Nordkap ganz anders

Als wir aufstehen, ist draußen schon reges Treiben. Über Nacht haben sich noch 4 weitere Wohnwagen zu uns gesellt und da steigt man munter ein und aus. Das berühmte Schiebetürgeräusch, welches man von Bustreffen schon kennt, fehlt hier gänzlich. Stattdessen gibt es erst ein kurzes Klopfen, dann ein Klicken, und dann ein dumpfes Schlagen. Warum? Der Mann steht draußen und will rein. Dazu stellt er einen Fuß auf die quietschbunte Kunststofftrittstufe und klopft an die Tür. Nun ertönt von drinnen ein zustimmendes oder ablehnendes Geräusch, welches sich vielleicht mit dem Knurren einer vollgefressenen Säbelzahntigerin vergleichen läßt. Die Tür wird geöffnet, der Fernfahrerhintern für den Bruchteil einer Sekunde auf Zargenbreite zusammengezogen und man ist drin. Danach fliegt die Tür mit einem gekonnten Schwung ins Schloß. Etwa so, wie die Altpapiertonne zu Hause, nur noch pappiger.

Aus eine ebensolchen Tür erscheint nun eine strubbelige Gestalt mit einer Wäscheleine in der Hand. Nach einem Meter strafft sich die Leine und es erscheint eine schwarz glänzende Katze auf dem Treppenabsatz, die sich völlig verängstigt gegen die Leine um ihren Hals wehrt. Zwangsweise wird sie nach draußen befördert, die Frau reicht schnell noch den Katzenkäfig nach. Jetzt wird das arme Vieh einmal um den Wohnwagen geführt, wobei alle 2m angehalten wird, um die bereits zugezogene Schlinge um den Hals leicht zu lockern. Es ist eine wirklich hübsche Katze, welche jetzt, ängstlich um sich blickend, vorsichtig um den Wohnwagen schleicht. Sie entdeckt hohe Grashalme und stapft darauf zu, doch die Leine hält sie kurz vor dem Verlassen des Schotterplatzes zurück. Das bedauernswerte Vieh darf sich nicht dreckig machen und geschissen wird gefälligst auch zu Hause auf der Plastetütte, gefüllt mit saugfähigem, schneeweißen Katzenstreu. Am liebsten würde ich jetzt jemanden erwürgen. Nach der Runde um den Wohnwagen kommt die Katze wieder in die Kiste und selbige verschwindet im Kofferraum eines Tiguan. Problem erledigt. In weitere Wohnwagen regt sich etwas und ich weiß, wir müssen dringend hier weg. 15min später sind wir auf der Straße und rollen Richtung Westen.

auf dem weg zum nordkap auf der 98

Bevor wir am Nordkap aufschlagen, müssen wir aber definitiv noch eine Dusche auftreiben und so beschließen wir, einfach an einem x-beliebigen Campingplatz zu fragen.

In Lakselv soll es eine Tankstelle geben, sie ist bereits ausgeschildert. Da wir unseren Reservekanister ja kurz vor der russischen Grenze bereits geleert hatten, ist es jetzt schon ein etwas komisches Gefühl, wenn sich die Nadel der Tankanzeige tapfer auf dem Weg in den roten Bereich befindet. Kurz vor der Tankstelle kommt ein Campingplatz, doch wir wollen erst tanken und später noch einmal zurkückkommen. In der Tankstelle kaufen wir auch gleich die einzige Norwegenkarte weit und breit: Schön bunt mit touristischen Attraktionen und kaum Straßen. Oh je.

Einige Kilometer später fällt uns auf, dass wir den Campingplatz vergessen haben. Nur wenige Augenblicke später sticht uns ein sehr tiefer, türkisfarbener T3 ins Auge, welcher links an der Straße steht. Wir halten an und stellen uns daneben: Mitten auf den Vorplatz einer Campingplatzrezeption – wenn das kein Zeichen ist? Wir sehen noch keine 5 Sekunden auf den fremdartig anmutenden Bus, da hat auch schon ein Mann unser Interesse bemerkt – ob uns das Auto denn gefallen würde? Wir lügen ein wenig und schon schlägt er uns vor, doch mit ihm zu tauschen. Aha, er ist also der Besitzer des Busses und die süßen Kleinen sind seine Kinder. Dann kommt das übliche Beschnuppern: Warum sind eure Räder so groß, warum is dein Bus so flach, usw. Er zeigt uns die komplett in Kuhfell ausgekleidete Inneneinrichtung und auch die dicke Anlage im Kofferraum, welche vom Kettensägeverkäufer im letzten Baumarkt konzipiert worden sein muss. Seine Kinder würden den Bus lieben und seit er ihn vor 2 Jahren für 12000NOK gekauft habe, würde er einfach nur problemlos fahren. Was fährt er? Lachs. Ja, der Mann fährt Lachs aus. Das geht im Gespräch ersteinmal so unter und ich erwähne beiläufig, dass wir eigentlich hier sind, um nach der Dusche zu fragen. Er fragt uns, ob denn 50NOK ok seien? Huch?! Der Mann ist der Besitzer des Campingplatzes!

Er zeigt uns das kleine Badehaus, welches wir ganz für uns alleine haben. Hinter dem Haus bewundern wir einen reißenden Fluß, als welchem er augenscheinlich die Lachse zieht. Die Saison sei vorüber, aber er holt ein kleine Exemplar aus der Kühltruhe auf der Veranda: Das sei nur ein 9kg-Exemplar, aber trotzdem der größte, den ich je gesehen habe. In einem kleinen Verschlag liegen geräucherte Lachse in allen Größen und es duftet nach dem Räucherofen nebenan.

Wir duschen ausgiebig bis das warme Wasser sich dem Ende neigt. Mein Bart ist schon so lang, dass die Rasur mit dem Einwegrasierer zum Blutbad gerät. Ich entkomme der Schlacht nur mit schweren Verlusten und so rollen wir alsbald fröhlich blutend gen Nordkapp.

lakselv

elchiiiiis

Der T3-Fahrer sprach irgendetwas von „teuer“, was sich auch schnell bewahrheiten sollte. Der Tunnel, welcher die Nordkapinsel mit dem Festland verbindet kostet schlappe 192NOK. Gut, muss man mal investieren, dafür sehen wir jetzt das Nordkap. Ein paar Australier auf Weltreise begegnen uns in ihrem Landcruiser, da will man auch sofort weg. 2km vor dem eigentlichen Nordkap kommt plötzlich wieder eine Mautstation. Jenseits 200 Kronen Eintritt für’s Nordkap an sich. Wir sehen uns um: Nebel, Regen, überall Nordkapp.

nordkap

Schnell beschließen wir, dass man für weitere 200 Kronen auch nicht mehr Nordkap bekommt und drehen direkt vor der Mautstation um. Die Australier können sich das natürlich nicht entgehen lassen und zahlen fröhlich. Leicht angesäuert rollen wir auf der Insel umher, als plötzlich eine Fahrspur rechts in die Pampa abzweigt. Ohne Worte ist schnell klar, das ist unser Nordkap. Allrad rein, ab durch die Mitte.

unser nordkap

Wir fahren vorbei an mümmelnden Rentieren und kleinen Bächen, immer höher in Richtung eines Hügels. Unterwegs füllen wir die Wassersäcke auf und merken, dass es doch eigentlich schweinekalt da draußen ist. Der Hügel ist mit komischen Anlagen bebaut und wir kraxeln immer der Spur folgend über fettes Geröll. Selbst die hintere Differentialsperre muss hier mal ran – die hatten wir bisher noch nie gebraucht. Kurz unter dem Gipfel endet die Fahrspur auf einer Schotterpiste, welche laut Navi nur 300m waagerechte Luftlinie von der eigentlichen Staße entfernt ist – nur eben 800m zu hoch. In einer Biegung auf dem Weg nach unten wird dann auch schnell klar, warum wir hier so alleine sind: Militärstraße, nur für authorisierten Verkehr. Ooops. In der Pampa stand davon aber nix, können wir ja nichts dafür, dass wir oberhalb dieses Schildes herausgekommen sind. Also schnell ein Foto davon machen, fotografieren ist hier ja auch gleich mal verboten. Erinnert alles sehr an Rußland, das Militär ist doch überall gleich komisch…

ooops

Wie wir so glücklich über das erfrischende Zwischendurch im sonst so zivilisierten Norwegen auf der Straße gen Tunnel rollen, kommt uns wieder die Mautstation in die Quere. Man möchte vermuten, dass man jetzt einfach durchfahren kann, doch weit gefehlt: Auf der Rückfahrt bezahlt man gleich noch einmal die 25 EUR. Das schlägt doch dem Fass den Boden aus. Auf der Rückfahrt wollten wir eigentlich noch einmal kurz vor Lakselv auf dem Campingplatz Lachs essen, aber jetzt hat Sarah Bauchschmerzen und wir sparen uns das. Wenigstens fotografieren wir noch das Schild mit der Adresse drauf, damit wir dem netten Mann später ein Foto schicken können. Sarah bekommt noch einen Tee verordnet, den sie allerdings alsbald wieder ins Gebüsch trägt. Wir schlafen dann auch irgendwo in selbigem und hoffen auf den nächsten Tag.

Kulturschock

Die Nacht war schräg, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir stehen auf einer Schotterebene, welche sich leicht zum Meer neigt und haben die Nacht in einer Ecke des Busses verbracht. Beim Frühstück kommt plötzlich ein Mann mit einem kleinen Jeep und einem Anhänger voll Sand den Weg von der Straße herab. Er fährt bis zum Tor, öffnet es, und fährt runter zum Meer. Ob er da wohnt? Nach 10 min kommt er wieder, der Hänger ist leer. Er fährt ganz langsam und beäugt uns argwöhnisch, ohne auch nur den Hauch eines Lächelns zu riskieren. Stören wir? Stehen wir auf seinem Grundstück? Wir wissen es nicht.

Wir befinden uns noch auf der E6 und heute muss die Entscheidung fallen, ob wir uns das Nordkap antun wollen oder nicht. Die Tourihölle und der nördlichste Punkt ist es auch nicht, aber was sind schon 200km Umweg bei 10000km Gesamtstrecke? Also wir fahren eben mal vorbei! Folglich biegen wir jetzt von der E6 auf die 98 ab und erfreuen uns an leicht welligem Asphalt und deutlich schmalerer Straße durch wunderschöne Natur. Es wird leicht hügelig und trotz Urlaubsbeladung macht es mal wieder richtig Spaß einen TDi-Motor verbaut zu haben. Schiiiiieeeeeeb.

Als es noch nicht ganz dämmert, kommen wir auf einer Hochebene an einer Art Parkplatz vorbei. Direkt an einem Fluß, schön gerade, niemand da. Wir haben ja Zeit und so halten wir jetzt schon an. Im Hellen! Nicht zu fassen. Heute kochen wir ohne Stirnlampe, das ist wirklich neu… Die Sonne ist noch nicht weg und ich hocke verträumt hinterm Bus, als ein Volvo auf den Parkplatz abbiegt. Ob er unterm Bus durchsieht? Ich ja. Der Volvo ist nicht alleine, es folgt ein riiiesenhafter Wohnwagen von der Größe eines besseren Gartenhauses. Doppelachsig, mit allerlei Antennen geschmückt. Der Fahrer rangiert das Ungetüm sehr gekonnt am anderen Ende des Parkplatzes. Ein Saab biegt ab, noch ein Wohnklo hinten dran. Zwei Pärchen sind offenbr zusammen unterwegs und gemeinsam macht man sich an den Aufbau. Als erstes wird der Moppel herausgeholt und in die Pampa gstellt. Prompt fährt auch schon die Satellitenschüssel aus, die Glotze zuckt, Urlaub! Durch die offene Tür erhaschen wir einen Blick auf die Einbauküche und stellen erschreckt fest, dass diese die bei uns zu Hause bei weitem in den Schatten stellt. Die Frauen kochen jetzt und wenig später sitzen alle 4 im Wohnzimmer. Ein Mann steigt zwischendurch noch einmal aus und geht zum Auto. Ein riesenhafter Hund wird an die Leine genommen und genau ein mal um den Wohnwagen geführt. Dann kommt er wieder ins Auto. Klappe zu, Urlaub. Drinnen sitzt man mit nacktem Oberkörper und gönnt sich Dosenbier. Die Frauen waschen gemeinsam ab, Urlaub!

Während wir die zu Brei gerührten Nudeln langsam mit er Zunge von einer Ecke in die andere schieben ist eines völlig klar: Wir reisen morgen sehr früh ab! 🙂

Vom Vorhang, der das Rosten lernte

Als ich endlich aus dem Bett krieche, ist Sarah schon nicht mehr da. Sie muss auf einer nächtlichen Pipi-Wanderung verloren gegangen sein, denke ich mir. Durch das völlig verdreckte Heckfenster sehe ich etwas Sonne und so öffne ich in freudiger Erwartung warmer Sommerluft die Dachluke. Bing, ein dicker Klotz Nordpolarluft fällt mir auf den Kopf. Luke wieder zu. Das Heckfenster läßt sich aber gut öffnen, denn die Standheizung schiebt mir von hinten immer schön warme Luft auf den Pelz. Meine verklebten Augen erkennen einen Campingstuhl, das muss Sarah sein. Dick eingemummelt sitzt sie mit einem Buch in der Nähe des Wassers und tut so, als sei Sommer. Selber Schuld denke ich mir, und wickle mich in die Decke. Auf dem Wasser dümpelt in einiger Entfernung ein kleines Schlauchboot, in welchem ein Mann zu sitzen scheint. Angelt er? Jedenfalls sieht das Boot so klein aus, dass seine Füße genau bis ans Ende reichen. Etwas neben unserem Bus steht ein orangener Lada mit ebenfalls nahezu orangenem Rostbefall an allen relevanten Teilen – das muss das Auto des Anglers sein. Jetzt kommt der Angler zurück und auch Sarah scheint endlich verstanden zu haben, dass es draußen schweinekalt ist. Wir essen Frühstück und sehen dem Angler zu. Er paddelt mit dem Rücken zu uns in Richtung Anleger (bzw. den Resten… oder Anfängen… eines Anlegers) und dreht alle zwei Minuten das Boot um uns einen Blick zuzuwerfen. Er war wohl ziemlich weit draußen, denn als wir fertig zum Losfahren sind, ist er immer noch nicht am Ufer.

aus dem Fenster - Fischerinsel

Gestern sei ich die ganze Zeit gefahren, und vor allem die spaßige Geländefahrt hätte ich ihr vorenthalten! Kurz: Sarah fährt jetzt. Ich maule ein wenig um klarzumachen, dass wir heute garantiert nicht noch bis zur zweiten Halbinsel fahren werden. Da gibt es eh nichts anderes zu sehen und wir verlängern den Rückweg einfach auf das Doppelte. Sarah ergibt sich meinen Ausführungen, glücklich, dass sie endlich Drecksstraße fahren darf, aber im Innern ist sie etwas angefressen – ist doch soooo schön hier! Nun denn, wir schaukeln los. Die Piste ist hier noch ganz passabel und so geht es von einem Schlagloch zum anderen. An der Seite tauchen rote Fähnchen auf und auf einem Hügel erkennen wir reges Treiben. Ein komplettes Armeelager wird dort aufgebaut! Zelte für Menschen, Gerät, Funk, ja sogar eine Tankstelle wird eingerichtet. An der Tankstelle wickeln 2 junge Burschen gerade Stacheldraht ab, als ein gelber VW-Bus direkt an ihnen vorüberschaukelt. Mehr ist erst einmal nicht zu sehen, aber jetzt wird uns auch klar, warum wir nachts auf einen völlig gesperrten Strand gefahren sind. Ich überlege mir, wie sie wohl reagiert hätten, wenn wir den falschen Feldweg genommen und direkt in das Lager gefahren wären? Nachts, halb 12? Heidewitzka. Ist zwar alles nur Spielchen hier, aber wer weiß. Direkt vor uns biegen zwei KAMAZ 6×6 auf die Piste ein. Im Führerhaus sitzen je 3 Bürschchen in Uniform und die scheinen mit irgendeinem lustigen Fahrauftrag durch die Pampa rollen zu dürfen. Die Autos sind sehr schön anzusehen, aber sie sind uns doch etwas zu langsam. Sarah tritt auf den Pinsel und wir scheppern vorbei an 6 verdutzten Gesichtern, mitten im Nirgendwo, mitten in einer Armeeübung.

Irgendwann halten wir an, um ein paar Fotos zu machen und klettern dazu auf einen nahegelegenen Hügel. Wir befinden uns in einer nasskalten, leicht wolkenverhangenen Eiszeitlandschaft, die so gar nicht zur Zivilisation paßt. Als wir auf dem Hügel über verrosteten Stacheldraht stolpern wird aber schnell klar: Hier war schon jemand. Ganze Armeen sind hier durchgezogen! Die Front zwischen Kirkenes und Murmansk war wohl eines der am schlimmsten umkämpften Gebiete im 2. Weltkrieg, weil der Hafen von Murmansk und die Murman-Bahn Richtung Süden absolut lebenswichtig für den Nachschub der Alliierten war und erfolgreich (!) bis auf’s Blut verteidigt wurde. Unten fahren wieder die beiden KAMAZ vorbei und mit etwas Staub vor den Augen könnte man den Zeiger problemlos 60 Jahre zurückdrehen. Nur der knallgelbe Bus stört.

ostrov rybachii

Wir holen die LKW bald wieder ein, als auf der Straße plötzlich eine Art Kontrollposten auftaucht und sie anhalten. Das gehört wohl irgendwie zu deren Spiel und so fahren wir einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Die Strecke ist zäh und wie schon auf dem Hinweg zählt der Kilometerzähler elend langsam. 10km vor der nächsten Asphaltstraße halten wie an einem abscheulichen Müllhaufen an und fotografieren ihn. Sarah würde das am Liebsten direkt Herrn Putin unter die Nase reiben, aber das wird wohl nicht ganz klappen. Mal sehen was wir damit anfangen können. Auf dem Fahrersitz machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar und mit jedem Schlagloch steigt das Verständnis für die Entscheidung von heute morgen spürbar an. Als wir es fast geschafft haben, beglückwünschen wir uns beide zu der weisen Entscheidung und freuen uns auf das paradiesische Abrollgeräusch einer zerlöcherten Asphaltstraße.

müll

Heute geht es also endgültig zur Grenze und hinüber nach Norwegen. Doch bevor wir Rußland verlassen, wollen wir uns natürlich bis zur Dachkante mit Diesel volllaufen lassen. Es geht nach Pechenga, der nahezu letzten Stadt vor der Grenze. Pechenga besteht eigentlich nur aus russischer Armee. Ein abgesperrtes Gelände nach dem anderen. Hohe Zäune umschließen Garagenkomplexe und Wohnblocks, die Straßen sind mit Ketten und Verbotsschildern gesäumt. Alles was hier aus Eisen ist, wird auf magische Weise durch regelmäßig aufgetragene Farbschichten zusammengehalten. Im Detail ist also alles recht stabil, im Ganzen eher leicht schief und kurz vor dem Abpfiff. Trotzdem wird hier der altbewährte Trott gnadenlos durchgezogen. Jedes noch so verfallene Wachhäuschen ist besetzt, an den Toren stehen blutjunge Kerle stramm. In einer zivil anmutenden Ecke gibt es Wohnblocks, welche irgendwie an einige Gegenden zu Hause erinnern. Die Straße ist bis zu den Zäunen gesäubert und man sieht einige junge Russinnen mit Kinderwagen. Das einzige Holzhaus steht direkt an der Hauptstraße, welche zufällig auch die einzige Straße Pechengas zu sein scheint. Es ist das Badehaus der Armee. Hier warten 30 Mann mit Handtüchern und Seife vor der Tür darauf, dass die Kameraden drinnen endlich fertig werden. Es ist gar nicht so warm draußen.

Wir hatten uns ja eigentlich eine Tankstelle erhofft, müssen aber feststellen, dass Pechenga wirklich gar nichts in dieser Richtung zu bieten hat. Ein Blick auf die Karte verspricht bis zur Grenze nur weitere Tundra und eine Siedlung, welche dem Symbol nach keine 10% von Pechenga mißt, weshalb wir uns für den Reservekanister entscheiden. Die Nadel der Tankanzeige kratzt schon bedenklich am falschen Ende des roten Bereichs und so halten wir kurz hinter Pechenga an, um den Kanister unter der Vorderachse herauszukramen. Als ich das Werkzeug suche, fällt mir ein Rinnsal Milch in der Motorraumabdeckung auf. Was zum Geier… Im Seitenschrank ist offenbar eine Packung Milch Leck geschlagen und der weiße Saft verteilt sich schon munter durch den kompletten Bus. Ein beherzter Schlag auf die Heckklappendichtung läßt sie in alle Richtungen spritzen. Ich nehme mir das Werkzeug und verziehe mich nach vorne, soll Sarah sich doch durch diese Pampe wühlen, sie hat die Milch ja schließlich da hineingeworfen. Die Straße ballert ein dicker Panzer auf gummibelegten Ketten entlang.

Als ich den Kanister gerade zum Tanken heben will, hält neben uns ein silbergrauer BMW X5. Drin sitzen zwei beschlipste Männer und fragen, was wir denn so machen. Wir erklären kurz und sofort stellt sich der Fahrer vor. Er ist hier der Obernatschalnik von Pechenga und wenn wir irgendetwas bräuchten, dann sollten wir ihn doch einfach anrufen. Er schreibt seine Handynummer auf die Visitenkarte und übergibt sie uns. Dann ist er auch schon verschwunden und wir stehen leicht verwundert an der Straße. Da Wundern nicht gegen Frieren hilft, machen wir uns fix wieder an die Arbeit. Sarah räumt den gesamten Schrank aus. Ich habe da so eine Fleecejacke, die lag ziemlich weit unten. Sie scheint einen Großteil der Milch aufgesogen zu haben und hat damit ihren Zweck auf dieser Reise voll erfüllt. Angezogen habe ich sie nämlich noch nicht. Wir verfrachten sie in die Waschtonne und säubern jede einzelne Saftpackung. Auf dem obersten Regalboden sind kleine Schräubchen, deren Köpfe herauskucken und sich jetzt direkt in die Milchpackung durchgerüttelt haben. Der Fluch des nicht selbstgebauten und nur notdürftig in den Bus geworfenen Campingausbaus hat uns endlich erreicht. So ein Mist. Die ganze Karre stinkt nach Milch. Meine Unterhosen sind zufälligerweise in einem alten Verbandskasten gelagert und haben den Angriff der Milchkrieger schadlos überstanden.

Reservekanister leer, aus allen Poren nach Milch riechend und mit einer völlig verseuchten Fleecejacke in der Waschtonne geht es auf Richtung Grenze. Zur Abwechslung regnet es mal wieder Schweinebärchen. In einem kreativen Missgeschick des Betonteilewerks hocken zwei frierende Typen und bieten irgendetwas feil, aber wir fahren lieber weiter. Der Linienbus hält an dieser Haltestelle schon lange nicht mehr, denn die Straße davor gleicht einem Loch. Irgendwie teilt sich die Straße vor uns in eine Art Baustelle, einen total zerschossenen Fahrstreifen und etwas, was wohl mal eine Straße werden will. Abwechseln geniessen unsere Räder mal das eine und mal das andere. Zusammen mit ein paar Ladas fahren wir Schlangenlinien um rostige Baumaschinen und Schutthaufen. Zwischendrin überholt man dann immer wo es gerade gut paßt. Die Seite ist dabei egal. Bald kommen links und rechts der Straße endlich wieder Armeekomplexe – wir hatten sie schon vermißt. Fein säuberlich aufgereiht stehen hier frisch gestrichene Panzer, hunderte. Jeder ist absolut rechtwinklig eingeparkt, darüber hängt an einer Kette die Nummer des Standplatzes. Auf einer Art Hochsitz von atemberaubender Verfallenheit hockt das dazugehörige Wachpersonal und schaut argwöhnisch dem dreckgelben Bus hinterher. Da hängt sogar ein fetter Suchscheinwerfer am Geländer, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass er bei der kleinsten Veränderung seiner Lage sofort herunterbrechen würde. Solange man nichts sucht, sieht er frisch gestrichen sehr dekorativ und vor allem sicher aus. Wie alles hier. Links kommen lange Garagenreihen. Teilweise eingefallen, das Dach durch eine Plane ersetzt, die Türen hängen auf halb acht und sind streckenweise nur mit einem Stück Seil verschlossen. Durch die Löcher erkennt man grandiose Ausrüstungsgegenstände, wie man sie als verwöhntes Zivilisationsopfer nur aus dem Fernsehen kennt. Riesige Reifen, Kräne, irgendwelche Schlepper und gepanzerte Fahrzeuge schlummern hier wohlbewacht und frisch gestrichen. Hunderte! Zwischen den Garage wuseln auch Bedienstete umher, rangieren vor und zurück, pflegen, warten, pinseln. Es ist kaum zu glauben.

Wir kommen in die Nähe der besagten allerletzten Stadt: Nikel. Klingt wie Nickel, ist auch so. Hier wird schon seit Jahren in einer Nickelmine und der dazugehörigen Infrastruktur gehörig Dreck erzeugt. An einer Kreuzung taucht plötzlich ein Tankstellenschild auf. Wir können es nicht fassen! Für diese zwei Kilometer haben wir extra den Reservekanister geleert?! Die Tankstelle steht mitten in diesem Nichts aus Stein, Zivilisationsmüll und noch mehr nichts etwas außerhalb der eigentlichen Stadt. Selbige besteht sowieso nur aus ein paar Plattenbauten im wohl schmutzigsten aller Täler. Jedes Auto an der Tankstelle scheint mindestens einen Armeeangehörigen zu beinhalten. Sarah geht ins Kabuff, um die Pumpe freischalten zu lassen und nach einer Weile blubbert der kostbare Saft fröhlich durch den Schlauch. Ich gehe auch ins Kabuff. Sarah kuckt sich die Auslagen an, hinter der Theke posiert ein schnaufendes Ungeheuer. Und dessen Tochter. Die Kassiererin ist vielleicht Mitte 40, hat das Format eines Jungelefanten und bewegt sich ebenso dynamisch. Sie scheint irgendein nicht näher zu erkennendes Leiden zu haben, denn sie verzieht ihr Gesicht wie drei Tage Regen, zwanzig Plattenbauten, eine dreckige Mine, nur Armee und sonst nichts weiter. Warum nur? Ihre Tochter ist vielleicht knapp über zwanzig und steht mit verschränkten Armen am Ende des Verkaufstresens. Sie hätte eigentlich ganz hübsch sein können, aber sie strahlt absolut professionell giftige Trostlosigkeit aus. Eigentlich sieht sie so aus, als hätte sie sich gerade mit ihrer Mutter gestritten. So steht sie hier, in der grausigsten Gegend, die man sich so vorstellen kann – in der Tankstelle ihrer völlig frustrierten Mama und verkauft Sprit. An den Fensterscheiben schlägt sich der Dreck aus den umliegenden Schornsteinen nieder und begräbt jegliche Hoffnung auf Besserung. Die beiden haben absolut keinen Grund, auch nur ansatzweise freundlich zu sein. Das Wetter ist Dreck, ihre Situation und überhaupt alles sowieso. Als wir etwas geschockt wieder im Bus sitzen, können wir da eigentlich nur zustimmen. In Murmansk oder St. Petersburg springen die Jugendlichen hoffnungsvoll durch die Gegend, strahlen Energie und Selbstbewußtsein aus – hier das komplette Gegenteil. Insgeheim hoffen wir, dass die Tochter nur in den Ferien zu Hause sein muß, ansonsten aber in einer größeren Stadt zur Uni gehen kann. Sollte sie tatsächlich dauerhaft hier gefangen sein, verstehe ich ihren Gesichtsausdruck vollkommen. Den ihrer Mama auch.

nikel, russia

Der Weg zur Grenze besteht aus einer Schneise durch den Wald, welche auf der linken Seite direkt am Grenzzaun liegt. Am Horizont tauchen immer wieder wahnwitzig hohe Wachtürme auf, welche allesamt besetzt sind. Zwischendrin versperrt ein Schlagbaum die Straße und man darf nur passieren, nachdem die Papiere kontrolliert wurden. Insgesamt fühlen wir uns hier ziemlich überwacht. Was wohl passiert, wenn man anhält, um dem Wald Nährstoff zuzuführen? Gleich den Hintern voll Blei? Wir fahren weiter. An der Grenze angekommen, steht ein Auto vor dem Tor, der Fahrer ist verschwunden. Wir stellen uns ersteinmal dahinter und warten. Nach kurzer Zeit bemerkt uns ein Beamter und winkt uns zu sich heran. Er lotst uns über die Gegenspur, in die Einbahnstraße, von hinten durch das falsche Tor auf den Vorplatz. Er ist wunderbar freundlich und fragt, ob wie das erste Mal hier seien. Klar! Na gut, dann müßt ihr hier hin und da hin und überhaupt gute Reise. Wir parken das Auto vor dem Zollhäuschen. Drinnen ist es sehr kahl und ein einzelner Beamter nimmt sich unserer Papiere an. Wir haben die temporäre Einfuhrgenehmigung für das Auto nicht verloren und auch sonst geht alles problemlos seinen Gang. Nach zwei Minuten sind wir durch und kommen wieder aus dem Häuschen. Sarah muss in der Kälte warten, während ich mit dem russischen Zöllner zum Auto gehe. Er ist so alt wie ich und wir quatschen so drauf los. Ob ich russische Frauen mögen würde, woher denn mein Russisch käme, warum der Bus so große Räder hätte usw. usw. Nebenbei kuckt er in jedes Schränkchen und ist auch sonst sehr interessiert. Auch privat. Waffen haben wir keine und so ist das Spielchen schnell vorbei. Ab ins nächste Häuschen: Außer zwei russischen Autoschiebern ist niemand da und so warten wir auf den norwegischen Beamten. Er ist alleine hier und hat gerade Kundschaft auf der anderen Seite. An der Wand hängen riesengroße Plakate: Fleisch, Milch, Geflügel, Grünkram, ja einfach alles, was wir dabeihaben, darf wegen Seuchengefahr nicht eingeführt werden und ist in die Tonne vor dem Haus zu werfen. Na wunderbar. Jeder Schrank, jede Ecke, alles ist voll mit verbotenem Zeug und jetzt kommt die Zollkontrolle. Der Norweger muß nicht nur auf der anderen Seite Dienst schieben, er ist neben Paßkontrolleur auch der Zöllner. Auf russischer Seite haben wir mit 5 Personen zu tun gehabt, hier ist alles schon auf eine einzelne rationalisiert worden. Nachdem er merkt, dass wir EU-Pässe haben, klappt er sie sofort wieder zu und geht mit uns nach draußen. Zollkontrolle. Ich bereite mir im Kopf einen englischen Satz vor: Ich habe eben gelesen, dass man die Milch nicht einführen darf, aber die Tonne… In diesem Augenblick kuckt er in den Heckschrank, sieht die Milch, klappt wieder zu. It’s ok. Kühlbox beachtet er nicht. Er kuckt in die Kühlbox voller Wurst, klappt sie wieder zu. Huch? Gute Reise und bis zum nächsten Mal. Gelb ist der Bus auch, aha, tschüß. Das war Rußland. Aus, fertig, vorbei, das war’s.

Wir rollen nach Norwegen rein, sehen sofort den ersten Rastplatz und halten an. Es gibt ein Klo und einen Mülleimer, das muß Norwegen sein! Unter dem Auto bildet sich ein Fleck. Weiß mit gelben Tupfen. Ach Du lieber Himmel, woher kommt das denn? Ich ziehe einen Stopfen aus dem Schweller und mir plätschert fröhlich ein erbärmlich stinkendes Gemisch aus FluidFilm und H-Milch entgegen. Das paßt auf diesem blitzblanken Parkplatz natürlich gar nicht. Von der anderen Straßenseite sehen interessiert ein paar Einheimische herüber und so machen wir, dass wir davonkommen. Die Straßen sind aalglatt, es gibt keine kyrillischen Zeichen mehr und der nächste Parkplatz mit Klo und Mülleimer kommt in genau 5.3 Kilometern und sogar das TomTom kennt diesen. Sofort vermissen wir Rußland.

Wir fahren durch Kirkenes, welches im Weltkrieg traurige Berühmtheit erlangt hat und rollen auf der E6 Richtung Westen. Einen Schlafplatz finden wir recht fix, als wir einen Schotterweg rechts abbiegen und langsam Richtung Fjord rollen. Hier ist eigentlich nichts, aber quer über dem Weg ist ein geschlossenes Tor. Man könnte genausogut links und rechts am Tor vorbeifahren, aber irgendeinen Sinn wird das hier schon haben. So stellen wir uns einfach 20m neben das Tor und gehen ins Bett. Das Wasser kann man von hier aus schon sehen und die Sonne wird uns hier am Morgen hoffentlich auch finden.

Murmansk

Geweckt werden wir von einem sich nähernden Lada, welcher genau neben dem Bus zum Stehen kommt. Zwei Typen gehen zum Kofferraum und ziehen sich ersteinmal warme Sachen an, holen allerlei Gerät heraus und stapfen vondannen. Sie gehen zu einem entfernt liegenden Strommasten und ziehen irgendwas an den Drahtseilen der Abspannung herum. Der Sinn wird nicht ganz klar, aber die Sonne scheint – das ist die Hauptsache. Die Außentemperatur liegt bei 5°C doch die Sonne macht den Tag gleich viel wärmer.

Wir stehen auf halber Höhe eines felsigen Berges, auf welchen augenscheinlich ein steinbruchartiger Weg führt. Irgendwie haben wir in der Nacht durch Zufall die einzige halbwegs ebene Stelle erwischt. Weiter unten im Tal rauscht die M18, die Fabrik im Hintergrund füllt den wolkigen Himmel mit weiteren Schwaden. Die Piste muss ja irgendwo hingehen, also Allrad rein und los. Sanftes Geschaukel weicht alsbald einem Springen und Fallen, denn die Felsklunker werden kindskopfgroß und größer. Hier hat irgendeine Baumaschine den Felsen gebrochen und die Stücken werden vor allem scharfkantiger. Ich habe etwas Angst um die Reifen, denn durch ein temporäres monetäres Problem, fahren wir auf dieser Reise meine neuen Winterreifen zu Klump. Es wird steiler und hier und da geht ohne Sperre gar nichts mehr, weil man diagonal auf zwei Blöcken balanciert. Wir kommen nach oben und können auch nicht viel mehr sehen, schade eigentlich. Doch vielleicht kommt man ja noch weiter? Wir folgen dem, was wir für eine Spur etwas kleinerer Felsbrocken halten. Klonk hier, klonk da, wenn man sehr langsam kriecht, geht ja so einiges. Schon geht es wieder etwas bergab, als wir plötzlich vor einigen Kubikmetern unüberwindbarem Geröll knackend zum Stehen kommen. Jede Lenkradbewegung erzeugt ein mahlendes, knacksendes Geräusch unter den Reifen und ich kann die weißen Kratzspuren der scharfen Klötze auf den Reifenflanken erkennen. Rückwärts bergauf wäre hier der blanke Wahnsinn, da reißen wir uns sofort alles ab. Also umdrehen. Wir brauchen eine Stelle, an die der Bus quer passen würde. Also Aussteigen und alles genau ausloten. An der ersten Stelle kriege ich den Bus unter größten Qualen (Die Geräusche unter den Reifen…) fast quer, dann ist Schluß. Also wieder zurück, nächste Stelle. Hier klappt es nach 25-maligem Vor- und Zurückrangieren. Sarah steht draußen und springt immer von vorne nach hinten, damit ich nicht um einen Zentimeter in den nächsten Klotz rausche oder die halbe Karre aufschlitze. Eine Servolenkung ist ein großartiges Hilfsmittel, aber man kann damit auch wunderbar einfach einen Reifen töten, ohne es zu merken. Es ist wie, als würde man einen Fußball auf ein paar Messerklingen drücken und dann gewaltsam drehen. Dazu noch das Geräusch von mahlendem und knackendem Gestein… ein Traum, irgendwo vor Murmansk.
Als wir endlich wieder oben sind, fallen uns einige sehr scharfkantige Steine vom Herzen. Wir sind uns einig, hier liegenzubleiben oder sich gar irgendetwas kaputt zu fahren wäre einfach nur die gerechte Strafe für unsere Dämlichkeit gewesen.

150km vor Murmansk

Das Handy blinkt, SMS. Der Tag wird von einer Sekunde zur anderen beschissen. Zu Hause ist der Kater eingeschläfert worden. Äußerlich bin ich ganz ruhig, aber der Weg bergab zurück zur M18 ist doch die Scheisspiste vor dem Herrn. Was soll man dazu sagen – war besser so und überhaupt… trotzdem 🙁 Ich vermisse ein Radio… jetzt könnte ich mir etwas aus Jon Lord’s „Sarabande“ vorstellen. Nur ein paar Kilometer.

Wir fahren ja gerade durch den russischen Teil einer Gegend namens Lappland, als wie auf Bestellung ein verrostetes Hinweisschild einen Ort namens Laplandia an die M18 zaubert. Hier müssen wir natürlich raus, wer will schon am echten Lappland vorbeifahren? Kaum verlassen wir die M18, wandelt sich der Asphalt in eine unbeschreibliche Buckelpiste, welche wir nur langsam fahren können. Sind ja nur zwei Kilometer, also kein Problem. Im Nirgendwo kommen wir an einen Bahnübergang – und der blinkt! Schranken gibt es keine, aber wir kucken ersteinmal… es pfeifft und tatsächlich rauscht eine kleine Rangierlok an uns vorbei. Irre. Im völligen Nirgendwo steht menschliche Infrastrktur und sie funktioniert, einfach so. Die Piste wird besser, d.h. die Buckel werden länger und man kann mit knapp 50 unentwegt schaukelnd drüberbrennen. Jedes Mal, wenn wir tief in die Dämpfer sacken, gibt es ein hartes „klonk“. Da veränderliche Geräusche mein größter Feind sind, muss ich sofort anhalten und nachsehen. Die Sonne scheint kurz zwischen zwei Regenschauern, sodass ich mich direkt auf den Asphalt werfen kann. Der Blick dauert nur eine Sekunde, dann ist die Diagnose schon fertig. Gebrochene Stabistützen erkennt man ja fix. Wer braucht schon Stabilisatorstützen… Nach den Einschlägen auf den letzten Pisten eigentlich kein Wunder, also was soll’s. Mit einem Kabelbinder wird sie lose an die Spurstange gebunden, sodass sie beim Einfedern immer vor dem unteren Querlenker zu liegen kommt und nicht auf selbigem aufschlägt. Das Geräusch ist weg, beruhigt fahren wir weiter. Nach geschätzten 5km kommt immer noch kein Laplandia, und so drehen wir unverrichteter Dinge um. Nicht ganz: Die Tatsache, das Geräusch gefunden und unterbunden zu haben, stimmt wieder fröhlicher.

gebrochene Stabilisatorstütze

Direkt vor Murmansk verfahren wir uns ersteinmal, denn die M18 biegt irgendwann nach links ab, um weiter zur norwegischen Grenze an den Endpunkt des Kola-Highway zu gelangen. Murmansk selber liegt eigentlich unten direkt am Wasser einer ewig langen Trichtermündung, in anderen Ländern würde man wohl einfach Fjord sagen. Das Ufer ist eigentlich komplett mit rauchender Industrie, rostigen Hafenanlagen und sonstigem Zivilisationsunrat verbaut. Man kommt über einen kleinen Hügel und hat als ersten Eindruck der Stadt eben jenen. Schade. Mittlerweile zieht sich Murmansk auch weiter hoch in die Hügel und so kurven wir auf der Suche nach einem Supermarkt kreuz und quer, bergauf und bergab. Fährt man bergab, hat man einen schönen Blick über die Stadt und ihre verschiedenen Viertel. Auffällig sind viele umzäunte Gelände, welche alle irgendwie wichtig aber trotzdem trostlos und verlassen sind. Ein Gedicht aus Rost und Luft stellen 500 Blechgaragen dar, welche, sich gegenseitig stützend, das Regenwasser immer wieder zum nächsten Nachbarn leitend, mit der Mörtelkelle in eines der hügeligen Täler geschmiert worden zu sein scheinen. Solche Garagenviertel sind typisch in russischen Städten und beherbergen so manchen Schatz und Tüftler. Hier wird gesammelt, geschraubt und gelitten, gelacht, gesoffen und gestritten.

Murmansk

Wir wir so über einen der Hügel fahren, kommt uns ein Schild in die Quere: Severomorsk! Der Inbegriff der stolzen Polarmeerflottee der russischen Marine, speziell natürlich ihrer Atom-U-Boote. Mein Vater hatte uns schon am Telefon davor gewarnt. Hier soll das gehobene Wrack der Kursk liegen, hier gibt es mehr atomaren Dreck als man sich vorstellen möchte. Wir fühlen uns magisch angezogen und wollen ein Atom-U-Boot sehen, am Besten fotografieren. Bekloppte Touristen! Das mit dem Fotografieren ist schon nach 100m passé, da kommt nämlich das Schild. Das mit dem Sehen zögert sich noch eine Weile hinaus. Wir kommen an eine Art Grenzübergang und halten ersteinmal kurz an um das Treiben zu beobachten. Junge Kerle in viel zu großen Wattejacken – die Größenanpassung erfolgt einfach durch eine Falte auf dem Rücken, welche mit der Koppel zusammengehalten wird – stehen an Schranken und kontrollieren irgendwelche Papiere. Weiter rechts gibt es eine Spur für Busse und LKWs, welche gesondert abgefertig werden wollen. Eigentlich sieht alles ganz reibungslos aus, die meisten fahren nach einem kurzen Blick einfach weiter, genauso kommen welche aus der Zone auf unsere Seite. Sieht aus wie ein ganz normaler Durchgangsverkehr. Was soll schon groß passieren, fahren wir hin! Vorzuzeigen haben wir eigentlich nix, außer den Pässen. Wir werden kontrolliert und prompt wird uns erklärt, dass wir doch mal bitte zur Seiten fahren sollten. Die Pässe behält er gleich ein und trägt sie zur Seite in ein Büro. Wir sollen das Auto parken und dann nachkommen. Am Fenster erklärt mir ein Marineoffizier, dass hier eine gesperrte Zone sei, und er jetzt ersteinmal telefonieren müsse. Könnte so 20 Minuten dauern, sagt er auf meine Nachfrage. Das kann ja heiter werden. Wir gehen und warten am Bus. Immer wenn ich durch das Fenster schiele, telefoniert er. Dann schreibt er, dann telefoniert er wieder. Plötzlich steht ein jüngerer, blonder Marinemensch vor mir, übergibt mir die beiden Pässe und fragt in freundlichsten Worten, wer uns denn in der Stadt erwarten würde. Ich sage ihm, dass wir dort niemanden kennen und einfach nur so umherreisen. „Einfach so reisen“ wiederholt er, lächelt, entschuldigt sich noch einmal und wünscht gute Weiterreise. So einfach ist das wohl nicht mit den U-Booten.

Severomorsk - ZIL

Es geht wieder zurück nach Murmansk, bergab voll gegen die Sonne um die Wette mit Marschrutkas und Trolleybussen (E-Busse mit Oberleitung…). Vorbei am Stadion, dem Bahnhof, ach, hier könnte man ja mal rechts abbiegen.

Bergab in Murmansk

Die Straßen werden sofort schmal, ab und zu ein altes Holzhaus und an den Laternen sehen wir die Werbung der örtlichen VW-Vertretung. Die Gegend wird immer unmoderner, verkommener doch die Schilder weisen beharrlich geradeaus. Ein, zwei ehemals sehr schöne Holzhäuser passieren wir, eine gammelige Fernwärmeleitung überquert die Straße. An ihr hängen auffällig bunte, nagelneue Poster, welche eine gute Reise wünschen. Ob die das VW-Autohaus bezahlt hat? Und richtig, hinter der nächsten Ecke ist die VW-Vertretung. Grauer Betonbau mit viel Glas, gleiches Design wie zu Hause, einfach reingeklatscht in diese völlig fremde Welt, direkt dem einfachen Volk vor die Haustür. Wirkt sehr komisch. Wir halten an einem kleinen Laden an, vielleicht können wir hier unsere Vorräte etwas auffrischen, bald wird es teuer in Norwegen. Der Laden ist wie viele russische Tante-Emma-Läden organisiert: Ringsherum eine Theke, dahinter ein paar Frauen, welche emsig die gewünschten Waren zusammensuchen und dann gegen Geld über die Theke reichen. Wenn wir hier alles einkaufen wollen, brauchen wir ja Stunden – man muss ja alles erklären! Von der Hälfte der Sachen weiß ich nicht mal die Bezeichnungen, nein, das wird heute nix. Wenigstens kaufen wir Zwiebeln, Knoblauch und Speiseöl, das kriege ich auf die Schnelle noch zusammen. Mit uns sind drei Kaukasier im Laden, die tütenweise Dosenbier einkaufen. Als wir wieder herauskommen sind wir drauf und dran, unsere restlichen Rubel dem vor der Tür wartenden Bettler in die Hand zu drücken – doch er ist verschwunden. Stattdessen begegnen wir einer Frau, barfüßig in Latschen (wir frieren derweil in Jacke und Schuhen!), nur mit einem Küchenkittel bekleidet redet sie auf einen der Kaukasier ein. Der soll noch einmal zurücklaufen und anderen Sprit besorgen, Bier täte es nicht. Der Kaukasier weiß aber genau was hier läuft und läßt sich nicht beirren. Sie ziehen davon und nach einigen unwirschen Blicken tapert auch diese traurige Gestalt davon. Offenbar ist sie dem ALkohol zum Opfer gefallen, stapft in der Kälte zum Laden um Nachschub zu holen, doch die Frauen im Laden verkaufen ihr nichts mehr, sie wissen nur zu gut, was der Alkohol für Auswirkungen hat. Es ist schlimm mit anzusehen, aber leider ein alltäglicher Anblick. Langsam rollen wir aus diesem Viertel, wieder unter den Fernwärmeleitungen hindurch, vorbei an einem verlassenen Betrieb für „mechanische Erzeugnisse“. Der Schriftzug und das Logo dieses sowjetischen Kombinates prangen noch oben auf dem Haus, doch der Rost hat auch sie längst eingeholt. Fast hätte ich von einem Relikt aus längst vergessenen Zeiten geschrieben, doch angesichts der Menge an Arbeitsplätzen, die mit der Schließung dieses Betriebes gestorben sind, wird diese Zeit hier wohl niemand so schnell vergessen. Nur manchmal vielleicht, wenn der Alkohol endlich seine Wirkung tut. Wieder vorbei am schönen Holzhaus geht es in Richtung Zentrum, ein komisches Gefühl, hier so einfach herausrollen zu können.

Holzhaus in Murmansk

Glückliche Reise

An der Hauptstraße findet sich recht schnell ein größerer Supermarkt – hier wollen wir so richtig aufziegeln, damit wir Norwegen wenigstens finanziell etwas abpuffern können. Brot, Milch, Saft, große Stücken Käse und viel Wurst werden zusammengesucht. An der Wursttheke ist die Frau etwas verwundert, als ich 20 Würstchen verlange. Das wird wohl nichts werden sagt sie, aber sie geht mal kucken. 16 hat sie gefunden, na gut, die nehme ich alle. Wieviel möchte ich von dem gekochten Schincken? Tja was weiß ich denn, ein dickes Stück eben? Da in der Ecke liegt etwas passendes, sie rutscht mit dem Messer darauf umher, bis ich „genug“ sage. Sie empfiehlt mir noch eine andere Sorte, die nehmen wir auch gleich mit. Selbst hier in Rußland sind die Preise eigentlich jenseits von Gut und Böse. Zusätzlich merkt man noch, dass wir in Murmansk und nicht in Moskau sind, denn jegliches Obst und Gemüse wird in wahnwitzigen Kleinstmengen abgepackt und einzeln ausgepreist. Wir kaufen 10 Packungen mit je drei Mohrrüben. Am Ende gehen knapp 3000 Rubel in den Korb, irgendwie peinlich. Als wir wieder am Auto sind, kommt der Wachmann angelaufen: Wir haben unsere Bonuspunkte vergessen. Es ist doch nicht zu fassen, warum steckt er sie nicht selber ein? Wir hatten sie extra etwas auffällig liegen gelassen – vielleicht kann damit ja jemand etwas anfangen, aber nein, der gute Mann bringt sie uns hinterher. Sarah rennt noch einmal zurück und gibt sie dem erstbesten auf dem Bürgersteig. Der bedankt sich dafür ausführlich und wünscht Sarah irgendetwas Nettes.

Der Weg aus der Stadt wird heuzutage sehr vereinfacht, denn es gibt eine große Brücke auf die andere Seite des Fjords. Binnen 15 Sekunden hat man die komplette Stadt hinter sich gelassen und stößt auf der anderen Seite auf die M18, welche man vorher zugunsten der Stadt hatte links liegen lassen. Auf der Suche nach der Brückenzufahrt kommen wir nicht umhin, am Ortseingangsschild des Vorortes Kola noch ein Bild zu machen. Eine olle Schnepfe auf hohen Absätzen meckert uns voll, warum wir denn hier fotografieren würden und rennt geradewegs zu einem kleinen Wachhäuschen. Haben wir hier einen wachsamen Bürger aufgeschreckt? Bloß schnell weg hier, bevor die Tante irgendwelche Pferde scheu macht.

Kola

Wir müssen jetzt ersteinmal dringend etwas essen, also halten wir auf einem Feld um zu kochen. Es ist schon empfindlich kalt, sodass die Standheizung läuft, während ich draußen den Dastan starte. Wie immer werden es zu viele Nudeln, sodass wir hinterher völlig geplättet in den Sitzen hängen. Wir könnten ja heute Nacht ganz oben auf der nördlichsten Halbinsel schlafen denken wir uns, mal sehen was daraus wird. Es ist bereits kurz nach 8, als wir kurz vor dem Abzweig nach Norden von einer Straßensperre aufgehalten werden. Hier steckt ein gecrashter Lada auf einem Pfahl, als Mahnmal für Raser, wie mir der Polizist erklärt. Eigentlich ist es kein Polizist, sondern ein Soldat. Die ganze Gegend ist dermaßen Armee-verseucht, wie man es sich kaum vorstellen kann. Zuerst fragt er nur unfreundlich nach unseren Papieren, doch als ich ihm auf russisch antworte, erhellt sich sein Gesicht. Blöde Touris, aber mit denen kann man wenigstens reden und ein lustiges Auto haben sie auch. Er kuckt sich alles ganz genau an, und spätestens als er sein Handy herausholt um sich auch den Innenraum genau anzusehen wird klar, dass hier mehr sein privates Interesse verfolgt wird. Auch gut, solche Kontrollen laufen eigentlich immer schmerzfrei ab. Dass wir nach Norgwegen wollen stört ihn, denn die Grenze hat angeblich nur bis 21 Uhr offen, das schaffen wir ja nie – wo wir denn dann bleiben würden? Ich erkläre ihm, dass wir ja erst morgen zur Grenze fahren würden, denn heute wollen wir noch auf die Halbinsel. Ahh die Halbinsel, da gäbe es aber zwei, die Rybachi und die Srednii, welche denn genau? Na also eigentlich die ganz oben, die Rybachi. Er lächelt, als wüßte er schon was vor uns ist. Na gut, ob wir denn den Weg wüßten? Er zeigt und erklärt, alles ganz einfach und öffnet die Schranke. Sehr netter Mann.

Gleich hinter dem Kontrollposten geht es nach rechts in die Pampa, laut Karte würde man hier in Richtung Straße nicht viel erwarten, und so werden wir auch nicht enttäuscht. Nach kurzer Zeit ist der löchrige Asphalt verschwunden und der Weg wird zur Piste der übelsten Sorte. Mehr als Schrittgeschwindigkeit ist absolut nicht drin, die ganze Karre scheppert. Das Navi weiß natürlich nicht wo wir sind, aber so grobe Luftlinie sind es noch 64km bis zum Kap. Vater mach‘ Licht, ob wir das überleben? Endlos langsam zählen die verbleibenden Kilometer nach unten. Ein, zwei andere Autos kommen uns entgegen, hier direkt am Fluß scheinen einige zu angeln. Ein verwittertes Schild verweist auf irgendeinen Fischereibetrieb, aber davon ist nichts mehr zu erkennen. Die Piste wird einsam, also wir uns höher über einen Hügel Richtung Norden kämpfen. Es wird steinig und schlammig, links und rechts sind Tümpel und ab und zu auch mal ein netter Abhang. Als der Hügel überwunden ist, kommen wir endlich herunter zur Küste der Srednii-Halbinsel. Der Kilometerzähler steht bei 25 und es ist fast Mitternacht. Die Piste wird etwas besser, aber ich habe schon lange den Schacht gestrichen voll. Wir wollen zum Wasser und dort einen Schlafplatz suchen, doch das scheint gar nicht so einfach zu sein. Der erste Versuch scheitert auf einem steinigen Strand, welcher komplett mit Stacheldraht und Holzkreuzen versehen ist – was ist denn hier los? Bloß weg hier. Wir finden einen Weg, der an einer offenbar lange verlassenen Anstregung zum Bau eines Anlegers endet und stellen endlich den Motor ab. Es ist verdammt feucht draußen und die allzu nötige Standheizung macht das Rauschen des Meeres kaputt, aber das ist uns jetzt alles egal. Augen zu und weg.

Durch’s wilde Karelien 2

Drecksbus am See

Es ist kalt am See und die Sonne geht zufällig genau hinter dem Wald auf. Das schöne Ufer ist doch schon leicht von der Zivilisation beeinträchtigt worden und auch auf dem Strand finden sich die Spuren früherer Ausflügler in Form von Müll – nachts mit wenig Licht bekommt man wirklich immer den falschen Eindruck von der Umgebung. Eigentlich hatten wir uns genau aus diesem Grund dazu entschlossen immer noch bei Tageslicht einen Schlafplatz zu suchen, aber bisher haben wir das noch kein einziges Mal geschafft… die Konsequenz für die nächste Reise wird wohl eher sein: Mehr Licht ans Auto, schon alleine für Pisten und Straßen jenseits alleserleuchtender Zivilisation.

Die Landschaft verändert sich von gestern zu heute nicht groß: Sumpfige Wälder, Seen und Flüsse, dazwischen eine Piste, die einen von glattem Asphalt träumen läßt. Besonders beeindruckend ist die unendliche Vielfalt an Moosen, Flechten und Gräsern. Beim Versuch einige Fotos zu machen, hole ich mir sofort nasse Füße. Ein im Straßengraben liegendes Wolga-Wrack erleichtert mir den Einstieg von der Straße auf die Wiese, doch jeder Schritt klingt wie das Auswringen eines Schwammes und ich sinke 30cm tief in das Moos. Das Stativ bewahrt mich vor dem Umfallen. Da die Füße schon einmal nass sind, kann ich auch gleich ein paar Fotos machen. Es regnet zufällig mal 5min nicht, doch der Himmel ist seit Tagen von einer geschlossenen Wolkendecke bedeckt, sodass man eigentlich ohne Stativ nichts anfangen kann. Die Blende ist ständig weit aufgerissen, sodass man von Tiefenschärfe nur noch träumen kann. Das grüne Moos ist dennoch zu verlockend, und so wate ich durch die Gegend.

Moos

Moosi

An anderer Stelle gibt es sogar grazile Blüten zu beobachten, doch der aufkommende Wind macht es bei diesem Licht fast unmöglich hier zu fotografieren. Den Blitz wollte ich jetzt nicht noch auf die Wiese schleppen. Für die Baumfreundin vom Nebensitz gibt es auch allerhand zu bestaunen… gerade, krumme, große, kleine und wahnwitzig verdrehte Bäume stehen im Sumpf oder auf Wiesen und werden hier und da auch dokumentiert.

Blüte

Krisselkram

Bäume für Sarah

Wir nähern uns mit kleinen Schritten der M18, dem berühmten Kola-Highway. Die Piste ist so eklig, dass ich mir ständig überlege was bei diesem Gerüttel wohl alles über den Jordan geht. Jedes Geräusch muss lokalisiert werden, damit ich weiß was wo klappert und scheppert. Ab und zu fahren wir mit gespannte Ohren langsam über die Piste um ein neues Geräusch zu lokalisieren und wenn möglich zu unterbinden. Immer, wenn wieder eine Ursache gefunden ist, atme ich auf – vor allem aufgrund der Tatsache, dass bis jetzt alles im Innenraum gefunden werden könnte. Auf das Wechseln der Antriebswellen oder ähnliches hätte ich bei diesem Dreckswetter nun wirklich keine Lust gehabt. Noch 150km!

Es ist schon spät und dunkel als wir die M18 erreichen, doch Sarah ist jetzt voll in ihrem Element. Nach der Pistenorgie bin ich total im Eimer und mache einfach die Augen zu. An einer Tankstelle wache ich wieder auf. Normalerweise geht man mit etwas Geld zum Schalter, sagt die Pumpennummer an und bekommt den eingezahlten Betrag freigeschaltet. Also ab zum Schalter, Sarah weiß jetzt was „auf die fünfte“ auf Russisch heißt und los. Ich stehe draußen mit dem Rüssel in der Hand und friere, die Zapfsäule bleibt still. Sarah scheint da drin noch lustige Geschichten zu erzählen, jedenfalls kommt bald der Sicherheitsmann aus dem Kabuff und fragt mich, was wir denn wollen. Naja, Diesel und so, ne? Er fragt ob voll oder halb oder wie oder was, das ganze sehr, sehr freundlich. Er mag den Bus und findet es großartig mal etwas tun zu können. Ich möchte voll und er steckt einfach den Rüssel in den Tank und erklärt mir, dass der dann automatisch abschalten würde. Na dann? War ja einfach. Als der Tank voll ist, springt der Rüssel plätschernd aus dem Tank und wir müssen beide lachen. Ich sage nur „fast“, er grinst. Drin hat Sarah der Frau am Schalter schon erklärt, dass sie gerne einen Kaffee kaufen möchte. Die Frau kommt herum, nimmt ihr den Geldschein aus der Hand, führt ihn in den Kaffeeautomaten ein und tippt noch auf den Wahlschaltern auf die richtige Taste. Wir werden morgens um zwei dermaßen zuvorkommend und freundlich behandelt, dass wir nicht recht wissen, wie wir damit umzugehen haben. Da wir sowieso bessere Karten brauchen, kaufen wir sie gleich hier in der Tankstelle. Sarahs Kaffee ist fertig und der Automat spuckt ungelogen eine Hand voll Rubel aus. Als ich die Karten bezahle, gebe ich die komplette Hand voll wieder der Frau am Schalter, welche sie in Windeseile in die Kasse zählt. GLücklich und zufrieden verlassen wir die Tankstelle und der Wachmann sieht uns noch eine Weile lächelnd hinterher. Bäume, Blumen und Tiere sind die eine Sache, aber solche Begegnungen machen eine Reise erst zu einer Reise. Leider war der Kaffee als solcher nicht zu bezeichnen…

Ich schlafe wieder ein und Sarah fährt wie der Teufel mit russischen LKW und Wolgas um die Wette. Irgendwann in der Nacht überqueren wir den nördlichen Polarkreis, aber das weiß ich auch nur vom GPS. Hier steht kein Schild an der Straße, geschweige denn ein Polarsirkelensenteret mit ausgestopftem Streichelzoo und Wohnkloparkplatz – wer einmal in Norwegen über den Polarkreis gefahren ist, weiß, was ich meine…

150km vor Murmansk gibt auch der Teufel endlich auf und wir rollen eine grobe Schotterpiste hinauf auf einen Hügel. Unten im Tal sieht man eine Industrieanlage blinken, ansonsten ist es ruhig und schweinekalt. Die Gegend ist kahl und mit hunderten Strommasten jegicher Bauart und jeglichen Alters übersät. Wir scheinen auf den Überresten einer großen Straßenbaustelle zu stehen, anders ist das steinbruchartige Ambiente hier nicht zu erklären. Zu Essen gibt es nichts mehr, wir fallen einfach nur noch ins Bett.

Durch’s wilde Karelien 1

Zur Abwechslung hat es in der Nacht mal so richtig geregnet. Sämtliche zum Trocknen aufgehängte Klamotten sind wieder tropfnass, sodass wir diese jetzt irgendwo im Bus aufhängen müssen. Das wird schöön feucht in der Karre. Wir fahren mit voller Heizung und leicht geöffneter Dachluke – in der Theorie zieht die warme, feuchte Luft dann nach oben heraus.

Der Plan für heute ist recht einfach: Richtung Helsinki bis nach Vyborg, dann rechts abbiegen um den Ladoga-See auf der linken Seite zu umrunden. Das hat zwei Gründe: Erstens werden wir uns heute von Stephan und Anne trennen und zweitens wollen wir einmal quer durch Karelien fahren – ohne den M18 Kolahighway zu verwenden, welcher direkt von St. Petersburg rechts vorbei am Ladogasee bis nach Murmansk führt. Warum trennen wir uns? Ganz einfach: Wir sind zu spät losgekommen und die beiden sind keine Studenten – wir schon. Wir werden noch planmäßig bis Murmansk hochfahren, weil wir noch eine Woche hinten dranhängen können. Wird zwar alles sehr knapp mit dem Rußlandvisum, aber wenn wir jetzt schon hier sind, wollen wir auch bis zum Ziel. Stephan und Anne werden von der Nordwestecke des Ladogasees aus Richtung Finnland abbiegen um dann die Ostseeumrundung via Schweden und Dänemark schon etwas vorzuziehen. Der geplante Trennungsort liegt kurz hinter Sortavala, einer kleinen Stadt direkt am See, schon mitten in russisch-Karelien.

Die Straße von St. Petersburg nach Helsinki ist ganz gut, der übliche Buckelasphalt eben. Wie überall in Rußland geht es in rascher Fahrt mit grandiosen Überholmanövern in Schlangenlinien um noch grandioser stinkende LKWs. Dass dabei teilweise abenteuerliche Konstruktionen zur Lastenbeförderung unterwegs sind, brauche ich nicht zu erwähnen. Desöfteren ist neben dem allgegenwärtigen Müll auch eine Art Denkmal am Straßenrand. Hier ist offenbar der ein oder andere Fahrer mit seinem Gefährt im Wald zerschellt und die Angehörigen bilden aus der abgefahrenen Stoßstange, einem Kreuz und ein paar Kunststoffblumen einen mahnenden Schrein am Straßenrand. Man weiß nicht so recht was man, angesichts der an Kitschigkeit kaum zu übertreffenden Gedenkstätten, davon halten soll, aber ich will/kann mir auch nicht ausmalen, wie man selbst beim Verlust eines Kindes an einem Straßenbaum reagieren würde…

Vyborg ist schnell erreicht, doch den Abzweig Richtung Sortavala finden wir nur nach einigem Gesuche. Die Straße ist bereits sehr klein und der Asphalt ausgesprochen buckelig, zuweilen nicht mehr vorhanden. Nach wenigen Kilometern beginnt eine Schotterpiste, welche teilweise waschbrettartige Züge annimmt. Der Tupperbus kotzt, während wir freudig den Allrad zuschalten und Subaru Impreza spielen. Alle paar Kilometer warten wir dann auf die Anderen. Die Pisten werden hier zusätzlich von Holztransportern zerfahren, denn die ganze Gegend bis zum Seeufer ist Holzeinschlagsgebiet. Egal, wo wir anhalten: Es findet sich Müll im Wald. Vom einfachen Hausmüll bis hin zu kompletten Schutthalden, welche den Eindruck machen, als wären hier komplette Häuser mit Inhalt einfach mit dem Bulldozer den Abhang herunter geschoben worden. Man fragt sich, welcher denkende Mensch hier wohl am Werke war und versteht langsam den Sinn der Kalaschnikow.

Piste

Piste 2

Sortavala an sich ist nicht mehr so hübsch, wie es vielleicht einmal war, hier scheint einiges an Infrastruktur weggebrochen zu sein. Es gibt am Seeufer noch einige der alten Holzhäuser, welche in gar nicht so schlechtem Zustand sind, aber auch nicht direkt nach Pflege aussehen. Am Kai liegen zwei große Ausflugsboote, von denen eines sogar ein Tragflächenschnellboot zu sein scheint. Die Boote wirken völlig überdimensioniert, sehen wir doch ansonsten keinerlei weitere touristische Attraktionen, geschweige denn Touristen. Sie entstammen augenscheinlich einer früheren Zeit. Irgendetwas scheint jedoch in Bewegung zu sein, denn es wurde ein komlett neuer Fahrkartenkiosk mit farbigen Plakaten ans Ufer gestellt und die Boote sind frisch gestrichen. Als wir eintreffen hat der Schalter schon zu, sodass ich das Angebot nicht genau in Augenschein nehmen kann. Sicherlich wird es Verkehr zum Kloster Vallaaam geben, welches sich mitten im See auf einer Insel befindet und durch das Erstarken der Religion in post-sowjetischer Zeit sicherlich immer mehr Besucher anlockt.

Am Seeufer ist noch ein weiterer Kiosk aktiv, an welchem man sich hauptsächlich zum Trinken trifft. Er verbreitet lautstark die obligatorische Diskomusik am gesamten Seeufer, welche vor den ehrwürdigen Holzhäusern aus vergangener Zeit doch ziemlich absurd wirkt. Für solches Kontrastprogramm hat man aber in Rußland sowieso ein Faible, weshalb wir uns nicht weiter wundern. Als wir abfahren wollen, bekommt Sarah noch einen Heiratsantrag vom Oberclown der Dorfjugend. Er redet auf Russisch auf sie ein und hat allerlei Geschenke für sie, doch Sarah lehnt dankend ab. Unter einer Maultierherde von 50 Tieren macht sie es nicht, so viel kann er nicht bieten. Mit einer Flagge von Sortavala-Karelia als Abschiedsgeschenk kommt dann noch die Frage nach der Handynummer, aber Sarah tut einfach so, als gäbe es bei uns keine Mobiltelefone uns so kommen wir unbeschadet davon. Später sagt sie, dass Ihr der Typ zu klein war und seine Mütze hätte auch affig ausgesehen – was sind die Frauen heutzutage wählerisch…

Wenige Kilometer hinter der Stadt trennen sich unsere Wege. Links geht es nach Finnland, rechts weiter um den See und tiefer hinein nach Karelien. Wir überlegen noch, wer welche Ersatzteile eingepackt hat und tauschen ein paar Dinge aus, aber im großen und ganzen ist es recht unspektakulär. Da Stephans Navi keine POIs installiert hat, suchen wir wenigstens die GPS-Koordinaten eines Wohnmobilstellplatzes in Finnland aus meinem TomTom für sie heraus, welche dann mit dem Garmin und der Papierkarte zusammen vielleicht hilfreich sein können. Dann fahren wir rechts, sie links.

Sehr schnell wird uns bewußt, dass wir jetzt alleine sind. Das Handynetz bricht weg und wir haben die beiden Handfunkgeräte nach hinten in die Tasche gepackt – wir werden sie nicht mehr brauchen. Ab jetzt werden wir vielleicht etwas anders fahren, jedes Material muss geschont werden, damit wir heil nach Hause kommen. Noch 1500km bis nach Murmansk, davon ca. 500km grausigste Wellb[l|r]echpiste bis wir ca. in der Mitte auf den Kolahighway treffen wollen. An einem hübschen See halten wir an und geniessen die Abendsonne auf dem glatten Felsufer, bevor wir in nördliche Richtung abbiegen und tiefer nach Karelien eindringen.

Seeufer

Die Straßen sind hier einfach quer durch den Wald gekratzte Lehmpisten, welchen an besonders versumpften Stellen ein kleines Bett aus Schotter und Stein verpaßt wurde. Alle paar Monate fährt eine Art Schneeschieber die Piste entlang und kratzt die oberen 5cm ab. Das entstehende Material schiebt ein wenig die entstandenen Löscher zu, aber auch wirklich nur ein wenig. Durch das viele Wasser in der Gegegnd sind die Pisten bei Regen ziemlich schlammig und es bilden sich großartige Löcher und Seen, in welche man auf die ein oder andere Weise einschlägt – ständig. Wir haben eine sehr grobe Karte, in welche die Pisten teilweise sogar eingezeichnet sind, verlassen uns aber mehr auf Schilder, welche zu Orten deuten, die wir als passend empfinden. Das trifft man auf ein halb verwittertes blaues Hinweissschild, welches an einer 6-armigen Kreuzung mitten im Wald etwas mehr in die eine als in die andere Richtung zu tendieren scheint. Spontan wird entschieden und dann bekommt man 20 oder 30km weiter die Bestätigung: Entweder das Kaff kommt, oder auch nicht. Wir hatten ausnahmslos Glück!

Lyaskelya

Die Dörfer sind auf ihre Art interessant: 80% sind meist verlassen und verfallen. Alte Holzhäuser mit ergrauten Balken und verfallenen Stallungen und Gartenzäunen dazu, ab und zu eine Fahrzeugruine in romantischem rostbraun, dazu sozusagen der Dorfkern: Wenige Häuser in mehr oder minder gutem Zustand, jedenfalls von Weitem und ein einzelner bunter Kiosk. Dieser Kiosk bildet die einzige Einkaufsmäglichkeit und ist praktisch in jedem Kaff vorhanden. Je nach Größe des Dorfes hat der Kiosk die Maße eines Dixieklos bis hin zu einem Seecontainer. Eigentlich erwartet man hier absolut keine Infrastruktur mehr, aber diese Art von Dorfladen scheint obligatorisch zu sein. In etwas größeren Dörfern treffen wir mehrfach auf eine Art Markt, welcher aus 2-5 Ständen besteht und offenbar jeweils von den umliegenden Dörfern und ein paar Durchreisenden besucht wird. Was auch hier traurig auffällt: Der Müll. Idyllisch gelegenes Dorf, 100m nach dem Dorfausgang fette Müllhalde im Wald. Man faßt es nicht. Die Natur ist wirklich wunderschön, aber hier scheint es davon offenbar zu viel zu geben. Wir diskutieren die fehlende Infrastruktur, das nicht vorhandene Entsorgungs- geschweige denn Recyclingsystem… trotzdem, wir kommen immer wieder zu dem Schluß, dass man den Müll nicht in den Wald werfen muss – noch dazu über hunderte Quadratmeter verstreut. Ach, eigentlich liegt er überall. Im Ernstfall muss man sich eben eine Art Müllhaus selber bauen und ihn vielleicht gesammelt und sortiert entsorgen? Zur Not würde ich vielleicht eine Art Müllverbrennungsanlage konzipieren, aber einfach in den Wald karren…

Nach einigen hundert Kilometern haben wir für heute die Nase voll. Die Piste ist grausam und die Vorderachse ist schon zwei mal voll durchgeschlagen. Alles rappelt und irgendwas klonkt da unten, aber durch den Dauerregen ist nun wirklich jeder noch so kleine Winkel mit feinem Lehm und Sand bedeckt, sodass ich keinerlei Lust verspüre mich unter den Bus zu legen. Auf der Suche nach einem Schlafplatz merken wir wiederholt, dass der Bus zu wenig Licht hat. Entweder wir fahren mit Fernlicht, dann sehen wir immer die nächste Kuppe in der hügeligen Landschaft, verpassen aber alles unmittelbar vor und neben dem Bus. Mit normalem Abblendlicht kann man nur sehr langsam fahren, weil man einfach nicht weit genug sieht. Es ist zum Weinen.

Bahnübergang

Wir finden einen kleinen Standplatz direkt an einem Seeufer, aber als der Scheinwerfer über die Umgebung streicht, stellen wir fest, dass es sich um die lokale Müllkippe handelt. Angewidert fahren wir weiter. Der nächste Versuch zum Seeufer zu kommen wird nach einigen hundert Metern in einem Wald von Hundegebell jäh beendet – mit freilaufenden Wachhunden wollen wir in dieser Nacht nicht noch kämpfen müssen. Irgendwann biegen wir in den Wald ein, denn dahinter verbirgt sich laut Karte der See. Ohne Allrad geht hier nach 10m gar nichts mehr, denn der Wald ist völlig versumpft und verborgen im Dunkeln gibt es auch den ein oder anderen mannshohen Stein. So schaukeln wir eine Weile Richtung See, als er urplötzlich vor uns liegt. Sauberes Sandufer, leises Plätschern der Wellen und alles für uns alleine. In alle Himmelsrichtungen nur Karelien – perfekt. Wir essen Pelmeni mit Tomatensoße und fallen völlig geschafft ins Bett. Die Karre tropft vor Schlamm und Dreck, aber im Inneren sorgt die Standheizung für wohlige Wärme. Unser erster Tag alleine in Karelien.

St. Petersburg

Der Morgen... Camping Olgino

Der Morgen kommt spät und es scheint die Sonne. Die Italiener sind schon weg und so sind wir nahezu alleine. Wir finden uns inmitten sowjetischer Freizeitkultur der 80er Jahre wieder – leider alles verfallen. Gleich neben uns die Ruine eines imposanten Flachbaus, bei dem die Arbeiter im Betonteilewerk mal wieder ihr ganzes Können einbringen durften. Der Bau besteht aus vielen gerippten Formteilen, absurd anmutenden Eckteilen und viel Fassade. Letztere hängt jetzt in Fetzen herunter und gibt den Blick frei auf die eigentliche Konstruktion. Im Inneren gibt es Waschräume, eine Küche, Lager und in der Mitte den großen Gemeinschaftssaal für gemütliche Pionierabende zu hundertfünfzig.

Das Zentralkommitee des gelben Busses hat für heute zwei sehr dringende Punkte zur Erhaltung der allgemeinen Zufriedenheit der Insassen auf den Tagesplan geschrieben: Duschen und Wäsche aufhängen. Für die allgemeine Freizeitgestaltung wurde einstimmig ein Ausflug in die nahegelegende Pioniermetropole St. Petersburg beschlossen, welchem noch ein gemeinsames Mahl mit Gruppe Blau sowie der freundschaftliche Besuch unserer Partnerbrigade einer sowjetischen Einzelhandelswarenverkaufsstelle mit anschließender Verkostung der dargebotenen Leckereien folgen sollen. Wir freuen uns alle sehr.

Wetterbedingt wird Punkt zwei vorgezogen. Alles läuft sehr gut. Die Wäsche hängt auf 5m Wäscheleine und diversen Birkenzweigen. Die ersten Wolken ziehen auf.

Die Duschen befinden sich in post-sowjetischen wellblechbedachten Holzbunkern, welche innen mit formschönem Linoleum auf ihren eigentlichen Zweck vorbereitet wurden. Warmes Wasser gibt es im Überfluß und so steht man splitternackt in einem 25qm-Raum mit leicht gelblichem Glanz und genießt die große Freiheit. Zum Trocken der Haare wird ein Dieselansaugrüssel vom VW-Bus auf den Luftauslass der Standheizung gesteckt und selbige auf die höchste Stufe gedreht. Das funktioniert wunderbar und ist bei den aktuelle Außentemperaturen auch gesundheitsfördernd.

Kaum brennt der Dastan-1, fängt es an zu tröpfeln. Der Fortschritt beim Wäschetrocknen ist binnen Sekunden dahin. Es gibt zur Abwechslung mal Nudeln, polnische Penne. Dazu polnische Würstchen und Tomatensoße deutscher Herkunft. Angebratene Zwiebeln und viel zu viel Butter bilden eine solide Grundlage, welche später zusammen mit dem Tomatenmark, der Tomatensoße, Salz, Pfeffer und polnischer Milch in Richtung Soße getrimmt wird. Anschließend wird alles in den großen Nudeltopf umgefüllt und zu einem nahrhaften Nudelbrei verarbeitet. An der frischen Luft schmecken die wunderlichsten Sachen großartig.

Kochen...

Zutaten

Es ist gegen 17 Uhr, als das Mittag vorüber ist und wir uns langsam zum Sightseeing und Lebensmitteleinkaufing in die nahegelegene Metropole St. Petersburg begeben. Schon nach wenigen Kilometern und ziemlich genau 10 km vor dem Stadtzentrum geraten wir in einen Stau, der uns jegliche Lust an einer Stadtbesichtigung raubt. Rechts im Wohngebiet sind Supermärkte, einer davon wird der unserige sein! Die Stadt werden wir später heute Abend noch einmal versuchen, jetzt hat das überhaupt keinen Sinn. Da wir unsere letzten Rubel im Olgino gelassen haben, brauchen wir einen etwas größeren Laden, in welchem wir mit der Kreditkarte bezahlen können. Etwas russisch wechseln wir die Spuren und biegen ab ins Wohngebiet. Hier sind gleich drei große Läden und Karten nehmen sie auch.

Schon auf dem Parkplatz werden wir angenehm überrascht, denn es steht ein hübsch zurechtgemachter und hochgelegter UAZik neben uns. So ein blattgefedertes Starrachsenungeheuer verträgt doch ganz andere Reifendimensionen als unsere Hausfrauenbusse und so kommen wir beim obligatorischen Schwanzlängenvergleich gar nicht gut weg. Dass sich ein russischer Supermarkt heutzutage kaum von den unserigen unterscheidet, ist leider traurige Wahrheit. Wir suchen an russischen Produkten zusammen was geht, aber es ist nicht viel zu finden. Die Preise sind nur allzu westlich, sodass man sich wiederholt danach fragt, wie sich die Russen ihr Leben finanzieren. Wir kaufen uns auch endlich mal eine große Wassermelone (Arbus, nicht Melonchik ), welche sodann ihren Platz in unserer Wäschetonne findet.

UAZik

Schwanzvergleich

Wieder auf dem Zeltplatz angekommen, fällt Gruppe GelP sofort ins Bett. Die Anderen lesen und trinken Kaffee vor den Bussen. Als wir geweckt werden, ist es schon 21 Uhr und Sportsfreundin Anne von der blauen Delegation blättert unwirsch in ihrem Handbuch zur Erkundung fremder Städte. Heute soll es sein: St. Petersburg. Wichtigstes Ziel: Newa-Ufer mit Winterpalast und vielleicht noch schnell über die zwei Brückchen ans andere Ufer bis zur Kirche und zurück… oder so. Wir rollen mit vorschriftsmäßiger Geschwindigkeit zurück in die Stadt. Der DPS-Kontrollposten hat gerade anderes zu tun, und so kommen wir abermals um eine Kontrolle herum. An der Newa angekommen, findet sich auch direkt ein Parkplatz zwischen anderen Touristen. Da uns die Stadt nicht ganz Geheuer ist, bleiben wir an den Bussen, während sich Stephan und Anne freudestrahlend auf einen nächtlichen Stadtbummel begeben. Es ist schweinekalt und windig, doch das kann hier niemanden von der Abendgarderobe abhalten. Pärchen flanieren an der Newa entlang. Ungleiche Pärchen. Frauen von magersüchtig über Gewichtsheberin bis superhübsch stolzieren auf hohen Absätzen im Cocktailkleid die Newa herunter. Er, normale Klamotten und eher Durchschnitt. Männermangel? Wie kriegt so ein Typ so eine Frau? Unklar. Den meisten scheint die Güte ihres Fangs aber bewußt zu sein, denn das Schätzchen wird regelrecht inszeniert. Stell Dich mal hier ans Ufer, mach mal so, Blitz, Schnuckiputzi. Der ein oder andere Mann avanciert zum Fotografen, indem er ein Stativ aufstellt und dann trotzdem mit der Hand den Auslöser drückt. Ich drücke mich auch mit dem Stativ am Ufer entlang, aber irgendwie ist mir das alles zu steril und ich kehre schnell wieder in den warmen Bus zurück. Die Fotos von Sarah im Bikini auf der Uferbrüstung darf ich übrigens nicht hier einstellen.

Winterpalast

Über Funk kommen längst keine Antworten mehr, zu weit sind die Beiden schon entfernt. Wenn doch nur der Sommer käme… das Venedig des Ostens könnte so viel schöner sein. Nach einer halben Ewigkeit tauchen die Kameraden aus dem Dunkel auf. Stephan steht die Begeisterung förmlich ins Gesicht geschrieben und auf die Frage, ob es denn kalt wäre, antwortet er sehr tapfer mit nein. Anne scheint ziemlich glücklich zu sein, denn sie hat wenigstens ein paar wichtige Sachen dieser Stadt ansehen können. Eigentlich war ja noch ein Besuch der Erimitage geplant, aber die macht erst in zwei Tagen wieder auf – so ein Pech aber auch. Auf dem Rückweg kommt was kommen mußte: Ein McDonald’s! Hier kommt das i-Tüpfelchen auf den Tag, denn danach sitzt Anne glücklich und beseelt mit einem Eis im Bus. Glücklicher als Stephan sie je hätte machen können?

MakDonalds

Als ich im Bett liege, vermisse ich immer noch das Tröten einer Pioniereisenbahn, aber irgendwie kommt hier keine. Gute Nacht.

Russia for Dummies

Als wir vom wohligen Klang des Steinbrechers geweckt werden, rudert es schon wieder heftig auf dem Kanal. Die Finnen sitzen verstrahlt vor ihrer Hütte und bringen die Dose Morgenbier in Stellung. Wir packen eilig zusammen und werfen unsere Dreckwäsche schnell noch in die Waschmaschine, füllen diese mit Wasser und stellen sie in den Bus. Das Gerüttel der Fahrt wird die Wäsche waschen und später müssen wir sie dann nur noch aufhängen.

Über Tallin und beeindruckende Autobahnbaustellen geht es nach Narva, der Grenzstadt zu Rußland. Erinnert ein wenig an eine bekannte Lampenfabrik aus der DDR… 20km davor halten wir an. Angeblich darf man keinen Sprit in Kanistern einführen und ein D-Schild ist ja bekanntlich auch angesagt. Mein Kanister ist unter der Vorderachse und ich habe beschlossen drauf zu scheiXXen, doch Stephans steht schön sichtbar mitten im Bus, also entleert er ihn in den Tank – in Rußland ist die Pampe sowieso billiger. Das D-Schild entsteht am Straßenrand aus der Rückseite einer Biedronka-Tüte (= polnischer Supermarkt) und halbiertem Isolierband in schwarz. Formschön auf eine geputzte Stelle der Heckklappe komponiert, fühlen wir uns damit für die Grenze gewappnet.

Biedronka D-Schild

In Narva fragen wir an der erstbesten Tankstelle nach der Versicherung für’s Auto, die kann man hier ja angeblich überall kaufen. Die Dame meint, zur Zeit ginge da nix, das System wäre kaputt, aber an der Grenze, da könne man die sicher kaufen. Gut, die Grenze selber ist schnell gefunden, aber der dortige Ablauf ist jedes Mal anders und ein Abenteuer. Wir steigen ersteinmal aus und ich frage eine Dame in einem Kiosk, wo man denn hier Autoversicherungen kaufen könnte. Jetzt wird’s russisch. Sie ist recht freundlich und verweist mich an die Dame nebenan, welche zwar im selben Kiosk sitzt, aber zu einer gänzlich anderen Organisation zu gehören scheint. Sie benimmt sich ein wenig wie der Obernatschalnik und hat sogar ein paar Fransen auf den Schultern. Die Worte des blonden Ungeheuers prasseln auf mich nieder, sodass ich kaum verstehe was sie meint. Immerhin: Versicherungen gibt es hier nicht und überhaupt – hm. Wir fragen noch in einem Wechselbüro, wo eine sehr nette Dame überzeugendes Unwissen verbreitet und so drehen wir mit den Bussen ein paar Runden auf dem Platz, in der Hoffnung, noch ein übersehenes Hinweisschildchen zu entdecken. Im Augenwinkel gestikuliert ein dicker Russe heftig in einer Kreisbewegung, welche uns andeutet, dass wir einmal um den ganzen Block fahren sollten. Kurz, die Schlange für den Grenzverkehr endet in einer Seitenstraße, welche nur von hinten zu erreichen ist.

Der Fortschritt in der Schlange dürfte mit ca. 2,5 Fahrzeugen pro halbe Stunde gutwillig bemessen sein, und so warten wir. Die Schlange endet bei eben jener Blondine direkt vor einer Schranke, wo Stück für Stück Fahrzeuge auf die eigentliche Grenze losgelassen werden. Irgendeine wichtige Funktion hat diese Dame, aber noch ist diese nicht so ganz klar. Scheint etwas mit der Schranke zu tun zu haben.

Jetzt stehen noch zwei Autos vor uns und deren Fahrer schlendern zur Blondine. Sie quatschen, geben ihr auch etwas, quatschen wieder, kommen zurück. Jetzt kommen wir dran. Die Schranke ist noch zu und es passiert: Das Ungeheuer tritt auf mich zu und fragt nach meiner Nummer. Hä? Was für eine Nummer? So eine Nummer, und sie zeigt mir einen Zettel, wie ihn ein Autofahrer vor uns abgegeben hat. Aha, nie gesehen, was soll das für eine Nummer sein? Das wäre eine Nummer die jeder haben müßte und die gäbe es im Transservice-Büro in der uliza Blakeks. Großartig. Etwas mürrisch scheren wir kurz vor der Schranke wieder aus der Warteschlange aus. Nummer besorgen. Ich frage noch leicht frech, ob wir dann wieder hinten an der Schlange stehen müßten oder wie oder was? Die Antwort ist überraschend: Nein nein, sie hätte uns ja gesehen und wir sollten dann direkt nach vorne kommen. Da würde sie uns dann auf Video sehen uns dann ginge schon alles seinen Gang. Wow. Unerwartet nettes Ungeheuer!

Der Transservice in irgendeiner uliza ist natürlich nicht zu finden. Wir kommen an einem Grenzposten vorbei, welcher in einem kleinen Wellblechhaus direkt hinter einem „Fußgänger verboten“-Schild sitzt. Wir sind zwar Fußgänger, aber der Mann ist überaus freundlich und scheint auf Fragen wie die unserige gefasst zu sein: Er besitzt eine kopierte Karte, in welcher das Büro und der Weg zum Transservice eingezeichnet sind! An der Tankstelle links… die beim McDonald’s? Nein, eine weiter… dann noch 500m und links auf den Hof. Alles klar, das finden wir.

Der Hof besitzt wiederum eine Schranke, welche halboffen festgerostet ist. Wir passen hindurch, zögern jedoch am Stopschild dahinter direkt weiter zu fahren und werden erst durch das energische Hupen hinten uns weiter auf den Hof getrieben. War offenbar nicht so ernst gemeint das Schild. Man stellt sich einfach irgendwo hin. Die Gesichter hinterm Schalter verziehen sich sofort wenn man mit seinem Paß näher tritt. Nein, hier bist Du falsch, du mußt nebenan in das Kabuff. Ah so, danke. Nebenan ist ein Räumchen von 2×2 Metern in welchem eine kleine Glasscheibe ist. Dahinter wirbelt eine Dame, und davor warten zwei junge Russen. An einer Wandzeitung ist zu lesen, dass es seit dem 1.7. ein Wartenummernsystem für die Grenzabfertigung gibt und man irgendwelche estnischen Moneten bereithalten soll. Haben wir nicht. Warten wir trotzdem.

Vor uns fallen allerlei russische Flüche und die beiden haben die Wahl zwischen einem Termin für morgen nacht oder übermorgen früh. Mir schwant Böses. Hinter uns stellt sich noch ein Mann in die Schlange, Typ sibirischer Bärentöter, aber nett. Er fragt die Jungschen vor uns über irgendein Dokument aus und wird voll angeblafft. Ich weiß nicht warum und wie, aber der Bärentöter bleibt die Ruhe selbst. An seiner Stelle hätte ich jetzt ein Bärchen gewürgt. Wir sind dran. Ich weiß immer noch nicht worum es sich hier dreht, also sage ich, dass ich auch gerne „so eine Nummer“ haben wolle. Sie lächelt freundlich und fragt ob wir denn heute reisen würden? Ja natürlich! Sie nimmt meinen Techpassport (die Autopapiere) und geht zum Rechner. Dort öffnet sie ein Worddokument, in welchem eine Liste von Nummern steht. Sie kopiert die letzte, löscht sie, fügt sie in ein anderes Dokument wieder ein, tippt die Nummer zusätzlich in einen Bondrucker und schreibt dann noch das Autokennzeichen dazu. Sie gibt sich mit 2 Euro zufrieden und ich verschwinde nach nichtmal einer Minute aus dem Kabuff, nachdem ich für Stephan die gleiche Aktion noch einmal bestellt habe.

Den Mädels hängt der Magen in den Knien und der vorbeiziehende McDonald’s läßt kleine Sabberflecken auf dem Armaturenbrett entstehen, aber wir bleiben hart. Ich erinnere an das Versprechen des netten Ungeheuers und ob sie selbiges wohl warten lassen wollen? Nein, natürlich nicht! Also auf zur Grenze.

Die Schlange an der Schranke ist schon merklich geschrumpft, doch wir stellen uns direkt neben das erste Auto. Die frisch gekauften Nummern machen die Frau an der Schranke lammfromm und beim nächsten Mal sind wir sofort drin. Der einzige Sinn dieser Nummer bestand also darin, die Schranke zu öffnen? Hallojulia.

Drin warten wir noch ein wenig, dann geht es zur estnischen Paßkontrolle. Ein kurzer Blick, der Zoll kuckt gleich gar nicht mehr. Auf zu den Russen. Wir werden von einem jungen Zöllner ersteinmal zur Überprüfung des Fahrzeugs gebeten. Zeitgleich bekommen wir die Zollerklärungen und die Migrationskarten ausgehändigt und wir fangen eifrig an, diese auszufüllen. Der Oberzöllner ist ein breitschultriger Mann, welcher nur noch in Armee-T-Shirt unterwegs ist und sich von seinem jungen Kollegen jeweils die Fahrzeuge öffnen läßt und ab und zu nickt. Unsere Zollerklärungen übergebe ich an die Kollegin im Häuschen, welche mir nach einiger Zeit erklärt, dass es alles gar nicht so wild sei und wir nicht jeden Furz für die vorrübergehende Einfuhr deklarieren müßten. Aber… aber… ich frage, ob das nicht spätestens bei der Ausreise wichtig sei? Sie lächelt verschmitzt und gibt mir zu verstehen, dass es keinen Schwanz interessieren würde. Das Auto sei wichtig, und dafür bekommen wie schließlich auch einen speziellen Aufkleber, welchen wir bis zur Ausreise definitiv nicht verlieren sollten. Der Oberzöllner muss unsere Zollerklärungen abstempeln, quatscht aber gerade hinter dem Kabuff mit seinen Kollegen. Also geht die nette Frau aus dem Kabuff zu ihm und übergibt unsere Erklärung. Er legt diese auf seine dicke Pranke, holt einen Stempel heraus und knallt diesen mehrfach auf das Dokument. Der übrig gebliebende Lappen ist jetzt hochoffiziell und unser wichtigstes Papier. Da das Gespräch noch nicht zu Ende ist, macht sich der Jungsche alleine daran, unseren Bus zu kontrollieren. Er ist sehr nachlässig und quatscht freundlich mit mir. Motor hier, aha, Bett mit Moskitonetz, nett. Die Waschtonne interessiert ihn. Als ich sie ihm öffne, sieht er drei alte Socken in einer hellgraußen Soße schwimmend. Belustigt wendet er sich mit einem allseits bekannten russischen Universalfluch ab. Das Kind ist geschaukelt!

Direkt nach der letzten Schranke beginnen einige bunte Buden und die Jugendlichen scheinen sich die Grenze als Treffpunkt ausgekuckt zu haben – vielleicht weil die Kioske hier 24h geöffnet haben. Ich habe nur eines im Kopf: Versicherung! Links Strachovka, rechts Strachovka, alles da. Wir entscheiden uns für links, da steht die Tür einladend offen. In der Bude sind zwei kleine Schalter. Hinter dem einen lehnt eine ganz nett zurechtgemachte Russin und kramt in ihrer Handtasche. Sie gehört offenbar zum Mobiliar und ich gehe direkt zum zweiten Schalter. Hier sitzt ein junger Mann, der gelangweilt in seinem Drehstuhl zu der Dame sieht und den Kugelschreiber gekonnt zwischen den Fingern dreht. Offenbar gehören die beiden zusammen – sie wartet darauf, dass sein Dienst zu Ende geht. Als er mich bemerkt, ist er sofort zur Stelle. Versicherung njet problem, für 90PS knapp über 900 Rubel, das klingt vernünftig. Einziges Problem: Keine Kartenzahlung, nur echtes Geld. Haben wir natürlich nicht. Irgendwie sieht Rußland gar nicht so böse aus, also entscheidet Sarah schnell, mit der EC-Karte nach Ivangorod zu laufen und Geld zu holen. Zu diesem Zeitpunkt kann sie nicht einmal kyrillische Buchstaben lesen. Ich muss beim Bus bleiben und auf die anderen warten, die noch irgendwo im Grenzgeschehen stecken. Es dauert nicht lange und Sarah kommt zurückgerubelt. Freudestrahlend erzählt sie von ihrem ersten Erlebnis in Rußland – soooo nette Leute hier! Inzwischen sind auch Stephan und Anne eingetroffen und so erwerben wir kurzerhand mit den frisch geschossenen Rubeln zwei echt russische Strachovkas. Weil der Benziner soooo viel Leistung hat, muss Stephan gleich mal 200 Rubel mehr bezahlen. Haha.

Nach 5h Grenze rollen wir glücklich durch Ivangorod direkt Richtung St. Peterburg. Es kommt wie es kommen mußte, kurz nach dem Ortsausgangsschild leuchten bereits die Buchstaben der Straßenpolizei DPS. Wir werden zum Schaulaufen vor den gelangweilten Beamten auf 10km/h heruntergebremst und natürlich prompt auf die Seite gewunken. Passport, Techpassport, Strachovka. Ich sage zu ihm, dass ich ihm auch noch zwei verschiedene Führerscheine bieten könnte und er nimmt sie dankbar hin. Zwei kurze Blicke und die Sache ist erledigt. Gute Reise und Tschüss. Wenigstens einen unserer Feuerlöscher hätte er ja noch ankucken können! Sämtliche offiziellen Prüfungen für diese Nacht auf Anhieb bestanden, das stimmt fröhlich.

Bereits kurz nach der Stadt wird die Straße so, wie ich sie erwartet habe. Das leise Kotzen am Funkgerät läßt vermuten, dass der Multivan hinter uns sich etwas mehr erhofft hatte. Egal, wir wollen heute zu einem Übernachtungsplatz bei St. Petersburg vordringen, den wir in den Tiefen des Internets gefunden hatten. In der Stadt selber steht es sich nicht so gut, deshalb etwas außerhalb. Navigieren kann das TomTom dahin natürlich nicht, aber ich finde auf der Karte die gleichnamige Station der elektrischka (so ein Mittelding aus Regional- und S-Bahn… gibt es in vielen großen Städten als Weiterverbindung in die Vororte nach der letzten Metro-Station). Die Strecke soll über Kronstadt unter Umgehung von St. Petersburg selber gehen, das klingt vernünftig. So biegen wir irgendwann von der Hauptstraße ab und jagen in wildem Ritt durch das nächtliche Rußland. Ein Loch jagt das andere, ein weiteres Loch jagt einen stinkenden LKW und so weiter. Mitten im vermeintlichen Nichts saugen wir uns an einer hell erleuchteten Tankstelle bis zu Dachkante mit billigem Fusel voll, die Freiheit nehmen wir uns. Nach etwas Umhergekurve kommen wir endlich bei Peterhof ans Ostseeufer und können Kronstadt schon leuchten sehen. Nur noch ein kleiner Sprung… Kurz bevor wir an der bezeichneten Stelle ankommen, treffen wir auf eine Baustelle. Zu, Aus, Ende. Ein Häuschen mit geschlossener Schranke bedeutet uns, dass wir umkehren sollen. Eine Umleitung ist nicht ausgeschildert. Natürlich gibt es – wie überall in Rußland – auch einen Wachmann. Dieser erklärt mir in leicht bläulichen Worten etwas von einem grooooßen Bogen und gestikuliert dabei eben so großbogig in der Gegend umher. Ich interpretiere das so: Man fährt hier irgendwo rechts hoch und umgeht dann in einem grooooßen Bogen die Baustelle und kommt genaaaau dahinter wieder heraus. Nur wo rechts rein? Ausgeschildert ist hier nichts und die Karte ist nicht sehr hilfreich. Wir haben schon echt die Nase voll, aber es hilft nichts. Nach und nach probieren wir alle Straßen durch. Der Syncro bricht fröhlich durchs Unterholz, der Multivan bricht auch. Nach ewigem Suchen finden wir eine fahrbare Straße, welche auch andere Verkehrsteilnehmer zu nutzen scheinen.

Die Umleitung zieht sich lang und länger, doch wir erkennen viele Bagger und Bauarbeiter, die offenbar an einem größeren Autobahnprojekt arbeiten. Am Ende der Umleitung stehen wir wieder genau auf der Straße, an der wir sein wollten, nur leider 300m zu weit. Unsere Kreuzung ist noch Teil der Baustelle und damit voll gesperrt. Wir können es nicht fassen. Nach all den Strapazen, wird die komplette Route über den Haufen geworfen. Noch einmal die Umleitung zurück und dann die Küstenstraße entlang, mitten durch Petersburg bis zum Schlafplatz. Es ist jetzt morgens um halb 4 und wir haben Rußland echt gefressen.

Das nächtliche Petersburg ist bunt und schrill, spärlich bekleidete Pärchen schlendern auf den Straßen, gefahren wird wie der Teufel. Alles was irgendwie bedeutsam ist, wird hell beleuchtet, sodass wir gleich eine perfekte Stadtrundfahrt machen. Nachts sind die Straßen sogar befahrbar, weil nicht so viele Autos unterwegs sind. Es regnet natürlich wieder als wir darauf warten, dass eine der Newa-Brücken wieder heruntergelassen wird. Durch Plattenbausiedlungen fahren wir hinten wieder aus der Stadt heraus, immer Richtung Helsinki. Reichere Russen haben sich eine pompöse Villa direkt am Meer gebaut und sitzen jetzt hinter Stacheldraht und Mäuerchen vor ihren 42″ Fernsehern, während wir draußen auf der Jagd nach einem Schlafplatz sind.

Plötzlich kommt mir ein Ortseingangsschild bekannt vor: Olgino! Das hatte ich schon irgendwo im Netz gelesen, das legendäre Camping Olgino! Die passende Straße war nirgends zu finden gewesen, aber dass es sich dabei gleich um einen ganzen Ort handelt… das konnte ja niemand wissen. Kurz darauf auch gleich das Hinweisschild auf ein Hotel Olgino und so stehen wir 10 Minuten später vor einem pompösen Sporthotel aus besseren Zeiten. Sieht irgendwie alles nicht direkt nach Camping aus, aber immerhin haben sie einen großen Parkplatz – das wäre uns in diesem Zustand auch egal. Die Dame an der Rezeption ist nicht unfreundlich und will 3000 Rubel pro Fahrzeug haben. Ich erkläre Ihr, dass uns auch das kleine Paket reichen würde… nix Strom oder Wasser, einfach nur ein Platz zum Stehen! Sie versteht sofort… Parken! Ja gut, wir wollen parken! Macht dann 350 Rubel bis Montag, hinstellen können wir uns „wo es Ihnen gefällt“. Wir stellen uns schon auf den Parkplatz vor dem Haus, als es aus dem Funkgerät tönt: Hier hinten geht es noch weiter, sieht nach Camping aus! So rollen wir hinter das Haus, wo es Wiesen, Klohäuschen und 15 italienische Wohnmobile gibt. Ab auf eine Wiese und in die Horizontale. Die Quittung über 700 Rubel zeigt 5:21Uhr, es reicht nun aber wirklich.

Lachssteaks in Pärnu

Nach dem Aufstehen registrieren wir uns, denn die Dusche lockt und wir wollen einen Tag Ruhe einlegen, damit ich noch liegengebliebene Arbeit erledigen kann. Das kostenlose Wlan paßt natürlich perfekt und so kann ich nach einigen Stunden am Laptop die letzte Last von mir schicken. Der GPS-Tracker wird erstmals ausgelesen und hat vorbildlich seinen Dienst verrichtet. Ich freue mich und Willy freut sich noch viel mehr, denn der wußte das schon vorher. (* An dieser Stelle mögen die geneigten Leser einfach schnell weiterlesen, Willy wird es aber verstanden haben :))

Der ausgesuchte Platz erweist sich als sehr sonnig, direkt am Kanal, allerdings hat er auch einen Nachteil: Genau am gegenüberliegenden Ufer steht ein großer Steinbrecher, welcher von morgens bis abends große Steine in kleine Steine verwandelt. Da wir hier nicht im Zauberwald vom Herrn der Ringe sind, macht das auch einigen Lärm. Nach einiger Zeit kompensieren wir selbigen irgendwo zwischen Ohr und Denkzentrum und der Tag wird ganz gut. Auf dem Fluß werden Ruderer von ihrem zickig klingenden Trainer im Motorboot auf und ab gescheucht. Einer, Zweier, Vierer, alles dabei. Eine Trainerin ist auch dabei, die scheint netter zu sein. Sie fährt auch nur ein kleineres Schlauchboot und lacht zwischendurch, da macht das Zukucken doch gleich viel mehr Spaß.

Weil es auf dem Campingplatz so schön ist, haben Stephan und Anne irgendwem im Ort ein paar Lachssteaks abgequatscht, welche nun gegrillt werden sollen. Ich bin noch etwas mit der Arbeit beschäftigt und allgemein nicht so richtig dabei, und so machen sich die anderen daran den Grill für die Orgie vorzubereiten. Eine schwer durchdachte Konstruktion aus Grillrost, Alufolie und Hoffnung läßt abenteuerliche Ergebnisse vermuten, doch… Letztendlich sitzen wir am Kanal und essen die überraschend gut gewordenen Lachssteaks – das hatte wohl niemand erwartet. Eine fette, schwarze Katze streicht und um die Beine, weigert sich aber gekonnt mal so richtig gestreichelt zu werden. Das Biest ist so verwöhnt, dass wir ihr die gebratenen Lachsstücken förmlich hinterhertragen müssen, wobei sich Stephan mit besonderem Eifer um das leibliche Wohl dieses Geschöpfes kümmert. Diese Katze sucht sich von jedem der Anwesenden Reisenden das Beste aus, da sind Lachssteaks eher untere Kategorie. Was essen die anderen wohl? Getrüffelte Kalamari in Schokoladensoße?

Neben uns fährt ein finnisches Wohnmobil auf. Es entsteigt dem Fahrersitz eine kleine Gestalt mit zurückgegelten Haaren und Glitzerweste. Seine Augen blitzen wie bei Asterix und es ist sofort klar, dass er in diesem Haufen das Sagen hat. Dem hinteren Teil entfleuchen noch ein paar Finnen und man macht sich unter fachkundiger Anleitung daran, das Campinggerümpel aufzubauen. Der Chef bekommt als erstes seine Dose Bier gereicht und stellt sich demonstrativ neben die lustige Schar. Einen Hund haben sie auch dabei, welcher allerdings die besten Jahre deutlich hinter sich hat. Es ist jene Art Hund, welche schon als Jahreswagen als Ofenrohrreiniger verschrien sind. Unser Exemplar besitzt aus unerfindlichen Gründen keinen Schwanz mehr, hat kaum noch Fell und ein einzelner Zahn ragt furchterregend aus dem Maul. Zum Weinen.
Beim kleinen Finnen erlischt so langsam das Licht in der Birne, weshalb ihm die Mannschaft wieder ein Döschen reicht. Es blitzt kurz, und er ist wieder voll da. Ein Mädchen ist übrigens auch dabei, aber noch trinkt sie nichts. Als alles aufgebaut ist, rückt die komplette Mannschaft ab. Wir vermuten: Nachschub holen.

Mit der Zeit wird uns klar, dass die Gegend total mit Mücken verseucht ist, und so packen wir das mitgebrachte Moskitonetz erstmalig aus und zimmern es mit ein paar Magneten kastenförmig über das Bett. Das sieht sehr professionell aus und scheint auch gut zu funktionieren. Mückenstiche haben wir nun trotzdem, aber wir gehen dennoch zufrieden ins Bett. Morgen soll’s bis zur russischen Grenze nach Narva gehen, alles weitere ist offen – wer kann schon die Grenze zeitlich vorher abschätzen…

Der Kanal von Pärnu, Estland

Die Nacht ist unruhig, denn die Finnen saufen wie die Löcher. Das Mädchen fängt mitten in der Nacht laut an zu weinen, und wir fragen uns, welche Emotionen die leztzte Dose Bier da wohl hervorgeholt hat. Sarah und Anne treffen sich morgens um 3 vor dem Bus zum Rauchen, an Schlafen ist bei diesem Lärm ja nicht zu denken. Stephan steht nachts noch einmal auf, spaziert wortlos zu den Finnen, und versucht ihnen ohne Worte und durch einen eindringlichen Blick die Situation näher zu bringen. Es hilft nichts. Später versucht Sarah es noch einmal mit Worten, das hilft. Etwas. Stephan meint, in Schweden werden die Finnen als die Russen des Nordens bezeichnet – warum nur?

Von Bambi bis Estland

Die Nacht war spektakulär ruhig, auch wenn sich Stephan über nächtlichen Lärm und Diskobeleuchtung von gegenüber beschwert hat – wir haben doch nur den Bus aufgeräumt und nach der Reparaturaktion vom Morgen wieder alles an seinen Platz gepackt! Beim Zähneputzen steht plötzlich ein Tier neben uns. Schnell wird es als Rotwild identifiziert und wir fragen uns, was sein Problem sein könnte, denn es kommt näher wie eine lange nicht gestreichelte Katze. Wir müssen förmlich wegrennen um nicht selber gestreichelt zu werden. Der Bus und sein Innenleben werden ausgiebig beäugt und Sarah ist so begeistert, dass sie sogar das Rauchen vergißt. Als Stephan vondannen rollt, läuft das Bambi ihm den Weg entlang hinterher. Erst als wir dann den Diesel anwerfen und ebenfalls den Weg entlangrollen, verschwindet es im Wald. Komisch die Polen.

Bambi

Es fühlt sich so an als hätten wir ziemlich rumgegammelt, weil wir Russland gar nicht näher kommen. Nach Kaliningrad dürfen wir nicht rein, also müssen wir durch die kleine Schneise zwischen Kaliningrad und Weißrussland nach Litauen einreisen. Dieser politische Unfug kostet den geneigten Reisenden gut und gerne einen Tag, aber dafür wird man durch die Masuren gezwungen, was ja auch nicht schlecht ist (allerdings als gesondertes Reiseziel erhöhte Aufmerksamkeit verdient). Wir hatten schon zu Hause alles bis zur russischen Grenze als nähere Berliner Umgebung und damit als Anreisegebiet deklariert, einfach weil wir bis Murmansk fahren wollen und das Baltikum sowieso nicht in 2 Tagen sinnvoll zu bereisen wäre. Ganz in diesem Sinne brennen wir über litauische Autobahnen Richtung Riga, welches wir gegen Mitternacht erreichen.

Dreckswetter in Litauen

In Litauen gibt es ein wenig nördlich von Siauliai einen interessant klingenden Ort: Kryziu kalnas, den Berg der Kreuze. Ein Hügel, welcher schon vor fast 200 Jahren – nach der Niederschlagung eines Aufstandes durch die Russen – von den frommen Litauern mit ein paar Kreuzen für die Opfer bestückt wurde, erfährt mit der Zeit ungeahnte Aufmerksamkeit. Es kommen Kreuze für die Opfer des Gulag und weiterer Taten hinzu, sodass die Zahl der Kreuze stetig wächst. Regelmäßig wird die Gedenkstätte von den Russen dem Erdboden gleich gemacht, nur um danach mit einer noch größeren Anzahl von Kreuzen wieder zu entstehen. Heute sollen es über 10000 sein, welche dem Umfrommen und ungläubiges Staunen und manchmal etwas Entsetzen entlocken. Entsetzen genau dann, wenn man an 1m großen Kreuzen vorbeikommt, welche von Bewohnern deutscher Kleinstädte gebracht wurden, um den Kanarienvogel der Nachbarin zu beweinen. Selbst für die Opfer der letzten Loveparade hat schon jemand etwas vorbeigebracht. So traurig diese sind, irgendwie hatte ich die Bedeutung des Hügels tiefer, politischer oder „ernster“ eingeschätzt? Man hat streckenweise das Gefühl, dass die Stätte zu einem Graceland für Kreuzliebhaber mutiert – noch ist sie nicht da, aber die ersten Ansätze sind deutlich sichtbar.

Hügel der Kreuze #1

Hügel der Kreuze #2

Schon auf dem Hügel der Kreuze hat es geregnet wie aus Eimern, mittlerweile regnet es schneller als der Scheibenwischer wegbewegen kann. Die Idee ist: Wir finden einen leere Holzhütte und dann kochen wir. Gesagt, nicht getan. Natürlich findet sich keine Holzhütte, schon gar keine leere und so rattern wir durch Seitenwege und Käffer, immer auf der Suche nach einem geeigneten Kochplatz irgendwo in Litauen. Letztendlich haben wir die Nase voll und halten einfach mitten auf einem verschlammten Feldweg. Der Wind pfeift wie irre um die Busse, sodass der Regen waagerecht durch die Landschaft fliegt. Wir haben einen russischen Benzinkocher, genauer gesagt einen kirgisischen, vom Typ Dastan-1, welcher jetzt dem Wetter trotzt. Die Hosen kleben nass am Hintern, doch wir braten munter Zwiebeln für die Soße an. Je schlechter das Wetter, desto besser schmeckt es. Nudeln mit Tomatensoße können so gut sein! Der Bus hängt voll mit nassen Klamotten, die Standheizung bollert, alles gut. Zum Essen bleiben wir gleich draußen, das warme Essen läßt auch den Regen vergessen – man muss nur den Wind im Rücken haben und schneller essen, als sich Eiskristalle bilden. Sarah schafft es nicht ganz, und so halten wir Ihren Napf noch einmal auf den Kocher. Abgewaschen wird gleich in der Lehmpfütze neben dem Bus, dann hurtig alles in die Karre geworfen und weg hier – auf die schöne, warme Landstraße.

In Riga wenden sich die Blicke der Fahrer unwillkürlich den hübschen Frauen zu – eine rustikale Straßenbahn war aber auch mal dabei. Selbige erinnern mich an meine früheste Kindheit, unten im Gepäckkorb des Kinderwagens sitzend, von meiner Mama über die kleine Fußgängerbrücke zum Konsum nach Buchholz geschoben werdend… dort, in Buchholz, fuhr eine ebensolche Straßenbahn – mörderisch in den Kurven quietschend, mit einem grauen Fahrkartenlocher, dessen Locheisen so stumpf waren, dass die einzelnen ausgelochten Papierreste wie kleine Klodeckel halboffen zum Stehen kamen. Am Fahrradständer der Haltestelle funktionierte schon damals nicht mehr das Sicherungssystem, welches es einem gegen den Einwurf von 10Pf ermöglichen sollte, sein Fahrrad sicher zu verwahren. Wir haben immer unser eigenes Schloß mitgebracht, welches angesichts heutiger Titan-NewYork-Mega-Schlößer wohl in die Kategorie Geschenkband sortiert werden würde. Jetzt, 25 Jahre später, stehen wir also in Riga und kucken den Frauen nach, die uns damals über die Brücke geschoben haben. Ach nein, meine Mama war nicht blond und sie trug auch keine HighHeels, aber der Rest stimmt.

Eigentlich wollen wir in Riga rechts abbiegen um auf die Küstenstraße Richtung Estland zu kommen, aber irgendwie ist Rechtsabbiegen bei den Letten verpönt. Wir fahren über die große Brücke, und auf der anderen Seite gleich wieder, um dann endlich zum wiederholten Male über die blau beleuchtete Brücke an der richtigen Stelle herauszukommen. Die uralte Osteuropakarte des TomToms leistet dabei gute Dienste, auch wenn man da überall rechts Abbiegen gedurft hätte.

Die Küstenstraße ist perfekt ausgebauter Asphalt und so rollen wir des Nachts unaufhaltsam Richtung Estland. Die Lichthupe entgegenkommender Fahrer bewahrt uns auch vor einer lettischen Geschwindigkeitkontrolle und so kommen wir bis morgens um 4 nach Pärnu, Estland.

Laut TomTom gibt es hier einen Campingplatz, aber der will ersteinmal gefunden werden. Die Straße endet in einer Baustelle und so biegt man in die seitlichen Gassen ab, knattert durch kleine Holzbauten um eine Kurve um schließlich vor einem recht modern anmutenden Campingplatz anzukommen. In der Rezeptions ist Licht, der Zugangsschlüssel für das Wlan hängt an der Wand, aber es läßt sich kein Bediensteter auftreiben. Wir beschließen einfach auf dem Parkplatz vor der Rezeption zu schlafen und beenden diesen Tag recht unspektakulär.