgebauten und nur notdürftig in den Bus geworfenen Campingausbaus hat uns endlich erreicht. So ein Mist. Die ganze Karre stinkt nach Milch. Meine Unterhosen sind zufälligerweise in einem alten Verbandskasten gelagert und haben den Angriff der Milchkrieger schadlos überstanden.

Reservekanister leer, aus allen Poren nach Milch riechend und mit einer völlig verseuchten Fleecejacke in der Waschtonne geht es auf Richtung Grenze. Zur Abwechslung regnet es mal wieder Schweinebärchen. In einem kreativen Missgeschick des Betonteilewerks hocken zwei frierende Typen und bieten irgendetwas feil, aber wir fahren lieber weiter. Der Linienbus hält an dieser Haltestelle schon lange nicht mehr, denn die Straße davor gleicht einem Loch. Irgendwie teilt sich die Straße vor uns in eine Art Baustelle, einen total zerschossenen Fahrstreifen und etwas, was wohl mal eine Straße werden will. Abwechseln geniessen unsere Räder mal das eine und mal das andere. Zusammen mit ein paar Ladas fahren wir Schlangenlinien um rostige Baumaschinen und Schutthaufen. Zwischendrin überholt man dann immer wo es gerade gut paßt. Die Seite ist dabei egal. Bald kommen links und rechts der Straße endlich wieder Armeekomplexe – wir hatten sie schon vermißt. Fein säuberlich aufgereiht stehen hier frisch gestrichene Panzer, hunderte. Jeder ist absolut rechtwinklig eingeparkt, darüber hängt an einer Kette die Nummer des Standplatzes. Auf einer Art Hochsitz von atemberaubender Verfallenheit hockt das dazugehörige Wachpersonal und schaut argwöhnisch dem dreckgelben Bus hinterher. Da hängt sogar ein fetter Suchscheinwerfer am Geländer, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass er bei der kleinsten Veränderung seiner Lage sofort herunterbrechen würde. Solange man nichts sucht, sieht er frisch gestrichen sehr dekorativ und vor allem sicher aus. Wie alles hier. Links kommen lange Garagenreihen. Teilweise eingefallen, das Dach durch eine Plane ersetzt, die Türen hängen auf halb acht und sind streckenweise nur mit einem Stück Seil verschlossen. Durch die Löcher erkennt man grandiose Ausrüstungsgegenstände, wie man sie als verwöhntes Zivilisationsopfer nur aus dem Fernsehen kennt. Riesige Reifen, Kräne, irgendwelche Schlepper und gepanzerte Fahrzeuge schlummern hier wohlbewacht und frisch gestrichen. Hunderte! Zwischen den Garage wuseln auch Bedienstete umher, rangieren vor und zurück, pflegen, warten, pinseln. Es ist kaum zu glauben.

Wir kommen in die Nähe der besagten allerletzten Stadt: Nikel. Klingt wie Nickel, ist auch so. Hier wird schon seit Jahren in einer Nickelmine und der dazugehörigen Infrastruktur gehörig Dreck erzeugt. An einer Kreuzung taucht plötzlich ein Tankstellenschild auf. Wir können es nicht fassen! Für diese zwei Kilometer haben wir extra den Reservekanister geleert?! Die Tankstelle steht mitten in diesem Nichts aus Stein, Zivilisationsmüll und noch mehr nichts etwas außerhalb der eigentlichen Stadt. Selbige besteht sowieso nur aus ein paar Plattenbauten im wohl schmutzigsten aller Täler. Jedes Auto an der Tankstelle scheint mindestens einen Armeeangehörigen zu beinhalten. Sarah geht ins Kabuff, um die Pumpe freischalten zu lassen und nach einer Weile blubbert der kostbare Saft fröhlich durch den Schlauch. Ich gehe auch ins Kabuff. Sarah kuckt sich die Auslagen an, hinter der Theke posiert ein schnaufendes Ungeheuer. Und dessen Tochter. Die Kassiererin ist vielleicht Mitte 40, hat das Format eines Jungelefanten und bewegt sich ebenso dynamisch. Sie scheint irgendein nicht näher zu erkennendes Leiden zu haben, denn sie verzieht ihr Gesicht wie drei Tage Regen, zwanzig Plattenbauten, eine dreckige Mine, nur Armee und sonst nichts weiter. Warum nur? Ihre Tochter ist vielleicht knapp über zwanzig und steht mit verschränkten Armen am Ende des Verkaufstresens. Sie hätte eigentlich ganz hübsch sein können, aber sie strahlt absolut professionell giftige Trostlosigkeit aus. Eigentlich sieht sie so aus, als hätte sie sich gerade mit ihrer Mutter gestritten. So steht sie hier, in der grausigsten Gegend, die man sich so vorstellen kann – in der Tankstelle ihrer völlig frustrierten Mama und verkauft Sprit. An den Fensterscheiben schlägt sich der Dreck aus den umliegenden Schornsteinen nieder und begräbt jegliche Hoffnung auf Besserung. Die beiden haben absolut keinen Grund, auch nur ansatzweise freundlich zu sein. Das Wetter ist Dreck, ihre Situation und überhaupt alles sowieso. Als wir etwas geschockt wieder im Bus sitzen, können wir da eigentlich nur zustimmen. In Murmansk oder St. Petersburg springen die Jugendlichen hoffnungsvoll durch die Gegend, strahlen Energie und Selbstbewußtsein aus – hier das komplette Gegenteil. Insgeheim hoffen wir, dass die Tochter nur in den Ferien zu Hause sein muß, ansonsten aber in einer größeren Stadt zur Uni gehen kann. Sollte sie tatsächlich dauerhaft hier gefangen sein, verstehe ich ihren Gesichtsausdruck vollkommen. Den ihrer Mama auch.

nikel, russia

Der Weg zur Grenze besteht aus einer Schneise durch den Wald, welche auf der linken Seite direkt am Grenzzaun liegt. Am Horizont tauchen immer wieder wahnwitzig hohe Wachtürme auf, welche allesamt besetzt sind. Zwischendrin versperrt ein Schlagbaum die Straße und man darf nur passieren, nachdem die Papiere kontrolliert wurden. Insgesamt fühlen wir uns hier ziemlich überwacht. Was wohl passiert, wenn man anhält, um dem Wald Nährstoff zuzuführen? Gleich den Hintern voll Blei? Wir fahren weiter. An der Grenze angekommen, steht ein Auto vor dem Tor, der Fahrer ist verschwunden. Wir stellen uns ersteinmal dahinter und warten. Nach kurzer Zeit bemerkt uns ein Beamter und winkt uns zu sich heran. Er lotst uns über die Gegenspur, in die Einbahnstraße, von hinten durch das falsche Tor auf den Vorplatz. Er ist wunderbar freundlich und fragt, ob wie das erste Mal hier seien. Klar! Na gut, dann müßt ihr hier hin und da hin und überhaupt gute Reise. Wir parken das Auto vor dem Zollhäuschen. Drinnen ist es sehr kahl und ein einzelner Beamter nimmt sich unserer Papiere an. Wir haben die temporäre Einfuhrgenehmigung für das Auto nicht verloren und auch sonst geht alles problemlos seinen Gang. Nach zwei Minuten sind wir durch und kommen wieder aus dem Häuschen. Sarah muss in der Kälte warten, während ich mit dem russischen Zöllner zum Auto gehe. Er ist so alt wie ich und wir quatschen so drauf los. Ob ich russische Frauen mögen würde, woher denn mein Russisch käme, warum der Bus so große Räder hätte usw. usw. Nebenbei kuckt er in jedes Schränkchen und ist auch sonst sehr interessiert. Auch privat. Waffen haben wir keine und so ist das Spielchen schnell vorbei. Ab ins nächste Häuschen: Außer zwei russischen Autoschiebern ist niemand da und so warten wir auf den norwegischen Beamten. Er ist alleine hier und hat gerade Kundschaft auf der anderen Seite. An der Wand hängen riesengroße Plakate: Fleisch, Milch, Geflügel, Grünkram, ja einfach alles, was wir dabeihaben, darf wegen Seuchengefahr nicht eingeführt werden und ist in die Tonne vor dem Haus zu werfen. Na wunderbar. Jeder Schrank, jede Ecke, alles ist voll mit verbotenem Zeug und jetzt kommt die Zollkontrolle. Der Norweger muß nicht nur auf der anderen Seite Dienst schieben, er ist neben Paßkontrolleur auch der Zöllner. Auf russischer Seite haben wir mit 5 Personen zu tun gehabt, hier ist alles schon auf eine einzelne rationalisiert worden. Nachdem er merkt, dass wir EU-Pässe haben, klappt er sie sofort wieder zu und geht mit uns nach draußen. Zollkontrolle. Ich bereite mir im Kopf einen englischen Satz vor: Ich habe eben gelesen, dass man die Milch nicht einführen darf, aber die Tonne… In diesem Augenblick kuckt er in den Heckschrank, sieht die Milch, klappt wieder zu. It’s ok. Kühlbox beachtet er nicht. Er kuckt in die Kühlbox voller Wurst, klappt sie wieder zu. Huch? Gute Reise und bis zum nächsten Mal. Gelb ist der Bus auch, aha, tschüß. Das war Rußland. Aus, fertig, vorbei, das war’s.

Wir rollen nach Norwegen rein, sehen sofort den ersten Rastplatz und halten an. Es gibt ein Klo und einen Mülleimer, das muß Norwegen sein! Unter dem Auto bildet sich ein Fleck. Weiß mit gelben Tupfen. Ach Du lieber Himmel, woher kommt das denn? Ich ziehe einen Stopfen aus dem Schweller und mir plätschert fröhlich ein erbärmlich stinkendes Gemisch aus FluidFilm und H-Milch entgegen. Das paßt auf diesem blitzblanken Parkplatz natürlich gar nicht. Von der anderen Straßenseite sehen interessiert ein paar Einheimische herüber und so machen wir, dass wir davonkommen. Die Straßen sind aalglatt, es gibt keine kyrillischen Zeichen mehr und der nächste Parkplatz mit Klo und Mülleimer kommt in genau 5.3 Kilometern und sogar das TomTom kennt diesen. Sofort vermissen wir Rußland.

Wir fahren durch Kirkenes, welches im Weltkrieg traurige Berühmtheit erlangt hat und rollen auf der E6 Richtung Westen. Einen Schlafplatz finden wir recht fix, als wir einen Schotterweg rechts abbiegen und langsam Richtung Fjord rollen. Hier ist eigentlich nichts, aber quer über dem Weg ist ein geschlossenes Tor. Man könnte genausogut links und rechts am Tor vorbeifahren, aber irgendeinen Sinn wird das hier schon haben. So stellen wir uns einfach 20m neben das Tor und gehen ins Bett. Das Wasser kann man von hier aus schon sehen und die Sonne wird uns hier am Morgen hoffentlich auch finden.

Murmansk

Geweckt werden wir von einem sich nähernden Lada, welcher genau neben dem Bus zum Stehen kommt. Zwei Typen gehen zum Kofferraum und ziehen sich ersteinmal warme Sachen an, holen allerlei Gerät heraus und stapfen vondannen. Sie gehen zu einem entfernt liegenden Strommasten und ziehen irgendwas an den Drahtseilen der Abspannung herum. Der Sinn wird nicht ganz klar, aber die Sonne scheint – das ist die Hauptsache. Die Außentemperatur liegt bei 5°C doch die Sonne macht den Tag gleich viel wärmer.

Wir stehen auf halber Höhe eines felsigen Berges, auf welchen augenscheinlich ein steinbruchartiger Weg führt. Irgendwie haben wir in der Nacht durch Zufall die einzige halbwegs ebene Stelle erwischt. Weiter unten im Tal rauscht die M18, die Fabrik im Hintergrund füllt den wolkigen Himmel mit weiteren Schwaden. Die Piste muss ja irgendwo hingehen, also Allrad rein und los. Sanftes Geschaukel weicht alsbald einem Springen und Fallen, denn die Felsklunker werden kindskopfgroß und größer. Hier hat irgendeine Baumaschine den Felsen gebrochen und die Stücken werden vor allem scharfkantiger. Ich habe etwas Angst um die Reifen, denn durch ein temporäres monetäres Problem, fahren wir auf dieser Reise meine neuen Winterreifen zu Klump. Es wird steiler und hier und da geht ohne Sperre gar nichts mehr, weil man diagonal auf zwei Blöcken balanciert. Wir kommen nach oben und können auch nicht viel mehr sehen, schade eigentlich. Doch vielleicht kommt man ja noch weiter? Wir folgen dem, was wir für eine Spur etwas kleinerer Felsbrocken halten. Klonk hier, klonk da, wenn man sehr langsam kriecht, geht ja so einiges. Schon geht es wieder etwas bergab, als wir plötzlich vor einigen Kubikmetern unüberwindbarem Geröll knackend zum Stehen kommen. Jede Lenkradbewegung erzeugt ein mahlendes, knacksendes Geräusch unter den Reifen und ich kann die weißen Kratzspuren der scharfen Klötze auf den Reifenflanken erkennen. Rückwärts bergauf wäre hier der blanke Wahnsinn, da reißen wir uns sofort alles ab. Also umdrehen. Wir brauchen eine Stelle, an die der Bus quer passen würde. Also Aussteigen und alles genau ausloten. An der ersten Stelle kriege ich den Bus unter größten Qualen (Die Geräusche unter den Reifen…) fast quer, dann ist Schluß. Also wieder zurück, nächste Stelle. Hier klappt es nach 25-maligem Vor- und Zurückrangieren. Sarah steht draußen und springt immer von vorne nach hinten, damit ich nicht um einen Zentimeter in den nächsten Klotz rausche oder die halbe Karre aufschlitze. Eine Servolenkung ist ein großartiges Hilfsmittel, aber man kann damit auch wunderbar einfach einen Reifen töten, ohne es zu merken. Es ist wie, als würde man einen Fußball auf ein paar Messerklingen drücken und dann gewaltsam drehen. Dazu noch das Geräusch von mahlendem und knackendem Gestein… ein Traum, irgendwo vor Murmansk.
Als wir endlich wieder oben sind, fallen uns einige sehr scharfkantige Steine vom Herzen. Wir sind uns einig, hier liegenzubleiben oder sich gar irgendetwas kaputt zu fahren wäre einfach nur die gerechte Strafe für unsere Dämlichkeit gewesen.

150km vor Murmansk

Das Handy blinkt, SMS. Der Tag wird von einer Sekunde zur anderen beschissen. Zu Hause ist der Kater eingeschläfert worden. Äußerlich bin ich ganz ruhig, aber der Weg bergab zurück zur M18 ist doch die Scheisspiste vor dem Herrn. Was soll man dazu sagen – war besser so und überhaupt… trotzdem 🙁 Ich vermisse ein Radio… jetzt könnte ich mir etwas aus Jon Lord’s „Sarabande“ vorstellen. Nur ein paar Kilometer.

Wir fahren ja gerade durch den russischen Teil einer Gegend namens Lappland, als wie auf Bestellung ein verrostetes Hinweisschild einen Ort namens Laplandia an die M18 zaubert. Hier müssen wir natürlich raus, wer will schon am echten Lappland vorbeifahren? Kaum verlassen wir die M18, wandelt sich der Asphalt in eine unbeschreibliche Buckelpiste, welche wir nur langsam fahren können. Sind ja nur zwei Kilometer, also kein Problem. Im Nirgendwo kommen wir an einen Bahnübergang – und der blinkt! Schranken gibt es keine, aber wir kucken ersteinmal… es pfeifft und tatsächlich rauscht eine kleine Rangierlok an uns vorbei. Irre. Im völligen Nirgendwo steht menschliche Infrastrktur und sie funktioniert, einfach so. Die Piste wird besser, d.h. die Buckel werden länger und man kann mit knapp 50 unentwegt schaukelnd drüberbrennen. Jedes Mal, wenn wir tief in die Dämpfer sacken, gibt es ein hartes „klonk“. Da veränderliche Geräusche mein größter Feind sind, muss ich sofort anhalten und nachsehen. Die Sonne scheint kurz zwischen zwei Regenschauern, sodass ich mich direkt auf den Asphalt werfen kann. Der Blick dauert nur eine Sekunde, dann ist die Diagnose schon fertig. Gebrochene Stabistützen erkennt man ja fix. Wer braucht schon Stabilisatorstützen… Nach den Einschlägen auf den letzten Pisten eigentlich kein Wunder, also was soll’s. Mit einem Kabelbinder wird sie lose an die Spurstange gebunden, sodass sie beim Einfedern immer vor dem unteren Querlenker zu liegen kommt und nicht auf selbigem aufschlägt. Das Geräusch ist weg, beruhigt fahren wir weiter. Nach geschätzten 5km kommt immer noch kein Laplandia, und so drehen wir unverrichteter Dinge um. Nicht ganz: Die Tatsache, das Geräusch gefunden und unterbunden zu haben, stimmt wieder fröhlicher.

gebrochene Stabilisatorstütze

Direkt vor Murmansk verfahren wir uns ersteinmal, denn die M18 biegt irgendwann nach links ab, um weiter zur norwegischen Grenze an den Endpunkt des Kola-Highway zu gelangen. Murmansk selber liegt eigentlich unten direkt am Wasser einer ewig langen Trichtermündung, in anderen Ländern würde man wohl einfach Fjord sagen. Das Ufer ist eigentlich komplett mit rauchender Industrie, rostigen Hafenanlagen und sonstigem Zivilisationsunrat verbaut. Man kommt über einen kleinen Hügel und hat als ersten Eindruck der Stadt eben jenen. Schade. Mittlerweile zieht sich Murmansk auch weiter hoch in die Hügel und so kurven wir auf der Suche nach einem Supermarkt kreuz und quer, bergauf und bergab. Fährt man bergab, hat man einen schönen Blick über die Stadt und ihre verschiedenen Viertel. Auffällig sind viele umzäunte Gelände, welche alle irgendwie wichtig aber trotzdem trostlos und verlassen sind. Ein Gedicht aus Rost und Luft stellen 500 Blechgaragen dar, welche, sich gegenseitig stützend, das Regenwasser immer wieder zum nächsten Nachbarn leitend, mit der Mörtelkelle in eines der hügeligen Täler geschmiert worden zu sein scheinen. Solche Garagenviertel sind typisch in russischen Städten und beherbergen so manchen Schatz und Tüftler. Hier wird gesammelt, geschraubt und gelitten, gelacht, gesoffen und gestritten.

Murmansk

Wir wir so über einen der Hügel fahren, kommt uns ein Schild in die Quere: Severomorsk! Der Inbegriff der stolzen Polarmeerflottee der russischen Marine, speziell natürlich ihrer Atom-U-Boote. Mein Vater hatte uns schon am Telefon davor gewarnt. Hier soll das gehobene Wrack der Kursk liegen, hier gibt es mehr atomaren Dreck als man sich vorstellen möchte. Wir fühlen uns magisch angezogen und wollen ein Atom-U-Boot sehen, am Besten fotografieren. Bekloppte Touristen! Das mit dem Fotografieren ist schon nach 100m passé, da kommt nämlich das Schild. Das mit dem Sehen zögert sich noch eine Weile hinaus. Wir kommen an eine Art Grenzübergang und halten ersteinmal kurz an um das Treiben zu beobachten. Junge Kerle in viel zu großen Wattejacken – die Größenanpassung erfolgt einfach durch eine Falte auf dem Rücken, welche mit der Koppel zusammengehalten wird – stehen an Schranken und kontrollieren irgendwelche Papiere. Weiter rechts gibt es eine Spur für Busse und LKWs, welche gesondert abgefertig werden wollen. Eigentlich sieht alles ganz reibungslos aus, die meisten fahren nach einem kurzen Blick einfach weiter, genauso kommen welche aus der Zone auf unsere Seite. Sieht aus wie ein ganz normaler Durchgangsverkehr. Was soll schon groß passieren, fahren wir hin! Vorzuzeigen haben wir eigentlich nix, außer den Pässen. Wir werden kontrolliert und prompt wird uns erklärt, dass wir doch mal bitte zur Seiten fahren sollten. Die Pässe behält er gleich ein und trägt sie zur Seite in ein Büro. Wir sollen das Auto parken und dann nachkommen. Am Fenster erklärt mir ein Marineoffizier, dass hier eine gesperrte Zone sei, und er jetzt ersteinmal telefonieren müsse. Könnte so 20 Minuten dauern, sagt er auf meine Nachfrage. Das kann ja heiter werden. Wir gehen und warten am Bus. Immer wenn ich durch das Fenster schiele, telefoniert er. Dann schreibt er, dann telefoniert er wieder. Plötzlich steht ein jüngerer, blonder Marinemensch vor mir, übergibt mir die beiden Pässe und fragt in freundlichsten Worten, wer uns denn in der Stadt erwarten würde. Ich sage ihm, dass wir dort niemanden kennen und einfach nur so umherreisen. „Einfach so reisen“ wiederholt er, lächelt, entschuldigt sich noch einmal und wünscht gute Weiterreise. So einfach ist das wohl nicht mit den U-Booten.

Severomorsk - ZIL

Es geht wieder zurück nach Murmansk, bergab voll gegen die Sonne um die Wette mit Marschrutkas und Trolleybussen (E-Busse mit Oberleitung…). Vorbei am Stadion, dem Bahnhof, ach, hier könnte man ja mal rechts abbiegen.

Bergab in Murmansk

Die Straßen werden sofort schmal, ab und zu ein altes Holzhaus und an den Laternen sehen wir die Werbung der örtlichen VW-Vertretung. Die Gegend wird immer unmoderner, verkommener doch die Schilder weisen beharrlich geradeaus. Ein, zwei ehemals sehr schöne Holzhäuser passieren wir, eine gammelige Fernwärmeleitung überquert die Straße. An ihr hängen auffällig bunte, nagelneue Poster, welche eine gute Reise wünschen. Ob die das VW-Autohaus bezahlt hat? Und richtig, hinter der nächsten Ecke ist die VW-Vertretung. Grauer Betonbau mit viel Glas, gleiches Design wie zu Hause, einfach reingeklatscht in diese völlig fremde Welt, direkt dem einfachen Volk vor die Haustür. Wirkt sehr komisch. Wir halten an einem kleinen Laden an, vielleicht können wir hier unsere Vorräte etwas auffrischen, bald wird es teuer in Norwegen. Der Laden ist wie viele russische Tante-Emma-Läden organisiert: Ringsherum eine Theke, dahinter ein paar Frauen, welche emsig die gewünschten Waren zusammensuchen und dann gegen Geld über die Theke reichen. Wenn wir hier alles einkaufen wollen, brauchen wir ja Stunden – man muss ja alles erklären! Von der Hälfte der Sachen weiß ich nicht mal die Bezeichnungen, nein, das wird heute nix. Wenigstens kaufen wir Zwiebeln, Knoblauch und Speiseöl, das kriege ich auf die Schnelle noch zusammen. Mit uns sind drei Kaukasier im Laden, die tütenweise Dosenbier einkaufen. Als wir wieder herauskommen sind wir drauf und dran, unsere restlichen Rubel dem vor der Tür wartenden Bettler in die Hand zu drücken – doch er ist verschwunden. Stattdessen begegnen wir einer Frau, barfüßig in Latschen (wir frieren derweil in Jacke und Schuhen!), nur mit einem Küchenkittel bekleidet redet sie auf einen der Kaukasier ein. Der soll noch einmal zurücklaufen und anderen Sprit besorgen, Bier täte es nicht. Der Kaukasier weiß aber genau was hier läuft und läßt sich nicht beirren. Sie ziehen davon und nach einigen unwirschen Blicken tapert auch diese traurige Gestalt davon. Offenbar ist sie dem ALkohol zum Opfer gefallen, stapft in der Kälte zum Laden um Nachschub zu holen, doch die Frauen im Laden verkaufen ihr nichts mehr, sie wissen nur zu gut, was der Alkohol für Auswirkungen hat. Es ist schlimm mit anzusehen, aber leider ein alltäglicher Anblick. Langsam rollen wir aus diesem Viertel, wieder unter den Fernwärmeleitungen hindurch, vorbei an einem verlassenen Betrieb für „mechanische Erzeugnisse“. Der Schriftzug und das Logo dieses sowjetischen Kombinates prangen noch oben auf dem Haus, doch der Rost hat auch sie längst eingeholt. Fast hätte ich von einem Relikt aus längst vergessenen Zeiten geschrieben, doch angesichts der Menge an Arbeitsplätzen, die mit der Schließung dieses Betriebes gestorben sind, wird diese Zeit hier wohl niemand so schnell vergessen. Nur manchmal vielleicht, wenn der Alkohol endlich seine Wirkung tut. Wieder vorbei am schönen Holzhaus geht es in Richtung Zentrum, ein komisches Gefühl, hier so einfach herausrollen zu können.

Holzhaus in Murmansk

Glückliche Reise

An der Hauptstraße findet sich recht schnell ein größerer Supermarkt – hier wollen wir so richtig aufziegeln, damit wir Norwegen wenigstens finanziell etwas abpuffern können. Brot, Milch, Saft, große Stücken Käse und viel Wurst werden zusammengesucht. An der Wursttheke ist die Frau etwas verwundert, als ich 20 Würstchen verlange. Das wird wohl nichts werden sagt sie, aber sie geht mal kucken. 16 hat sie gefunden, na gut, die nehme ich alle. Wieviel möchte ich von dem gekochten Schincken? Tja was weiß ich denn, ein dickes Stück eben? Da in der Ecke liegt etwas passendes, sie rutscht mit dem Messer darauf umher, bis ich „genug“ sage. Sie empfiehlt mir noch eine andere Sorte, die nehmen wir auch gleich mit. Selbst hier in Rußland sind die Preise eigentlich jenseits von Gut und Böse. Zusätzlich merkt man noch, dass wir in Murmansk und nicht in Moskau sind, denn jegliches Obst und Gemüse wird in wahnwitzigen Kleinstmengen abgepackt und einzeln ausgepreist. Wir kaufen 10 Packungen mit je drei Mohrrüben. Am Ende gehen knapp 3000 Rubel in den Korb, irgendwie peinlich. Als wir wieder am Auto sind, kommt der Wachmann angelaufen: Wir haben unsere Bonuspunkte vergessen. Es ist doch nicht zu fassen, warum steckt er sie nicht selber ein? Wir hatten sie extra etwas auffällig liegen gelassen – vielleicht kann damit ja jemand etwas anfangen, aber nein, der gute Mann bringt sie uns hinterher. Sarah rennt noch einmal zurück und gibt sie dem erstbesten auf dem Bürgersteig. Der bedankt sich dafür ausführlich und wünscht Sarah irgendetwas Nettes.

Der Weg aus der Stadt wird heuzutage sehr vereinfacht, denn es gibt eine große Brücke auf die andere Seite des Fjords. Binnen 15 Sekunden hat man die komplette Stadt hinter sich gelassen und stößt auf der anderen Seite auf die M18, welche man vorher zugunsten der Stadt hatte links liegen lassen. Auf der Suche nach der Brückenzufahrt kommen wir nicht umhin, am Ortseingangsschild des Vorortes Kola noch ein Bild zu machen. Eine olle Schnepfe auf hohen Absätzen meckert uns voll, warum wir denn hier fotografieren würden und rennt geradewegs zu einem kleinen Wachhäuschen. Haben wir hier einen wachsamen Bürger aufgeschreckt? Bloß schnell weg hier, bevor die Tante irgendwelche Pferde scheu macht.

Kola

Wir müssen jetzt ersteinmal dringend etwas essen, also halten wir auf einem Feld um zu kochen. Es ist schon empfindlich kalt, sodass die Standheizung läuft, während ich draußen den Dastan starte. Wie immer werden es zu viele Nudeln, sodass wir hinterher völlig geplättet in den Sitzen hängen. Wir könnten ja heute Nacht ganz oben auf der nördlichsten Halbinsel schlafen denken wir uns, mal sehen was daraus wird. Es ist bereits kurz nach 8, als wir kurz vor dem Abzweig nach Norden von einer Straßensperre aufgehalten werden. Hier steckt ein gecrashter Lada auf einem Pfahl, als Mahnmal für Raser, wie mir der Polizist erklärt. Eigentlich ist es kein Polizist, sondern ein Soldat. Die ganze Gegend ist dermaßen Armee-verseucht, wie man es sich kaum vorstellen kann. Zuerst fragt er nur unfreundlich nach unseren Papieren, doch als ich ihm auf russisch antworte, erhellt sich sein Gesicht. Blöde Touris, aber mit denen kann man wenigstens reden und ein lustiges Auto haben sie auch. Er kuckt sich alles ganz genau an, und spätestens als er sein Handy herausholt um sich auch den Innenraum genau anzusehen wird klar, dass hier mehr sein privates Interesse verfolgt wird. Auch gut, solche Kontrollen laufen eigentlich immer schmerzfrei ab. Dass wir nach Norgwegen wollen stört ihn, denn die Grenze hat angeblich nur bis 21 Uhr offen, das schaffen wir ja nie – wo wir denn dann bleiben würden? Ich erkläre ihm, dass wir ja erst morgen zur Grenze fahren würden, denn heute wollen wir noch auf die Halbinsel. Ahh die Halbinsel, da gäbe es aber zwei, die Rybachi und die Srednii, welche denn genau? Na also eigentlich die ganz oben, die Rybachi. Er lächelt, als wüßte er schon was vor uns ist. Na gut, ob wir denn den Weg wüßten? Er zeigt und erklärt, alles ganz einfach und öffnet die Schranke. Sehr netter Mann.

Gleich hinter dem Kontrollposten geht es nach rechts in die Pampa, laut Karte würde man hier in Richtung Straße nicht viel erwarten, und so werden wir auch nicht enttäuscht. Nach kurzer Zeit ist der löchrige Asphalt verschwunden und der Weg wird zur Piste der übelsten Sorte. Mehr als Schrittgeschwindigkeit ist absolut nicht drin, die ganze Karre scheppert. Das Navi weiß natürlich nicht wo wir sind, aber so grobe Luftlinie sind es noch 64km bis zum Kap. Vater mach‘ Licht, ob wir das überleben? Endlos langsam zählen die verbleibenden Kilometer nach unten. Ein, zwei andere Autos kommen uns entgegen, hier direkt am Fluß scheinen einige zu angeln. Ein verwittertes Schild verweist auf irgendeinen Fischereibetrieb, aber davon ist nichts mehr zu erkennen. Die Piste wird einsam, also wir uns höher über einen Hügel Richtung Norden kämpfen. Es wird steinig und schlammig, links und rechts sind Tümpel und ab und zu auch mal ein netter Abhang. Als der Hügel überwunden ist, kommen wir endlich herunter zur Küste der Srednii-Halbinsel. Der Kilometerzähler steht bei 25 und es ist fast Mitternacht. Die Piste wird etwas besser, aber ich habe schon lange den Schacht gestrichen voll. Wir wollen zum Wasser und dort einen Schlafplatz suchen, doch das scheint gar nicht so einfach zu sein. Der erste Versuch scheitert auf einem steinigen Strand, welcher komplett mit Stacheldraht und Holzkreuzen versehen ist – was ist denn hier los? Bloß weg hier. Wir finden einen Weg, der an einer offenbar lange verlassenen Anstregung zum Bau eines Anlegers endet und stellen endlich den Motor ab. Es ist verdammt feucht draußen und die allzu nötige Standheizung macht das Rauschen des Meeres kaputt, aber das ist uns jetzt alles egal. Augen zu und weg.

Durch’s wilde Karelien 2

Drecksbus am See

Es ist kalt am See und die Sonne geht zufällig genau hinter dem Wald auf. Das schöne Ufer ist doch schon leicht von der Zivilisation beeinträchtigt worden und auch auf dem Strand finden sich die Spuren früherer Ausflügler in Form von Müll – nachts mit wenig Licht bekommt man wirklich immer den falschen Eindruck von der Umgebung. Eigentlich hatten wir uns genau aus diesem Grund dazu entschlossen immer noch bei Tageslicht einen Schlafplatz zu suchen, aber bisher haben wir das noch kein einziges Mal geschafft… die Konsequenz für die nächste Reise wird wohl eher sein: Mehr Licht ans Auto, schon alleine für Pisten und Straßen jenseits alleserleuchtender Zivilisation.

Die Landschaft verändert sich von gestern zu heute nicht groß: Sumpfige Wälder, Seen und Flüsse, dazwischen eine Piste, die einen von glattem Asphalt träumen läßt. Besonders beeindruckend ist die unendliche Vielfalt an Moosen, Flechten und Gräsern. Beim Versuch einige Fotos zu machen, hole ich mir sofort nasse Füße. Ein im Straßengraben liegendes Wolga-Wrack erleichtert mir den Einstieg von der Straße auf die Wiese, doch jeder Schritt klingt wie das Auswringen eines Schwammes und ich sinke 30cm tief in das Moos. Das Stativ bewahrt mich vor dem Umfallen. Da die Füße schon einmal nass sind, kann ich auch gleich ein paar Fotos machen. Es regnet zufällig mal 5min nicht, doch der Himmel ist seit Tagen von einer geschlossenen Wolkendecke bedeckt, sodass man eigentlich ohne Stativ nichts anfangen kann. Die Blende ist ständig weit aufgerissen, sodass man von Tiefenschärfe nur noch träumen kann. Das grüne Moos ist dennoch zu verlockend, und so wate ich durch die Gegend.

Moos

Moosi

An anderer Stelle gibt es sogar grazile Blüten zu beobachten, doch der aufkommende Wind macht es bei diesem Licht fast unmöglich hier zu fotografieren. Den Blitz wollte ich jetzt nicht noch auf die Wiese schleppen. Für die Baumfreundin vom Nebensitz gibt es auch allerhand zu bestaunen… gerade, krumme, große, kleine und wahnwitzig verdrehte Bäume stehen im Sumpf oder auf Wiesen und werden hier und da auch dokumentiert.

Blüte

Krisselkram

Bäume für Sarah

Wir nähern uns mit kleinen Schritten der M18, dem berühmten Kola-Highway. Die Piste ist so eklig, dass ich mir ständig überlege was bei diesem Gerüttel wohl alles über den Jordan geht. Jedes Geräusch muss lokalisiert werden, damit ich weiß was wo klappert und scheppert. Ab und zu fahren wir mit gespannte Ohren langsam über die Piste um ein neues Geräusch zu lokalisieren und wenn möglich zu unterbinden. Immer, wenn wieder eine Ursache gefunden ist, atme ich auf – vor allem aufgrund der Tatsache, dass bis jetzt alles im Innenraum gefunden werden könnte. Auf das Wechseln der Antriebswellen oder ähnliches hätte ich bei diesem Dreckswetter nun wirklich keine Lust gehabt. Noch 150km!

Es ist schon spät und dunkel als wir die M18 erreichen, doch Sarah ist jetzt voll in ihrem Element. Nach der Pistenorgie bin ich total im Eimer und mache einfach die Augen zu. An einer Tankstelle wache ich wieder auf. Normalerweise geht man mit etwas Geld zum Schalter, sagt die Pumpennummer an und bekommt den eingezahlten Betrag freigeschaltet. Also ab zum Schalter, Sarah weiß jetzt was „auf die fünfte“ auf Russisch heißt und los. Ich stehe draußen mit dem Rüssel in der Hand und friere, die Zapfsäule bleibt still. Sarah scheint da drin noch lustige Geschichten zu erzählen, jedenfalls kommt bald der Sicherheitsmann aus dem Kabuff und fragt mich, was wir denn wollen. Naja, Diesel und so, ne? Er fragt ob voll oder halb oder wie oder was, das ganze sehr, sehr freundlich. Er mag den Bus und findet es großartig mal etwas tun zu können. Ich möchte voll und er steckt einfach den Rüssel in den Tank und erklärt mir, dass der dann automatisch abschalten würde. Na dann? War ja einfach. Als der Tank voll ist, springt der Rüssel plätschernd aus dem Tank und wir müssen beide lachen. Ich sage nur „fast“, er grinst. Drin hat Sarah der Frau am Schalter schon erklärt, dass sie gerne einen Kaffee kaufen möchte. Die Frau kommt herum, nimmt ihr den Geldschein aus der Hand, führt ihn in den Kaffeeautomaten ein und tippt noch auf den Wahlschaltern auf die richtige Taste. Wir werden morgens um zwei dermaßen zuvorkommend und freundlich behandelt, dass wir nicht recht wissen, wie wir damit umzugehen haben. Da wir sowieso bessere Karten brauchen, kaufen wir sie gleich hier in der Tankstelle. Sarahs Kaffee ist fertig und der Automat spuckt ungelogen eine Hand voll Rubel aus. Als ich die Karten bezahle, gebe ich die komplette Hand voll wieder der Frau am Schalter, welche sie in Windeseile in die Kasse zählt. GLücklich und zufrieden verlassen wir die Tankstelle und der Wachmann sieht uns noch eine Weile lächelnd hinterher. Bäume, Blumen und Tiere sind die eine Sache, aber solche Begegnungen machen eine Reise erst zu einer Reise. Leider war der Kaffee als solcher nicht zu bezeichnen…

Ich schlafe wieder ein und Sarah fährt wie der Teufel mit russischen LKW und Wolgas um die Wette. Irgendwann in der Nacht überqueren wir den nördlichen Polarkreis, aber das weiß ich auch nur vom GPS. Hier steht kein Schild an der Straße, geschweige denn ein Polarsirkelensenteret mit ausgestopftem Streichelzoo und Wohnkloparkplatz – wer einmal in Norwegen über den Polarkreis gefahren ist, weiß, was ich meine…

150km vor Murmansk gibt auch der Teufel endlich auf und wir rollen eine grobe Schotterpiste hinauf auf einen Hügel. Unten im Tal sieht man eine Industrieanlage blinken, ansonsten ist es ruhig und schweinekalt. Die Gegend ist kahl und mit hunderten Strommasten jegicher Bauart und jeglichen Alters übersät. Wir scheinen auf den Überresten einer großen Straßenbaustelle zu stehen, anders ist das steinbruchartige Ambiente hier nicht zu erklären. Zu Essen gibt es nichts mehr, wir fallen einfach nur noch ins Bett.

Durch’s wilde Karelien 1

Zur Abwechslung hat es in der Nacht mal so richtig geregnet. Sämtliche zum Trocknen aufgehängte Klamotten sind wieder tropfnass, sodass wir diese jetzt irgendwo im Bus aufhängen müssen. Das wird schöön feucht in der Karre. Wir fahren mit voller Heizung und leicht geöffneter Dachluke – in der Theorie zieht die warme, feuchte Luft dann nach oben heraus.

Der Plan für heute ist recht einfach: Richtung Helsinki bis nach Vyborg, dann rechts abbiegen um den Ladoga-See auf der linken Seite zu umrunden. Das hat zwei Gründe: Erstens werden wir uns heute von Stephan und Anne trennen und zweitens wollen wir einmal quer durch Karelien fahren – ohne den M18 Kolahighway zu verwenden, welcher direkt von St. Petersburg rechts vorbei am Ladogasee bis nach Murmansk führt. Warum trennen wir uns? Ganz einfach: Wir sind zu spät losgekommen und die beiden sind keine Studenten – wir schon. Wir werden noch planmäßig bis Murmansk hochfahren, weil wir noch eine Woche hinten dranhängen können. Wird zwar alles sehr knapp mit dem Rußlandvisum, aber wenn wir jetzt schon hier sind, wollen wir auch bis zum Ziel. Stephan und Anne werden von der Nordwestecke des Ladogasees aus Richtung Finnland abbiegen um dann die Ostseeumrundung via Schweden und Dänemark schon etwas vorzuziehen. Der geplante Trennungsort liegt kurz hinter Sortavala, einer kleinen Stadt direkt am See, schon mitten in russisch-Karelien.

Die Straße von St. Petersburg nach Helsinki ist ganz gut, der übliche Buckelasphalt eben. Wie überall in Rußland geht es in rascher Fahrt mit grandiosen Überholmanövern in Schlangenlinien um noch grandioser stinkende LKWs. Dass dabei teilweise abenteuerliche Konstruktionen zur Lastenbeförderung unterwegs sind, brauche ich nicht zu erwähnen. Desöfteren ist neben dem allgegenwärtigen Müll auch eine Art Denkmal am Straßenrand. Hier ist offenbar der ein oder andere Fahrer mit seinem Gefährt im Wald zerschellt und die Angehörigen bilden aus der abgefahrenen Stoßstange, einem Kreuz und ein paar Kunststoffblumen einen mahnenden Schrein am Straßenrand. Man weiß nicht so recht was man, angesichts der an Kitschigkeit kaum zu übertreffenden Gedenkstätten, davon halten soll, aber ich will/kann mir auch nicht ausmalen, wie man selbst beim Verlust eines Kindes an einem Straßenbaum reagieren würde…

Vyborg ist schnell erreicht, doch den Abzweig Richtung Sortavala finden wir nur nach einigem Gesuche. Die Straße ist bereits sehr klein und der Asphalt ausgesprochen buckelig, zuweilen nicht mehr vorhanden. Nach wenigen Kilometern beginnt eine Schotterpiste, welche teilweise waschbrettartige Züge annimmt. Der Tupperbus kotzt, während wir freudig den Allrad zuschalten und Subaru Impreza spielen. Alle paar Kilometer warten wir dann auf die Anderen. Die Pisten werden hier zusätzlich von Holztransportern zerfahren, denn die ganze Gegend bis zum Seeufer ist Holzeinschlagsgebiet. Egal, wo wir anhalten: Es findet sich Müll im Wald. Vom einfachen Hausmüll bis hin zu kompletten Schutthalden, welche den Eindruck machen, als wären hier komplette Häuser mit Inhalt einfach mit dem Bulldozer den Abhang herunter geschoben worden. Man fragt sich, welcher denkende Mensch hier wohl am Werke war und versteht langsam den Sinn der Kalaschnikow.

Piste

Piste 2

Sortavala an sich ist nicht mehr so hübsch, wie es vielleicht einmal war, hier scheint einiges an Infrastruktur weggebrochen zu sein. Es gibt am Seeufer noch einige der alten Holzhäuser, welche in gar nicht so schlechtem Zustand sind, aber auch nicht direkt nach Pflege aussehen. Am Kai liegen zwei große Ausflugsboote, von denen eines sogar ein Tragflächenschnellboot zu sein scheint. Die Boote wirken völlig überdimensioniert, sehen wir doch ansonsten keinerlei weitere touristische Attraktionen, geschweige denn Touristen. Sie entstammen augenscheinlich einer früheren Zeit. Irgendetwas scheint jedoch in Bewegung zu sein, denn es wurde ein komlett neuer Fahrkartenkiosk mit farbigen Plakaten ans Ufer gestellt und die Boote sind frisch gestrichen. Als wir eintreffen hat der Schalter schon zu, sodass ich das Angebot nicht genau in Augenschein nehmen kann. Sicherlich wird es Verkehr zum Kloster Vallaaam geben, welches sich mitten im See auf einer Insel befindet und durch das Erstarken der Religion in post-sowjetischer Zeit sicherlich immer mehr Besucher anlockt.

Am Seeufer ist noch ein weiterer Kiosk aktiv, an welchem man sich hauptsächlich zum Trinken trifft. Er verbreitet lautstark die obligatorische Diskomusik am gesamten Seeufer, welche vor den ehrwürdigen Holzhäusern aus vergangener Zeit doch ziemlich absurd wirkt. Für solches Kontrastprogramm hat man aber in Rußland sowieso ein Faible, weshalb wir uns nicht weiter wundern. Als wir abfahren wollen, bekommt Sarah noch einen Heiratsantrag vom Oberclown der Dorfjugend. Er redet auf Russisch auf sie ein und hat allerlei Geschenke für sie, doch Sarah lehnt dankend ab. Unter einer Maultierherde von 50 Tieren macht sie es nicht, so viel kann er nicht bieten. Mit einer Flagge von Sortavala-Karelia als Abschiedsgeschenk kommt dann noch die Frage nach der Handynummer, aber Sarah tut einfach so, als gäbe es bei uns keine Mobiltelefone uns so kommen wir unbeschadet davon. Später sagt sie, dass Ihr der Typ zu klein war und seine Mütze hätte auch affig ausgesehen – was sind die Frauen heutzutage wählerisch…

Wenige Kilometer hinter der Stadt trennen sich unsere Wege. Links geht es nach Finnland, rechts weiter um den See und tiefer hinein nach Karelien. Wir überlegen noch, wer welche Ersatzteile eingepackt hat und tauschen ein paar Dinge aus, aber im großen und ganzen ist es recht unspektakulär. Da Stephans Navi keine POIs installiert hat, suchen wir wenigstens die GPS-Koordinaten eines Wohnmobilstellplatzes in Finnland aus meinem TomTom für sie heraus, welche dann mit dem Garmin und der Papierkarte zusammen vielleicht hilfreich sein können. Dann fahren wir rechts, sie links.

Sehr schnell wird uns bewußt, dass wir jetzt alleine sind. Das Handynetz bricht weg und wir haben die beiden Handfunkgeräte nach hinten in die Tasche gepackt – wir werden sie nicht mehr brauchen. Ab jetzt werden wir vielleicht etwas anders fahren, jedes Material muss geschont werden, damit wir heil nach Hause kommen. Noch 1500km bis nach Murmansk, davon ca. 500km grausigste Wellb[l|r]echpiste bis wir ca. in der Mitte auf den Kolahighway treffen wollen. An einem hübschen See halten wir an und geniessen die Abendsonne auf dem glatten Felsufer, bevor wir in nördliche Richtung abbiegen und tiefer nach Karelien eindringen.

Seeufer

Die Straßen sind hier einfach quer durch den Wald gekratzte Lehmpisten, welchen an besonders versumpften Stellen ein kleines Bett aus Schotter und Stein verpaßt wurde. Alle paar Monate fährt eine Art Schneeschieber die Piste entlang und kratzt die oberen 5cm ab. Das entstehende Material schiebt ein wenig die entstandenen Löscher zu, aber auch wirklich nur ein wenig. Durch das viele Wasser in der Gegegnd sind die Pisten bei Regen ziemlich schlammig und es bilden sich großartige Löcher und Seen, in welche man auf die ein oder andere Weise einschlägt – ständig. Wir haben eine sehr grobe Karte, in welche die Pisten teilweise sogar eingezeichnet sind, verlassen uns aber mehr auf Schilder, welche zu Orten deuten, die wir als passend empfinden. Das trifft man auf ein halb verwittertes blaues Hinweissschild, welches an einer 6-armigen Kreuzung mitten im Wald etwas mehr in die eine als in die andere Richtung zu tendieren scheint. Spontan wird entschieden und dann bekommt man 20 oder 30km weiter die Bestätigung: Entweder das Kaff kommt, oder auch nicht. Wir hatten ausnahmslos Glück!

Lyaskelya

Die Dörfer sind auf ihre Art interessant: 80% sind meist verlassen und verfallen. Alte Holzhäuser mit ergrauten Balken und verfallenen Stallungen und Gartenzäunen dazu, ab und zu eine Fahrzeugruine in romantischem rostbraun, dazu sozusagen der Dorfkern: Wenige Häuser in mehr oder minder gutem Zustand, jedenfalls von Weitem und ein einzelner bunter Kiosk. Dieser Kiosk bildet die einzige Einkaufsmäglichkeit und ist praktisch in jedem Kaff vorhanden. Je nach Größe des Dorfes hat der Kiosk die Maße eines Dixieklos bis hin zu einem Seecontainer. Eigentlich erwartet man hier absolut keine Infrastruktur mehr, aber diese Art von Dorfladen scheint obligatorisch zu sein. In etwas größeren Dörfern treffen wir mehrfach auf eine Art Markt, welcher aus 2-5 Ständen besteht und offenbar jeweils von den umliegenden Dörfern und ein paar Durchreisenden besucht wird. Was auch hier traurig auffällt: Der Müll. Idyllisch gelegenes Dorf, 100m nach dem Dorfausgang fette Müllhalde im Wald. Man faßt es nicht. Die Natur ist wirklich wunderschön, aber hier scheint es davon offenbar zu viel zu geben. Wir diskutieren die fehlende Infrastruktur, das nicht vorhandene Entsorgungs- geschweige denn Recyclingsystem… trotzdem, wir kommen immer wieder zu dem Schluß, dass man den Müll nicht in den Wald werfen muss – noch dazu über hunderte Quadratmeter verstreut. Ach, eigentlich liegt er überall. Im Ernstfall muss man sich eben eine Art Müllhaus selber bauen und ihn vielleicht gesammelt und sortiert entsorgen? Zur Not würde ich vielleicht eine Art Müllverbrennungsanlage konzipieren, aber einfach in den Wald karren…

Nach einigen hundert Kilometern haben wir für heute die Nase voll. Die Piste ist grausam und die Vorderachse ist schon zwei mal voll durchgeschlagen. Alles rappelt und irgendwas klonkt da unten, aber durch den Dauerregen ist nun wirklich jeder noch so kleine Winkel mit feinem Lehm und Sand bedeckt, sodass ich keinerlei Lust verspüre mich unter den Bus zu legen. Auf der Suche nach einem Schlafplatz merken wir wiederholt, dass der Bus zu wenig Licht hat. Entweder wir fahren mit Fernlicht, dann sehen wir immer die nächste Kuppe in der hügeligen Landschaft, verpassen aber alles unmittelbar vor und neben dem Bus. Mit normalem Abblendlicht kann man nur sehr langsam fahren, weil man einfach nicht weit genug sieht. Es ist zum Weinen.

Bahnübergang

Wir finden einen kleinen Standplatz direkt an einem Seeufer, aber als der Scheinwerfer über die Umgebung streicht, stellen wir fest, dass es sich um die lokale Müllkippe handelt. Angewidert fahren wir weiter. Der nächste Versuch zum Seeufer zu kommen wird nach einigen hundert Metern in einem Wald von Hundegebell jäh beendet – mit freilaufenden Wachhunden wollen wir in dieser Nacht nicht noch kämpfen müssen. Irgendwann biegen wir in den Wald ein, denn dahinter verbirgt sich laut Karte der See. Ohne Allrad geht hier nach 10m gar nichts mehr, denn der Wald ist völlig versumpft und verborgen im Dunkeln gibt es auch den ein oder anderen mannshohen Stein. So schaukeln wir eine Weile Richtung See, als er urplötzlich vor uns liegt. Sauberes Sandufer, leises Plätschern der Wellen und alles für uns alleine. In alle Himmelsrichtungen nur Karelien – perfekt. Wir essen Pelmeni mit Tomatensoße und fallen völlig geschafft ins Bett. Die Karre tropft vor Schlamm und Dreck, aber im Inneren sorgt die Standheizung für wohlige Wärme. Unser erster Tag alleine in Karelien.

St. Petersburg

Der Morgen... Camping Olgino

Der Morgen kommt spät und es scheint die Sonne. Die Italiener sind schon weg und so sind wir nahezu alleine. Wir finden uns inmitten sowjetischer Freizeitkultur der 80er Jahre wieder – leider alles verfallen. Gleich neben uns die Ruine eines imposanten Flachbaus, bei dem die Arbeiter im Betonteilewerk mal wieder ihr ganzes Können einbringen durften. Der Bau besteht aus vielen gerippten Formteilen, absurd anmutenden Eckteilen und viel Fassade. Letztere hängt jetzt in Fetzen herunter und gibt den Blick frei auf die eigentliche Konstruktion. Im Inneren gibt es Waschräume, eine Küche, Lager und in der Mitte den großen Gemeinschaftssaal für gemütliche Pionierabende zu hundertfünfzig.

Das Zentralkommitee des gelben Busses hat für heute zwei sehr dringende Punkte zur Erhaltung der allgemeinen Zufriedenheit der Insassen auf den Tagesplan geschrieben: Duschen und Wäsche aufhängen. Für die allgemeine Freizeitgestaltung wurde einstimmig ein Ausflug in die nahegelegende Pioniermetropole St. Petersburg beschlossen, welchem noch ein gemeinsames Mahl mit Gruppe Blau sowie der freundschaftliche Besuch unserer Partnerbrigade einer sowjetischen Einzelhandelswarenverkaufsstelle mit anschließender Verkostung der dargebotenen Leckereien folgen sollen. Wir freuen uns alle sehr.

Wetterbedingt wird Punkt zwei vorgezogen. Alles läuft sehr gut. Die Wäsche hängt auf 5m Wäscheleine und diversen Birkenzweigen. Die ersten Wolken ziehen auf.

Die Duschen befinden sich in post-sowjetischen wellblechbedachten Holzbunkern, welche innen mit formschönem Linoleum auf ihren eigentlichen Zweck vorbereitet wurden. Warmes Wasser gibt es im Überfluß und so steht man splitternackt in einem 25qm-Raum mit leicht gelblichem Glanz und genießt die große Freiheit. Zum Trocken der Haare wird ein Dieselansaugrüssel vom VW-Bus auf den Luftauslass der Standheizung gesteckt und selbige auf die höchste Stufe gedreht. Das funktioniert wunderbar und ist bei den aktuelle Außentemperaturen auch gesundheitsfördernd.

Kaum brennt der Dastan-1, fängt es an zu tröpfeln. Der Fortschritt beim Wäschetrocknen ist binnen Sekunden dahin. Es gibt zur Abwechslung mal Nudeln, polnische Penne. Dazu polnische Würstchen und Tomatensoße deutscher Herkunft. Angebratene Zwiebeln und viel zu viel Butter bilden eine solide Grundlage, welche später zusammen mit dem Tomatenmark, der Tomatensoße, Salz, Pfeffer und polnischer Milch in Richtung Soße getrimmt wird. Anschließend wird alles in den großen Nudeltopf umgefüllt und zu einem nahrhaften Nudelbrei verarbeitet. An der frischen Luft schmecken die wunderlichsten Sachen großartig.

Kochen...

Zutaten

Es ist gegen 17 Uhr, als das Mittag vorüber ist und wir uns langsam zum Sightseeing und Lebensmitteleinkaufing in die nahegelegene Metropole St. Petersburg begeben. Schon nach wenigen Kilometern und ziemlich genau 10 km vor dem Stadtzentrum geraten wir in einen Stau, der uns jegliche Lust an einer Stadtbesichtigung raubt. Rechts im Wohngebiet sind Supermärkte, einer davon wird der unserige sein! Die Stadt werden wir später heute Abend noch einmal versuchen, jetzt hat das überhaupt keinen Sinn. Da wir unsere letzten Rubel im Olgino gelassen haben, brauchen wir einen etwas größeren Laden, in welchem wir mit der Kreditkarte bezahlen können. Etwas russisch wechseln wir die Spuren und biegen ab ins Wohngebiet. Hier sind gleich drei große Läden und Karten nehmen sie auch.

Schon auf dem Parkplatz werden wir angenehm überrascht, denn es steht ein hübsch zurechtgemachter und hochgelegter UAZik neben uns. So ein blattgefedertes Starrachsenungeheuer verträgt doch ganz andere Reifendimensionen als unsere Hausfrauenbusse und so kommen wir beim obligatorischen Schwanzlängenvergleich gar nicht gut weg. Dass sich ein russischer Supermarkt heutzutage kaum von den unserigen unterscheidet, ist leider traurige Wahrheit. Wir suchen an russischen Produkten zusammen was geht, aber es ist nicht viel zu finden. Die Preise sind nur allzu westlich, sodass man sich wiederholt danach fragt, wie sich die Russen ihr Leben finanzieren. Wir kaufen uns auch endlich mal eine große Wassermelone (Arbus, nicht Melonchik ), welche sodann ihren Platz in unserer Wäschetonne findet.

UAZik

Schwanzvergleich

Wieder auf dem Zeltplatz angekommen, fällt Gruppe GelP sofort ins Bett. Die Anderen lesen und trinken Kaffee vor den Bussen. Als wir geweckt werden, ist es schon 21 Uhr und Sportsfreundin Anne von der blauen Delegation blättert unwirsch in ihrem Handbuch zur Erkundung fremder Städte. Heute soll es sein: St. Petersburg. Wichtigstes Ziel: Newa-Ufer mit Winterpalast und vielleicht noch schnell über die zwei Brückchen ans andere Ufer bis zur Kirche und zurück… oder so. Wir rollen mit vorschriftsmäßiger Geschwindigkeit zurück in die Stadt. Der DPS-Kontrollposten hat gerade anderes zu tun, und so kommen wir abermals um eine Kontrolle herum. An der Newa angekommen, findet sich auch direkt ein Parkplatz zwischen anderen Touristen. Da uns die Stadt nicht ganz Geheuer ist, bleiben wir an den Bussen, während sich Stephan und Anne freudestrahlend auf einen nächtlichen Stadtbummel begeben. Es ist schweinekalt und windig, doch das kann hier niemanden von der Abendgarderobe abhalten. Pärchen flanieren an der Newa entlang. Ungleiche Pärchen. Frauen von magersüchtig über Gewichtsheberin bis superhübsch stolzieren auf hohen Absätzen im Cocktailkleid die Newa herunter. Er, normale Klamotten und eher Durchschnitt. Männermangel? Wie kriegt so ein Typ so eine Frau? Unklar. Den meisten scheint die Güte ihres Fangs aber bewußt zu sein, denn das Schätzchen wird regelrecht inszeniert. Stell Dich mal hier ans Ufer, mach mal so, Blitz, Schnuckiputzi. Der ein oder andere Mann avanciert zum Fotografen, indem er ein Stativ aufstellt und dann trotzdem mit der Hand den Auslöser drückt. Ich drücke mich auch mit dem Stativ am Ufer entlang, aber irgendwie ist mir das alles zu steril und ich kehre schnell wieder in den warmen Bus zurück. Die Fotos von Sarah im Bikini auf der Uferbrüstung darf ich übrigens nicht hier einstellen.

Winterpalast

Über Funk kommen längst keine Antworten mehr, zu weit sind die Beiden schon entfernt. Wenn doch nur der Sommer käme… das Venedig des Ostens könnte so viel schöner sein. Nach einer halben Ewigkeit tauchen die Kameraden aus dem Dunkel auf. Stephan steht die Begeisterung förmlich ins Gesicht geschrieben und auf die Frage, ob es denn kalt wäre, antwortet er sehr tapfer mit nein. Anne scheint ziemlich glücklich zu sein, denn sie hat wenigstens ein paar wichtige Sachen dieser Stadt ansehen können. Eigentlich war ja noch ein Besuch der Erimitage geplant, aber die macht erst in zwei Tagen wieder auf – so ein Pech aber auch. Auf dem Rückweg kommt was kommen mußte: Ein McDonald’s! Hier kommt das i-Tüpfelchen auf den Tag, denn danach sitzt Anne glücklich und beseelt mit einem Eis im Bus. Glücklicher als Stephan sie je hätte machen können?

MakDonalds

Als ich im Bett liege, vermisse ich immer noch das Tröten einer Pioniereisenbahn, aber irgendwie kommt hier keine. Gute Nacht.