Batumi – Teil 1

Die Nacht verlief eigentlich ruhig, doch sie endete jäh. Morgens um 8 werden wir nicht von der Hitze aus dem Bus getrieben, sondern von Motorengeräuschen. Plötzlich haben wir das Gefühl, mitten auf einer Kreuzung zu stehen. Draußen stehen mind. 5 Marschrutkas, ständig kommen neue und andere verlassen den Platz. Was zum Geier geht hier vor? Wir haben es tatsächlich geschafft, mitten in der Nacht einen der wenigen Sammelplätze für Marschrutkas als Schlafplatz zu wählen. Es ist eigentlich ganz ruhig und gelassen, aber das Geschäft ist in vollem Gange. Die Marschrutkas treffen zu ihrer ersten Fahrt an diesem Morgen ein, nehmen die ersten Gäste an Board und ein etwas verwirrt dreinblickender, alter Mann springt mit einem Notizblock und einer Stopuhr von Wagen zu Wagen, um etwas aufzuschreiben. Am Rande des Platzes steht eine Art Restaurant, welches allerdings leer und in einem rohbauartigen Zustand ist. 5 Minuten später treffen wir zum ersten Mal Sahid.

makhinjauri

Sahid ist ein kleiner Mann mit fescher Sonnenbrille, Hemd und Bügelfalte. Er scheint hier der Chef zu sein. Er spricht natürlich fließend Russisch und freut sich sehr über uns. Er hat auch einen Hang zum Halten kleiner Vorträge und wir hören geduldig und interessiert zu. Wir erfahren, dass wir uns hier in einem Dorf namens Makhinjauri befinden und noch dazu mitten auf seinem Grundstück. Das findet er gar nicht schlimm, nur sollen wir die Busse etwas beiseite stellen, damit wir den Marschrutkas nicht im Weg stehen. Nach dem Rangieren essen wir Frühstück und neben uns baut Sahid einen kleinen Tisch auf. Mit den ersten Marschrutkas kommen ein paar seiner Kumpels aus der Stadt herauf und so beginnt nach wenigen Minuten ein wildes Spiel Backgammon. Manche schauen zu, andere spielen, rauchen tun sie alle. Man ist nachdenklich und begeistert, gibt Ratschläge und freut sich überschwänglich, sodaß man uns völlig zu vergessen scheint.

backgammon

Während die anderen die Gelegenheit nutzen um eine Art Kräutergarten unter uns am Berghang zu erkunden, setze ich mich zu den Männern und schaue zu. Anfangs wenig beachtet, später scheu mit kurzen Worten zum Spiel eingeladen. Leider habe ich noch weniger als keine Ahnung von diesem Spiel, und so hat es sich denn auch erledigt mit dem Spielen: Jetzt bringen mir alle gemeinsam und auf einmal Backgammon bei. Ich spiele mit einer ganzen Meute gegen einen weißhaarigen, freundlichen Opa. Eigentlich spiele ich gar nicht, denn jeder meiner Helfer zuckt bei jedem Zug zusammen und zeigt mir unter wilden strategischen Erläuterungen sogleich wie er es machen würde. So schlagen wir gemeinsam den Kumpel haushoch. Ich hätte auch gar nicht so richtig spielen könnemm weil ich die ganze Zeit meine Kamera in der Hand gehalten habe. Nach dem haushohen Sieg setze ich mich daneben und kann endlich tun, was ich sowieso machen wollte: Ungestellte Fotos dieser lustigen Runde machen.
Mein Campingstuhl von Real erfreut sich übrigens größter Beliebtheit und so sitzen nach und nach alle einmal Probe. Besonders der Bierflaschenhalter hat es Ihnen angetan – soetwas hatten Sie noch nicht gesehen!

probesitzen

Inzwischen sind die anderen zurückgekommen und wir benutzen die aufgelockerte Stimmung sogleich, um Erkundigungen über unseren weiteren Weg einzuholen. Während Sahid und Piotr die Karte mit unserem Weg in den Kaukasus studieren und unbedingt sehenswerte Orte erläutern, testet mein Backgammon-Gegner unser Fernglas.

fernglas

Wo wir schon bei Sehenswürdigkeiten sind: Was haben wir eigentlich von dieser Gegend hier schon gesehen? Hmm… eigentlich nichts… durch den Hafen sind wir gelaufen. Sogleich fallen allen wichtige Sachen ein, die man unbedingt gesehen haben müßte. Letztendlich einigen wir uns darauf, dass man uns das Dorf ihr Thermalbad mit dem wundersamen Rheumawasser zeigt. Also laden wir Sahid und seinen Kumpel in die Busse und fahren los. Sahid wie immer in cooler Sonnebrille und extra frischem Oberhemd, der andere etwas formloser.

sahid

kumpel

Wir fahren durch kleine, unbefestigte Straßen irgendwo am Hang dieses Hügels durch das Dorf. Alle Gärten sind voll bewachsen und ein wenig sieht es so aus, als würde die Natur wieder langsam die Oberhand gewinnen. Neben der Straße kuckt ein Rohr aus dem Hang, welches über dem zu einer Schlammkuhle erweiterten Straßengraben endet. Mitten in der Kuhle steht ein kleiner Stuhl, wie ich ihn aus dem Kindergarten kenne, fast bis zur Sitzfläche eingesunken und darauf eine alte Frau. Sie hat den Rock hochgenommen und massiert ihre Knie unter dem plätschernden Wasser aus dem besagten Rohr. Sahid erklärt, dass hier an mehreren Stellen dieses Berges das wertvolle Mineralwasser zutage tritt und die Menschen mit weniger Geld so statt eine Gang in Thermalbad auch ihre Schmerzen lindern. Wir sind beeindruckt und rollen weiter in Richtung Thermalbad.

Auf dem Weg biegen wir plötzlich ab und halten vor einer umzäunten Betonplatte. Sahids Freund erklärt uns, dass dies ein Denkmal für 6 Deutsche Soldaten und ihren Offizier wäre, welche im Krieg von den Russen erschossen worden waren. Er scheint große Stücke auf die Gefallenen zu halten und erklärt uns die Lücken in der Mauer: Die Gedenktafeln sind gerade zur Reparatur und kommen bald wieder!

denkmal

Während er so spricht, laufe ich rückwärts die Treppe hinunter und stolpere so, dass ich meine Kamera verliere und diese dumpf auf den Beton aufschlägt. Es ist das Ende der ersten Woche und ich habe mir das Objektiv angeknackst. Kamera funktioniert, Objektiv kann nur noch Weitwinkel und hat eine kaputte Springblende. Jetzt bin ich richtig begeistert. Frustriert geht es weiter.

Hinter einem großen Eisentor befindet sich eine kleine, parkähnliche Anlage, welche genauso verwachsen ist, wie die ganze Gegend. Das Haus hat zwei Stockwerke und blättrige, weiße Farbe sowie offen stehende Fenster. Alles in allem sieht es nicht nach Thermalbad aus. Davor im Hof läßt sich noch der Glanz vergangener Zeiten an einer wunderschönen Freiluftduschenruine erkennen.

thermalbad

freiluftdusche

Nach ein paar Gesprächen mit den Betreiberinnen in den weißen Kitteln stellt sich schnell heraus: Wir sind ganz schön viele! Dieses Bad wird tatsächlich von vielen Menschen regelmäßig besucht und so kann man uns nur anbieten, die ganze Gruppe nach und nach parallel durchzuschleusen. Damit das Warten nicht so schwer wird, trägt man uns allerlei Gestühl aus dem Haus und so sitzen wir ein paar Minuten später fröhlich kochend vor dem Thermalbad. Nur das Wasser direkt aus dem Bach neben dem Haus sollen wir nicht nehmen, das sei von einer nahegelegenen Fabrik verseucht.

essen

Nach und nach werden wir zu halbstündigen Badezeremonien hereingerufen. Die, die noch draußen warten, können es kaum erwarten. Ich werde zusammen mit Piotr gerufen und man weist und den Weg in eine Art Badezimmer. Die Luft ist warm und feucht, alles ist gelb gefliest. Hinter uns fällt die Tür ins Schloß und von draußen ruft es, dass man uns dann wieder holen würde. Zur Probe gibt es ein lautes Klopfen an der Tür, das würde dann unser Zeichen sein. Ok, also raus aus den Klamotten und ab in den nächsten Raum. Es bietet sich ein unbeschreibliches Wellness-Ensemble von bestechender Einfachheit. Der Raum ist auch gelblich gefließt, jedoch wurden die Fliesen – wie hier überall – im traditionellen Weitwurfverfahren an die Wand befördert. Ich bin wieder begeistert und erinnere mich an das Studentenwohnheim und die Universität in Moskau. Über der Tür hängt ein Kabel aus der Wand, an welchem eine 200W-Glühbirne hängt. Ja, sie hängt dort einfach so. Feuchtraum? Warum, fließt doch kein Wasser über die Kabel… Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es eine Art Fenster, welches so hoch ist, dass ich nur mithilfe der Digitalkamera herauskucken kann: Wir befinden uns offensichtlich im Kellergeschoss und draußen gibt es nur Stein und Geröll, welches sich die schmerzenden Glieder in Mineralwasserpfützen kuriert. Das Bad nimmt man in einer Badewanne, wie man sie von zu Hause kennt. jede Wanne ist hier anders und einen Stöpsel gibt es schon seit langem nicht mehr. Stattdessen liegt auf der Abflußöffnung ein Stück Linolium, welches durch die viele Benutzung schon ganz runde Ecken bekommen hat. Funktioniert perfekt! In jeder Wanne mündet ein direkt aus der Wand kommender, schwarzer Schlauch, aus welchem ununterbrochen das warme Wasser in die Wanne sprudelt. In manchen Zimmern soll es sogar Hähne zum Abstellen des Wassers gegeben haben. Nach einwöchiger Autofahrt und dreckiger, türkischer Küste ist das hier das Paradies. Beherzt springen wir in die Wannen und lassen uns das warme Wasser bis in die Ohren laufen. Mit dem Kopf auf dem Rand und geschlossenen Augen liegen wir nun da, wohlige Wärme durchströmt die Glieder und wir denken wohl alle in etwa das Gleiche: Was erlebt man nicht alles… wer hätte das gedacht… wunderbar…

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Nach viel zu kurzen 45 Minuten hämmert es von draußen gegen die Tür und wir werden aus den Träumen gerissen. Eilig tapsen wir nass und benommen aus der Bad. Jetzt essen, dann Bett, aaaaaahhhhhhhhhhhhhh.

Durch die Türkei bis nach Batumi

Um möglichst viel von der Türkei schnellstens hinter uns zu lassen, haben wir in Istanbul eine 24h-NonStop-Fahrt beschlossen. So prügeln wir die ganze Nacht mit unzähligen LKW-Fahrern auf irgendwelchen Baustellenpisten durch die Türkei. Geschlafen wird abwechselnd hinten im Bus, während der wilde Ritt über Samsun und weiter an der Küste Richtung Georgien geht.

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Geschlafen haben wir dann irgendwo weit im Osten der Türkei auf einem steinigen Strand, welcher mehr Müll als Steine besaß. Das Meer selbst war eigentlich ganz sauber und so gingen wir erst einmal Baden. In der Morgensonne tauchen allerlei Gestalten auf und gehen ihrer Arbeit am Strand nach: Verschleierte Frauen sitzen auf großen Folien, wo sie Früchte zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet haben. Man pult, man schichtet um, man unterhält sich und nebenbei wirft man ein Auge auf uns und die Kinder. Da es die Kinder vor lauter Neugier nicht mehr aushalten, stehen sie alsbald bei uns an den Bussen und bestaunen wortlos alles was wir haben. Besonders beeindruckend sind immer der kleine Kühlschrank und das ausklappbare Bett. Die Kinder sind sehr freundlich und etwas scheu. Wir versuchen uns zu unterhalten, aber es ist nichts zu machen. Erst als wir losfahren wollen, geben wir uns die Hand und haben damit so ziemlich das erste Handzeichen zur Kommunikation entdeckt 🙂 Piotr holt eine Sonnenbrille aus der Tasche und setzt sie einem Jungen auf. Er ist begeistert und strahlt über das ganze Gesicht. Wir rollen langsam los und der Junge schaut uns zugleich verwundert und fragend an – sollte er die Brille tatsächlich behalten? Wir geben ihm erneut die Hand und klopfen ihm auf die Schulter, sodaß er schließlich versteht. Als wir die Landstraße erreichen, sehen wir noch im Rückspiegel wie der Junge freudestrahlend winkt, um dann sogleich stolz wie ein sonnenbebrillter Spanier zu seiner Familie zu rennen. Die Frauen stehen auf und winken uns auch. Wir hatten kein Wort mit ihnen gewechselt.

handshake

Wir rollen weiter an der Türkischen Küste entlang Richtung Moskau, als wir direkt an der Straße einen großen Wasserfall sehen. Die Zeit nehmen wir uns noch, und so waschen sich einige von uns auf spektakuläre Weise das Salzwasser von der Haut:

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Noch halb naß geht es weiter zur Grenze. Schon sehen wir LKW-Rückstau, aber den lassen wir einfach hinter uns. An der Grenze in Sarp erwarten uns gleich ein paar nette Georgier, welche uns schon mal mit Landeswährung versorgen wollen – wie überaus zuvorkommend.

border

Wir stehen vor dem ersten Tor und reichen unsere Pässe hinein. Man kontrolliert kurz und das Tor öfnet sich. Vor uns stehen lauter herrenlose Autos und es gibt hier und da ein Häuschen, an welchem irgendwelche Formalitäten erledigt werden müssen. Ein freundlicher Mann fragt uns ob wir Hilfe brauchen und irgendwie schickt er uns 2 min später von einem Haus zum anderen. Die Reihenfolge ist wichtig, und, dass der Fahrer getrennt von den Mitfahrern behandelt wird. Als wir dann die Einreiseformalitäten hinter uns haben und zum Zoll rollen wollen, will der nette Mann plötzlich $50 pro Fahrzeug von uns haben. Wir sind entsetzt, wie normal solche Schlepper aussehen und ärgern uns maßlos, gleich in den ersten 2 min einem Musterexemplar dieser Gattung aufgesessen zu sein. Ohne Russischkenntnisse wären wir jetzt relativ schlecht dran gewesen, doch so kommen wir letztendlich mit genau $2 und bösen Blicken davon.

Der Zoll macht regelrecht Spaß. Nachdem wir erst noch einer Beamtin die geplante Reiseroute angegeben haben, rollen wir in eine Art Carport mit viel Licht. Plötzlich scheppert es neben uns gewaltig: Ein Reisebus hat die Höhe etwas überschätzt und hat ca. 5m2 Glas vom Dach des Zollhäuschens gerissen. Die Stimmung ist sofort viel lockerer. Unsere Autos sind natürlich furchtbar interessant und der Zöllner ist sehr nett. Wir unterhalten uns über alles mögliche und füllen derweil mit viel Gelächter die original Georgischen EInfuhrdokumente aus. Wir verstehen absolut gar nichts. Georgische Schrift sieht aus wie eine Verirrung zwischen Arabisch und Picasso – sehr hübsch, aber weeeit jenseits des Deutschen oder Polnischen.

Nach weniger als 2 Stunden sind wir ohne nennenswerte Probleme nach Georgien eingereist. Die Wartezeit war unter anderem durch einen abgestürzten Computer an der Passkontrolle zustande gekommen, wo 5 Beamte beim Hochfahren von Windows XP auf einen laaaangwierigen Viruscheck von Norton Antivirus warteten… Nähe zum Westen hat also nicht nur gute Seiten – der Fluch kam in Form von Windows praktisch gleich mit dazu.

Unter neugierigen Blicken der im Meer badenen Bevölkerung fahren wir Richtung Batumi. Diese Hafenstadt hat sich in letzter Zeit mächtig gemausert. Intessanterweise wurde die komplette Stadtverwaltung mit viel Geld renoviert und alle Polizisten fahren nagelneue Autos mit vel Weihnachtsbaumbeleuchtung. Es gibt auch auffallend viel Polizei, welche mit größer Sorgfalt durch die Stadt patroulliert. Abends leuchtet der Hafen überall, Diskotheken und Café laden ein und hier und da stehen merkwürdig amerikanisch aussehende Lichtskulpturen herum. Neonfarben so schrill wie ein CocaCola-Weihnachtstruck sind an der Tagesordnung.

Wir halten in einer Seitenstraße und gehen in eine sehr ruhig aussehende Kneipe. Innen ist alles recht spartanisch doch die bildschöne Kellnerin ist sehr nett. Wir wollen jetzt mal was echt Georgisches essen. Am besten total authentisch. Solche Forderungen sind übrigen Anjas Spezialität: Mitten in den Touristenrummel springen und was total authentisches suchen. Nun denn, wir haben Glück, die Mama von der Kellnerin nimmt Anja mit in die Küche und zeigt ihr den Inhalt ihrer Töpfe. Mit Fingerzeig wird alles mögliche ausgesucht. Bald sitzen wir auf Plastestühlen an einem großen Tisch und ich schaue gebannt auf den kleinen Fernseher oben unter der Ecke. Es läuft kunterbuntes, russisches Musikfernsehen und ich fühle mich gleich wie zu Hause. Überhaupt ist es in Georgien sofort angenehm, denn man versteht etwas und man wird verstanden. Einfach wunderbar.

fish

Nach einer Weile kommen Fisch und allerlei Kleinkram, und, was wir sehnlichst erwartet haben: Limonade aus Kazbek. Davon hatten wir schon im Internet gelesen und wir wollten sie unbedingt testen. Bald stellt sich heraus, dass der Geschmack durchaus brauchbar ist. Allerdings merken wir auch sofort, dass man bei den Sorten seeehr vorsichtig sein muß. Ich erwische eine unscheinbar aussehende Flasche, welche aber auf dem Etikett noch einen kleinen Schriftzug aufweist: Cream steht doch geschrieben, und es markiert die Hölle der Limonadenwelt. Dicker Pelz legt sich mir auf den Gaumen und der durchdringende Geschmack von Süßstoff läßt im Gehirn sofort die Auswertung sämtlicher Nerveninformationen unterhalb der Kopfhaut einstellen. Nach kurzer Wiederbelebung biete ich meine Flasche meinem Freund Piotr an, welcher sie alsbald freundlichst lächelnd an seinen lieben Kumpel Dominik verschenkt. Merke: Kazbegi-Limonade schmeckt gut, aber man darf auf keinen Fall die Variante cream erwischen. Diese Lektion hat uns im späteren Verlauf der Reise noch einige Male vor Unheil bewahrt.

Da es mittlerweile schon Dunkel ist, suchen wir dringend einen Schlafplatz. Zu diesem Zwecke fahren wir ersteinmal aus der Stadt hinaus und biegen dann einfach irgendwo auf eine kleine Straße ab. Man sieht nur noch das, was unsere Scheinwerfer erleuchten und schon rollen wir im ersten Gang spiralförmig einen Hügel hoch. Links und rechts ist eigentlich nur Wald und ab und zu sieht man unten im Tal den Hafen von Batumi leuchten. Oben angekommen finden wir einen kleinen, asphaltierten Platz nebst verlassenem Restaurant vor. Wir treffen keine Menschenseele und sehen auch kein Licht, also beschließen wir zu bleiben. Die Busse werden etwas am Rande des Platzes aufgestellt und so gehen wir schlafen. Endlich ist die Anfahrt vorüber, wir sind in Georgien – der Kaukasus kann kommen!

Es lebe die Sackkarre

Dieser Beitrag wurde von mir versehentlich gelöscht. Jetzt ist er aus 2 Browsercaches wieder auferstanden. Danke an Pylon und nÄgÄ! Als Zugabe noch ein weiteres Foto.

istanbul

Nach einer ruhigen Nacht auf dem Parkplatz soll es heute in die Stadt gehen, einmal volles Touristenprogramm. Wir laufen ersteinmal in Richtung Wasser, vorbei an Tee trinkenden Menschen in noch halb geschlossenen Läden. Jetzt ist es noch nicht so warm und alles ist gut. Bald erreichen wir eine der Autobahnbrücken aus der letzten Nacht und verstehen sofort, warum wir hier nichts gefunden haben: Es ist einfach ein unglaubliches Wirrwarr. Die Straßen kreuzen sich in wilden Bögen, Brücken und Tunnel erschweren abwechselnd die Übersicht. Bei Tag gibt es zudem noch viel mehr Autos und, ja genau, Sackkarren.

wirrwarr

Hier gibt es Sackkarren in allen Formen. Antike Stücke sind in der Mehrzahl, doch alle teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie werden hoffnungslos überladen. Zu der Familie der Sackkarrae gehören auch die Handkarren, welche zumeist mit 3 oder 4 Rädern unterschiedlicher Bauart versehen sind. Handkarren sind friedliebende Tiere, welche auch sehr rauhes Klima dauerhaft überstehen. Sie brauchen zwar Öl und Farbe, aber sie leben auch ohne. Kurz vor dem Aussterben wird die Spezies der Karren oft durch einen Vertreter der Homo Sapiens mittels Schweißgerät verunstaltet, was ihnen weitere Zeit mit unsäglicher Verkrüppelung auf dieser Erde beschert. So werden sie, mannshoch mit Säcken, Kisten und mannigfaltigen Auslagen bestückt, in Schrittgeschwindigkeit durch die Straßen geschoben, um ihren Besitzern ein paar Lira zu verdienen. Je geschickter der Besitzer, desto abenteuerlicher sein Fahrstil. Während in Westeuropa die Menschen durch Autos sterben, hat hier eindeutig die Sackkarre das Sagen in den Statistiken.

sackkarre

Wir wechseln schnell an der erstbesten Bank etwas Geld, denn wir wollen in die Altstadt. Mittlerweile steht die Sonne höher und es wird unangenehm heiß. Wir kaufen ein paar Chips für den Straßenbahn und fahren 4 Stationen Richtung Topkapi. Jener Palast ist mir noch aus gleichnamigem Film bekannt und ich will ihn unbedingt sehen. Vor dem Tor stehen schon 7 Busladungen Touristen und so sehe ich nichts vom Palast. Die Sonne steigt immer höher und die Straßen füllen sich mit tausenden von Händlern. Überall gibt es Krams zu kaufen – von der Mütze bis zur Postkarte, von Dolchen bis zu Wasserflaschen. Wasserflaschen avancieren übrigens zu Goldflaschen. Die Sonne brennt unaufhörlich und die Wasserpreise steigen ins Unermessliche. Touristen werden gemolken wie Geldkühe und das Leben der Händler macht auf einmal richtig Spaß. Wasserflaschen gibt es jetzt an jeder Ecke und klimatisierte Reisebusse kippen unaufhörlich ihre schrille Fracht in die Altstadt.

something

Ich schleppe meine Kamera schweißtriefend durch die Altstadt, doch fotografieren tue ich kaum. Alles bunt, alles schrill, alles Tourismus – ich will hier weg. Auf einer Baustelle entdecke ich Dachziegel und auch einen schönen Holzstapel – das werden ein paar der wenigen Fotos aus der Altstadt.

dachziegel

holzstapel

Als wir genug von Moscheen haben, beschließen wir den Basar aufzusuchen. Anja juckt die Kauflust schon in den Fingern und so nehmen wir die Straßenbahn, um keine Zeit zu verschwenden. Dort angekommen genehmigen wir uns erst einmal einen echten Kebab und sind überrascht – schmeckt gut, sogar mit Hammel. Also richtig gut. Aus Berlin ist man ja einiges gewöhnt, doch das war noch einen Zacken besser. Vielleicht einfach etwas anders, etwas ursprünglicher, wenn man so will. Oder auch einfach ungewohnt.

Der Bazar ist ein riesenhaftes, überdachtes Gelände. Das muß man sich natürlich nicht wie einen Flughafenhangar vorstellen, sondern eher wie ein Gewölbelabyrint. Alles besteht aus Bögen, größtenteils mit kleinen blauen Steinchen verziert – sehr hübsch! Links und rechts und oben und unten gibt es Ware. Alles was ein Touristenherz höherschlagen läßt, wird hier angeboten. Schmuck, Geschirr, Kleidung, Lampen, Kleinkram, alles.

bazar

Das Beste für die meisten: Alles verhandelbar. Die meisten Preise auf direkte Nachfrage sind der blanke Hohn. Die Devise ist: Nicht fragen! Einfach alles ankucken und besonders interessante Dinge besonders genau betrachten. Wenn der Verkäufer nicht allzu schläfrig ist, kommt die Frage ob man denn helfen könne. So nach und nach kann man dann erfahren was der Kram wert ist. Wenn die erste Antwort 60 Türkische Lira lautet, kann man getrost davon ausgehen, dass man es für unter 15 Lira bekommen kann. Die meisten Verkäufer sind von der touristischen Einsackmentalität sichtlich genervt und bedienen entsprechend. Leute die einfach nachfragen und mitnehmen werden entsprechend belohnt. Verstrickt man sich dann irgendwann in Preisverhandlungen, sagt man am besten nie selber eine Zahl, sondern einfach nur, dass es viel zu viel sei. Der Verkäufer geht dann schon ersteinmal in verhandlungswürdige Preisregionen herunter. Sehr hilfreich ist eine Frau als Verhandlungsorgan, denn das macht dem Verkäufer gleich viel mehr Spaß. Während ich den Verkäufer schon in Tränen ausbrechen sehe, schüttelt Anja noch mit unglaublicher Überzeugungskraft den Kopf und wendet sich gekonnt ab. Später rennen uns Verkäufer sogar noch hinterher, um einen besseren Preis anzubieten. Wenn man zu schnell aufgibt, sind die Verkäufer enttäuscht und wollen mehr verhandeln, was auf deutliche Reserven hinweist. Bei all dem Spaß, hatte ich nur ein Problem: Was zum Geier sollte ich kaufen? Eine nachgemachte Mütze? Ein Bauchtanzkostüm?

bauchtanz

Ich will stilecht ein Auge des Orients mitnehmen – vielleicht als Kette für Yana? Die Suche wird zur Tortur. Anja wird als Schmuckexpertin enagiert und wir durchforsten sicher 20 Stände. Ich habe die ganzen Plastekettchen wirlich satt und suche nach echtem Silber, doch das gestaltet sich schwierig. Es ist beeindruckend, was alles echtes Silber sein soll… Letztendlich bleiben wir bei einem Herren hängen, der selber keine derartige Kette hat, aber bereit ist, eine von seinem Kumpel irgendwoher zu holen. Er kommt tatsächlich mit einem kleinen blauen Anhänger zurück, gefaßt in Silber. Dazu suchen wir noch eine Kette und fertig. Alles ist schon etwas dunkel angelaufen, was der Verkäufer mit einem Tuch behebt. Wenigstens ist das Silber echt. Der Mann hat sichtlich Spaß an uns, weil wir ganz genau wissen was wir wollen und mind. 5 Kombinationen aus Anhänger und Kette probieren müssen. Die Preisverhandlungen überlasse ich dann Anja. Sie drückt den Mann bis zur Tränengrenze und letztendlich verkauft er mir alles zu einem annehmbaren Preis. Weil wir so nett waren, bekommen wir noch ein kleines Samtsäckchen um die Kette zu verstauen. Nein, natürlich nicht weil wir so nett waren… Mir ist es egal, ich bin stolz und freue mich darauf, Yana wiederzusehen. Für unseren Film will ich noch etwas Musik kaufen, und so fragen wir einen jungen Verkäufer nach klassischer Musik aus der Türkei. Er hat ziemlich Ahnung und erklärt uns genau was woher und warum. Wir hören einige CDs und entscheiden uns schließlich für 3 aus unterschiedlichen Sparten. Der Preis ist dann gar nicht so prickelnd, und nach kurzer Zeit bietet er uns die gleichen CDs als Kopie an – viel billiger. Wir kaufen dann letztendlich halb und halb und ziehen zufrieden vondannen.

Nachdem der Basar abgearbeitet ist, wollen wir noch zum Bospurus und latschen einfach quer durch alle Gassen. Plötzlich ist aller Touristentrubel verschwunden und die Stadt macht richtig Spaß. Kleine Gassen mit alten Häusern, Holzbalkone und geschäftiges Treiben überall. Es gibt wunderschöne Obststände, Bäckereien und vieles mehr. Da ich den Menschen nicht so auf den Pelz rücken will, ärgere ich mich ein wenig über meine Mißgunst gegenüber Zoomobjektiven, und beschließe insgeheim, diese später abzulegen.

alt

obst

pferdefuhrwerk

Am Meer ist es denn etwas enttäuschend – das ganze Ufer besteht aus künstlich aufgeschütteten Felsbrocken und ist ziemlich verdreckt. Kinder springen von Stein zu Stein und Eltern warten auf Bänken an der Uferpromenade. Zwischendrin liegt ein Luftgewehr auf der Kaimauer. Auf den Steinen dahinter stehen allerlei bunte Flaschen und wer will, kann hier für ein paar Lira Flaschen erschießen. Einfach so. Spielende Kinder, Flasche, Pöff. Das geht nur in Istanbul.

Der Rückweg zum Parkplatz entpuppt sich als grausam. Ich habe mittlerweile Blasen an den Füßen und der Weg wird immer länger. Wir haben komplett die Orientierung verloren und die Straßen werden immer verrückter. Auf Nachfrage zeigt man uns diverse Richtungen, aber eigentlich wissen wir ja auch gar nicht so richtig wo wir hinwollen – Parkplatz eben.

Auf dem Rückweg mache ich noch eines der für mich einprägsamsten Bilder der ganzen Reise: Ein Kleinkind wird zum Betteln mitten in die Fußgängerzone gesetzt…

betteln

Irgendwann, nachdem wir auch noch diverse Straßenbahnchips verbrannt haben, entdecke ich eine große Werbetafel an einem Haus, welche ich meine, schon einmal gesehen zu haben. Stunden später treffen wir dann tatsächlich auf unserem Parkplatz ein. Nach kurzem Plausch bezahlen wir den Parkplatzwächter und rollen Richtung Bosporus. Wir fahren mal eben fix nach Asien rüber, ne? Die Brücke ist schon irgendwie spektakulär, aber aus einem Auto kann man das nicht fotografisch einfangen. Vielleicht bei Nacht von einem erhöhten Punkt am Ufer aus?

bosporus

Istanbul zieht sich dann noch eine Weile hin, und so fahren wir über die Autobahn Richtung Ankara. Das Phänomen der Autobahnanhalter können wir auch dieses Mal wieder beobachten. Wahrscheinlich ist die nächste Abfahrt einfach zu weit weg oder zu mühselig zu erreichen, weshalb man sich einfach direkt an der Autobahn trifft. Motorradfahrer machen übrigens das Gleiche: Sie kommen einfach auf regelrechten Trampelpfaden an verschiedenen Stellen direkt den Hang hinunter auf die Autobahn gefahren. Sehr praktisch. An einer Mautstelle fahren wir dann völlig vertrottelt in die Schlange zur bargeldlosen Bezahlung und stecken fest. Hinter uns staut sich der Verkehr, und ich stelle mir vor, wie ein osmanischen Kriegsdolch die Heckscheibe durchschlägt, um den Fahrer auf’s Lenkrad zu nageln. Der Traum wird unterbrochen, also just in diesem Moment einer dieser durchgeknallten Motorradfahrer für uns seine Karte auf den Schrankenautomaten hält. Er lacht dabei und stellt sein Motorrad hinter der Schranke an die Seite, um auch unserem zweiten Bus die Schranke zu öffnen. Wir sind völlig verwundert und rollen 2 Sekunden später schon wieder über die Autobahn. Als uns der Fahrer überholt, reiche ich ihm bei 100 Sachen zwei grüne Dollarscheine rüber und wir verabschieden uns freundlich winkend. Was für ein Tag.

ankara

Ballermann auf Rumänisch

Wir stehen am Strand des Schwarzen Meeres, kurz unter Constanta. Nach einer unruhigen Nacht im Schallgemisch mindestens dreier Bars, sind wir heute wie gerädert. Piotr und Dominik waren bis um 5 Uhr in einer der Bars und sind jetzt totale Wracks. Der Strand ist dicht an dicht mit Zelten bebaut, und um die Situation etwas aufzulockern, hat der Künstler mit gekonnter Leichtigkeit wahllos verkrampfte Schnapsleichen ins Bild gestreut. Nicht weit von hier, steckt ein dickes, rostiges Wrack im in der Morgensonne glitzernden Meer. Nähert man sich einer der Bars auf dem Strandweg, beginnt es alsbald komisch zu riechen und man erkennt schnell viele Haufen menschlicher Scheiße, garniert mit locker umherfliegendem Verpackungsmüll. Ein Rudel streunender Hunde hat ganz offensichtlich seinen Spaß. In der Morgensonne entdecke ich auf einem verblichenen Holzstapel eine wunderschöne, buntgefleckte Katze. Sie leckt sich gerade die Pfötchen und paßt so gar nicht hier her. Zurück am Bus bin ich froh, meine Sandalen an zu haben, denn eigentlich müßte man hier nach jeder Nacht mit einer Harke den Boden von benutzten Kondomen befreien…

vama veche

Um sieben wurde Dominik zwangsgeweckt. Piotr liegt im Schatten vor dem Bus im Halbkoma und behauptet auf Nachfrage ihm ginge es wunderbar. Er besteht – wie immer – darauf, selbst zu fahren. Da wir heute durch ganz Bulgarien bis nach Istanbul wollen, hoffe ich, dass er seine Meinung noch ändert.

black sea

Trotz allem, haben wir im Schwarzen Meer gebadet und uns notdürftig gewaschen. Um der Sache einen Sinn zu verleihen, baue ich mit Pawel eine Dusche hinter seinem Bus. Mit 5 Leuten verduschen wir 20l Süßwasser. Wenn wir bald in die Spur kommen, könnte ich das gute, saubere Gefühl bis ins Auto retten, bevor der Ort selber wieder durchbricht.

map

Bulgarien erreichen wir schon nach kurzer Zeit. Die Grenze ist absolut unspektakulär. Schön, wenn wieder kyrillische Buchstaben zu sehen sind und man wieder etwas versteht. Gleich viel besser. Um die Laune zu heben, sehen wir auch unseren ersten bulgarischen T3:

bulgarian t3

Als nächstes suchen wir uns eine Tankstelle, wo man ohne Seuchengefahr weitere Geschäftchen erledigen kann. Als Vorgeschmack auf den Ostblock fährt ein wunderbar orangener GAZ-LKW der Stadtwerke Varna vor und holt Diesel. Nebenan holt jemand Sprit für seinen Rasenmäher. Da er keine Kanister hat, werden einfach große Wasserflaschen befüllt. Man merkt, so langsam entfernt man sich von den Zwängen unserer geregelten Gesellschaft. Wir finden es großartig und lassen gut gelaunt 6 Deutsche Anhalter einfach an der Straße stehen.

gaz

sprit in wasserflasche

Unterwegs halten wir auch noch an einem Strand an und kochen gemütlich Nudeln, um dann vollgefressen im Meer zu baden. Wenig später sehen wir in einer kleinen Stadt einen Autoteilehändler und wollen mal nach einem Thermoschalter für den Kühler fragen. Die Auslagen sind voll mit VW-Teilen, sodaß wir guter Dinge sind. Die Verkäufer scheinen nicht so guter Dinge zu sein und ignorieren uns einfach. Egal wie wir es anstellen, Sie wollen uns einfach nichts verkaufen. Verwundert verlassen wir den Laden. Neben dem Parkplatz klebt ein Werbeplakat vergangener Wahlen: ATAKA! Vielleicht im nächsten Laden?

ataka

Im Süden wird das Land immer hügeliger und man fährt bald nur noch durch bewaldetes, schwer zugängliches Gebiet. Plötzlich sehen wir an der Straße eine Wasserstelle und wollen mal fix all unsere Kanister mit Süßwaser befüllen. Die Aktion zieht sich furchtbar in die Länge, denn das Wasser läuft nur sehr spärlich. So verbringen wir fast eine Stunde mit Warten neben der Quelle…

wasserholen

Wir kommen dann auch recht fix in Richtung Türkei, doch kurz vor der Grenze halten wir noch einmal an einer Tankstelle an, um billigen Sprit zu bekommen. Die Frau an der Tankstelle ist offanbar alleine und reagiert sehr böse, als einer von uns ihren kleinen Laden betritt während sie draußen unsere Busse volltankt. Offenbar wird hier einfach nur geklaut was das Zeug hält. Verwundert kucken wir ihr beim Tanken zu und erklären ihr mit Händen und Füßen, dass die letzten 10l bei diesem Auto immer etwas länger dauern. Nun gut, solange wir alle um sie herumstehen ist sie zufrieden und hat alle Zeit der Welt. An der Straße in Richtung Grenze hält gerade ein Landrover der Grenzpolizei und zwei Polizisten bereiten sich mit Warnweste und Kelle auf ein paar Polizeikontrollen vor. Von der Tankstelle aus beobachten wir sie heimlich mit einem Fernglas und sind total aufgeregt: Unsere erste Polizeikontrolle! Die sind bestimmt voll die Abzocker!! Wir haben etwas Schiß, aber wir können es nicht lassen: Die Videokamera wird auf dem Dach in einem alten Schuh angebracht und mittels T-Shirt getarnt.

camera im schuh

camera im schuh 2

Wenn wir schon abgezockt werden, dann bitte auf Video. Gesagt getan. Tanken ist inzwischen erledigt und wir rollen mit vorschriftsmäßigem Blinken und extra langsam auf die Straße. Übervorsichtig rollen wir Richtung Kontrolle und… nichts. Gar nichts. Nicht einmal angekuckt haben Sie uns! Wir sind einigermaßen enttäuscht und bauen die Kamera an der nächsten Kreuzung wieder ab.

Die türkische Grenze ist recht unspektakulär, zumal ich einen Deutschen Paß habe. Unsere Polen mußten für $15 ein Visum kaufen, aber das war bis auf ein paar Sprachprobleme nicht weiter schwer. Natürlich steht mitten auf dem Grenzstreifen eine beleuchtete Atatürk-Statue. Willkommen in der modernen Türkei.

grenze turkey

Irgendwie schlagen wir uns auch noch bis nach Istanbul durch und kommen dort mitten in der Nacht an. Wir haben von einem großen Parkplatz vor irgendeiner großen, berühmten Moschee gehört und wollen dort hin. Leider war noch niemand von uns je in Istanbul! An einer Mautstelle halten wir an und wollen LKW-Fahrer befragen. Die sind alle nicht so auskunftsfreudig aber komischerweisen sitzen an der ganzen Autobahn irgendwelche Menschen an der Böschung und machen Picknick. Oder so. Na jedenfalls sitzen hier überall Leute rum und man ist sehr hilfsbereit. Sogleich ereilt und das größte Problem unserer gesamten Türkeierlebnisse: Ohne Türkisch bist du erschossen. Es ist wirklich zum Piepen. Mit Händen und Füßen und einer künstlerisch gestalteten Karte der Innenstadt aus unserem Reiserführer erklären wir unser Ziel. Letztendlich hat es keinen Sinn. Ich nehme mir das Buch zur Hand – es ist auf Polnisch – und suche nach dem Beschreibungstext für die Moschee. Irgendwann ist der gefunden und es steht tatsächlich eine Straße dabei. Nicht, dass man die jetzt einfach in das TomTom eingeben könnte, aber mittels der Karte aus dem Buch und einem Vergleich mit der Karte im TomTom konnte ich ungefähr die Stelle ausmachen. Hier setzt man dann einfach einen Favoriten und navigiert sodann zu selbigem. Diese Methode hat sich sehr bewährt. Straßennamen sind unbekannt, aber Straßen sind bekannt und folglich navigierbar!

Wir fahren durch ein Gewirr von Autobahnauf- und abfahrten und Landen schließlich vor einer dicken, fetten Sackgasse mit Wendeschleife. Das TomTom zeigt 500m bis zum Ziel, nur darf man hier nicht mehr fahren: Fußgängerzone. Wir sind schwer begeistert. Ein paar Taxifahrer sind sehr hilfsbereit und verstehen was wir suchen: Einen Platz zur Übernachtung im Auto. Der erste ist ein Scherzkeks und zeigt uns viele freie Parkplätze in einer Seitenstraße. Das ist alles ganz wunderbar, doch leider geht die Straße bergab wie die Laderampe bei Lidl. Der nächste Taxifahrer will uns zu einem Otopark gleich neben der großen Polizeidienststelle führen. Wir fahren nach seinen Angaben quer durch Istanbul und sehen kein Stück Polizei. Langsam geht uns Istanbul mächtig auf die Ketten, als wir zufällig an einem bewachten Parkplatz vorbeikommen, wo tatsächlich noch jemand im Wärterhäuschen sitzt. Das Preisschild läßt 8 Türkische Lira für 24 Stunden erahnen und der Wächter ist sehr nett. 2 Minuten später läuft auch schon unser Duschwasser quer über den Parkplatz und der Mond schimmert in der Riesenpfütze. Endlich im Bett. Morgen wollen wir uns Istanbul ansehen. Den Parkplatz habe ich für’s nächste Mal gleich als Favoriten gespeichert…

Durch Rumänien bis zum Saufstrand

Heute sind wir mal wieder um 7 Uhr aufgestanden und essen gerade Schmalzbrot mit rohen Zwiebelringen. Dies dient der Anpassung an Land und Leute. Jetzt soll es endlich in die Berge gehen… Ich hoffe auf ein paar vernünftige Bilder… aufgehende Sonne, viel Morgennebel… usw. Fotografenträume.

nebel

Als wir oben ankommen gibt es keinen Nebel mehr, aber Sonne. Ich mache ein paar Fotos, aber irgendwie stört mich der fette Strommast mitten im Tal. Wir fahren weiter zu einem kleinen See, wo Pawel spontan sein Tauchzeug aus dem Bus holt und für eine Viertelstunde abtaucht. Der See sei ziemlich kahl und leer, sagt er.

tauchen

nix

Rumänien hat hier wirklich ein paar sehr schöne Berge, aber leider stört der Mensch. Eigentlich sind es Müllberge, verziert mit brennenden Müllhaufen am Straßenrand und grotesken, geschmacklosen Betonbauten. Da kann mir keiner erzählen, das sei der Kommunismus gewesen – das war einfach der Mensch ohne Sinn und Verstand. Ich habe irgendwie keinen Spaß mehr an Rumänien und will nur noch Richtung Kaukasus. Es ist bereits nach Mittag, als wir endlich den verdreckten Touristenbergen (Ich bin mir sicher, dass Rumänien auch das Gegenteil zu bieten hat!) entkommen und Richtung Bukarest rollen.

Auf der Fahrt überlege ich, ob ich dem Land mit dieser negativen Sicht Unrecht tue… Wenn ich mich so umschaue, sind nicht nur die Berge verdreckt. Überall liegen Müll, Schrott und Autowracks herum. Gefahren wird generell voll am Limit und gefährlicher als gefährlich, sodass man sich fragt, ob die Hitze hier irgendwelche gehirnschädigenden Einflüße auf Autofahrer hat. Eben springt vor uns ein kleines Kind in den Straßengraben, als drei Autos nebeneinander mit 90km/h durch ein Dorf brettern. Eine Ecke weiter biegt eine Gruppe Gänse in einen Seitenweg ein – eigentlich ein wahres Wunder, dass man sie nicht im Fotoalbum umhertragen muss…
Wahrscheinlich sind die Menschen hier aber eigentlich alle ganz toll, aber äußere und innere Einflüße außerhalb ihrer Kontrolle sind für das alles verantwortlich… – dann mache ich hier natürlich wirklich alles schlechter als es ist. Der Beweis dürfte allerdings noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Immerhin, auf Landstraßen habe ich mehrfach gesehen, dass Fahrradfahrer freiwillig in gelben Warnwesten ihre Schlangenlinien auf den weißen Straßenbegrenzungslinien vollführen.

Auf dem Weg nach Constanta, unweit der Hauptstadt Bukarest kommen wir direkt an einem Gefängnis oder Arbeitslager vorbei. Es besteht aus voll vergitterten Flachbauten in erbärmlichem Zustand und einem Hof voll mit Wracks von Gefangenentransportern. Das Ganze ist von einem meterhohen, rostbraunen Stacheldrahtzaun mit Wachtürmen in 50m Abstand umrahmt. Auf den Türmen, und zwar auf wirklich allen, sitzen tatsächlich Wachposten. Manche sonnen sich mit hochgelegten Beinen, andere lesen oder sitzen stoisch in die Gegend schauend ihre Zeit ab. Bewachen tun sie in dieser brachialen Hitze eine erbärmliche Rostruine, in welcher hoffentlich keine Lebenwesen ihr Dasein fristen – es muß die Hölle sein.

An der Straße steht ein Betonlaster und kippt die Reste seiner Fracht munter in das staubgraue Gras des Seitenstreifens. Überall springen streunende Hunde bellend auf die Straße, um dann erst kurz vor dem Zusammenprall mit einem herannahenden Auto wieder von dieser zu weichen. Der eine war wohl schon etwas älter und der alte Dacia eben etwas schnell… jedenfalls flog er plötzlich zur Seite und rennt jetzt jaulend auf drei Beinen an der Straße entlang.

Plötzlich muß ich über die Warnschilder für Spurrillen zu Hause lachen. Hier gibt es solcher Schilder nicht, aber wir stehen ungelogen in 20cm tiefen Spurrillen. Wir sind sozusagen tief beeindruckt. Leise rastet die Zentralverriegelung ein, als zwei zwielichtige Gestalten an einer Kreuzung mit allerlei zusammengewürfelten Verkaufsgegenständen auf unser Auto zulaufen…

spurrillen

Während auf der rechten Seite das Gelände der Firma Dumaley Stalingrad auftaucht, erstreckt sich links eine riesenhafte Mülldeponie. Der Dreck wabert in Fetzen durch die Luft, es stinkt unbescheiblich, und an der Straße stehen tatsächlich Anhalter in Hemd und Krawatte. Über CB-Funk röhrt ein langgestrecktes Wuaaaaahhhrghl durch den Bus – was für ein Moloch. Endlich erreichen wir die Autobahn A2 nach Constanta und das TomTom zeigt wie immer unnamed road.

Die Autobahn führt erst durch üble Industrieruinen, doch je weiter wir von Bukarest wegkommen, desto angenehmer wird es. Rechts tauchen ein paar über und über mit Seerosen bewachsene Tümpel auf und in einem Flußbett sitzt ein alter Mann bei deinen Schafen. Ein schwarzes Pferd steht auch dabei – fast wie im Film. Die Sonne steht schon tief und alles leuchtet in gelblichem hellbraun. Wir rollen mit gemütlichen 85km/h dem nächsten Moloch entgegen. Ich sehe zu, wie die Schatten der Strommasten doppelt so lang werden wie die Masten hoch sind… endlich wieder Strecke, endlich kommen wir weiter.

Das Land ist wie gebügelt, die Straße auch. Felder, Felder, Felder – so weit das Auge reicht. Die Sonne ist nich nicht ganz weg, aber der Mond ist schon da. Wiesiek macht etwas zu essen, während wie weiter in Richtung Schwarzes Meer rollen. Kurz vor der Donau hat die Autobahn plötzlich Leitplanken, Blendschutz und sogar einen (noch geschlossenen) Rastplatz – man merkt sofort, dass man auf einem EU-Projekt fährt… Im Dunkel rollen wir an der Küste entlang und suchen nach einem Stellplatz für die Nacht. Irgendjemand schickt uns in eine Seitenstraße, dort könne man auf dem Strand stehen. Den Namen des Ortes werde ich nie vergessen: Vama Veche.

Auf nach Transsilvanien

Um halb 6 steht der Erste auf und auch ich kriege keinen Schlaf mehr. Die aufgehende Sonne und der Dunst über dem See versprechen ein paar gute Bilder für die Videokamera, doch ich komme mit der wackeligen Zoomtaste absolut nicht klar. Nach 5 Minuten ist auch noch der Akku alle und so werfe ich den ganzen Rassel entnervt zurück in den Bus, um mich in Zukunft auf Standbilder zu beschränken.

see

Das GPS ist wieder scharfgeschalten und wir wollen gegen 8 langsam Richtung Rumänien. Heute sollten wir möglichst viel von Transsilvanien hinter uns lassen. Erstes Ziel: Alba Iulia.

Wir sind immer noch nicht weg. Pawel und Eugenius entpacken eine große Reisetasche, welche Pawel von einer Bekannten in Warschau für deren Ehemann in Georgien mitgenommen hat. Wir sind uns nicht ganz sicher ob darin eventuell Drogen oder Waffen versteckt sind, da der Mann unter mysteriösen Umständen Warschau verlassen mußte. Die Frau soll aber ganz in Ordnung sein. Er wohl auch – werden wir bald sehen. Die Tasche war übrigens sauber.

syncro sonne

An der ungarisch-rumänischen Grenze kaufen wir für 5 EUR eine Monatsvignette und fahren weiter. Bald passieren wir kilometerlange Industriebrachen, welche komplett mit ihren unzähligen Rohren, Fenstern und Wänden in rostrotes Braun getaucht sind. Kinder klettern auf alten Fernwärmeleitungen über einen nahegelegenen Fluß und springen ins Wasser. Schon nach wenigen Kilometern ist nur noch die Hauptstraße asphaltiert, während sich auf staubigen Seitenstraße unzählige Dorfköter tummeln. Neben der Straße sitzt ein Mann vor seinem Gartentor und zählt Geld. Es sieht so aus, als würde er hier den Wegenzoll für Fußgänger auf dem nicht vorhandenen Bürgersteig kassieren. Anderswo verkauft man Weintrauben und Blumen an der Straße…

Architektonisch steckt in vielen Kleinstädten großes Potential, was im Vergleich zu Ungarn jedoch noch nicht richtig genutzt wird. Es gibt Unmengen wunderschöner, alter Häuser mit Verzierungen, aber für solche Spielereien fehlt hier natürlich das Geld. In fensterlosen Hausruinen hängen Wäscheleinen und eine Katze leckt sich auf dem Rest eines Fenstersims‘ majestätisch die Pfötchen.

Vorbei geht es an einer verlassenen Tankstelle, in welcher jetzt Pferde im Schatten grasen und wir erreichen endlich die offene Landstraße. Die Landschaft würd man wohl gemeinhin als Pampa bezeichnen – mittendrin ein Abfüllwerk von CocaCola. Auf den Dörfern wirken viele Häuser eher verfallen, jedoch gab es auch einen Typ Steinhaus, welcher richtig hrausgeputzt war. Alle im gleichen Stil, alle mit kontrastreich umrahmten Fenstern und buntem Zaun davor. Heute ist Sonntag und wir treffen viele Menschen in traditioneller Kleidung auf der Straße – das Ganze erscheint in dieser Gegend so unwirklich…

stop

Die Straße führt an einem großen Stausee vorbei, an dessen Ufer man Familien beim Picknick sieht. Die anderen Autofahrer sind unterwegs wie die Henker. Auf der Straße drängeln sich behaarte Fahrradfahrer in zu engen, roten Turnhosen, Pferdefuhrwerke, Dacias Baujahr 1977, Rumänen in Westautos mit kaputtem Bremspedal, wir und diverse andere Verrückte. Man weicht nicht selten dem plötzlich zweispurig entgegenkommendem Verkehr auf den Sandstreifen neben der Straße aus. Im Radio plärrt: „Do you feel the same… blabla… eteerniityyyy…“. Rumänien ist total geil.

beton

Unterwegs halten wir in einem der zahlreichen Hauptstraße+Staubstraße-Dörfern an, um Wasser zu tanken. Wir treffen eine Frau, welche uns durch den Gartenzaun beobachtet während sie mit einer Rolle ihren Eimer in den Brunnen hinabläßt um Wasser zu holen. Sie fängt an mit uns zu reden, doch wir verstehen nichts. Sie findet das alles ganz wunderbar und läßt uns in ihren Garten, holt uns eimerweise Wasser aus dem Brunnen und redet und redet über Gott und die Welt, und wir verstehen nichts. Das Ganze geschieht so freundlich und selbstverständlich, dass wir uns wundern was denn hier wohl geraucht wird. Aber nein, die Frau ist echt. Nach dem 11. Eimer Wasser sind wirklich alle Kanister voll und wir wollen weiter. Ich glaube sie wünscht uns viel Glück… und Gottes Segen war auch dabei. Wir schenken ihr eine Tafel Schokolade und ziehen verdattert von dannen.

Später fahren wir durch Cluj na poca. Es gibt einen Trolleybus wie in vielen Städten des ehemaligen Warschauer Paktes, und, abgesehen von Werbeplakatewald am Stadteingang und dem Protzbau des Studentischen Kulturklubs, viel alte Architektur, die an die Gassen des alten Stadtkerns von Moskau erinnert. Wir fahren langsam ziemlich rumänisch, als wir auf einem großen Platz vor der Banca Transilvania urplötzlich im rechten Winkel und quer über 3 Spuren rechts abbiegen. Ich glaube es hat nicht einmal jemand gehupt. Als wir endlich aus der Stadt finden, wünscht uns eine Lichterkette über der Straße ein fröhliches Jahr 2002.

Über Turda geht es weiter Richtung Alba Iulia. Die Landschaft wird hügeliger und schon müssen wir öfter mit Heizung fahren, weil Piotrs Turbomotor trotz Ladeluftkühler viel zu warm wird. Wie soll das erst im Kaukasus werden? Der extra angebrachte Steinschlagschutz in Forum dicker Blechgitter vor dem Kühler fliegt wohl spätestens hinter Istanbul wieder raus…

Hinter Turda kommen wir durch ein Dorf mit niedlichen, kleinen Häuschen. Davor stehen Pferdefuhrwerke und fast rechtwinklige Mütterchen verkaufen Zwiebelzöpfe und Birnen. 100m nach dem Ortsausgang schlägt uns die Zivilisation wieder voll ins Gesicht: 10m2 Werbetafeln für den neuen VW Touareg. Hier. Ich kann es nicht fassen. Ein Dorf später das gleiche Bild, nur mit dem neuen Pajero. Es ist unglaublich…

Kurz vor Alba Iulia begrüßen einen plötzlich deutsche Ortseingangsschilder mit Namen wie Srassburg am Mierisch – ob hier wirklich noch jemand Deutsch spricht? Im Ort selbst gibt es viele alte Häuser und sogar eine Burg, jedoch kann ich außer einer Raiffeisenbank und einer Allianzfiliale auf die Schnelle keine deutschen Spuren entdecken.

In anderen Dörfern liegen die Gasleitungen vor den Gärten direkt auf dem Bürgersteig – an einer Hauptstraße. Bei Toreinfahren wird die Leitung einfach mittels 4 rechten Winkeln freitragend in genügender Höhe über die Einfahrt verlegt, um dann sofort wieder in 30cm Höhe über dem Bürgersteig zum nächsten Grundstück zu schlängeln. Man fragt sich insgeheim, ob bei einem Autounfall nur ein einzelnes Haus oder gleich die ganze Straße explodieren würde…

rep

Nachdem wir einen Kurzschluß im Thermoschalter vom Kühler an Pawels Bus und die Wasserpumpe des Küchenblocks bei unserem repariert haben, gibt es Spaghetti à la wenig Zeit. Jetzt kämpfen wir uns kurz hinter Sibiu auf der Straße 7C in die Berge. Wir befinden uns jetzt auf 500m Höhe und werden laut Karte schon in wenigen Kilometern die 1000er Marke überfahren. Oben wollen wir dann schlafen – wird wenigstens nicht so heiß!

Pustekuchen, es wird schon dunkel. Wir sehen neben der Straße ein paar Dacias stehen und finden alsbald eine nette Wiese an einem Bergbach, welche offensichtlich schon von anderen zum Campen benutzt wurde. Mittlerweile ist die Sonne wirklich ganz weg und so suchen wir mit Taschenlampen im feuchten Unterholz des nahegelegenen Waldes nach Feuerholz um uns aufzuwärmen. Ich stelle mich mit meiner Waschtasche mitten in den Bergbach und freue mich über die neu erlangte Sauberkeit. Wiesek und ein paar andere folgen, aber nicht alle – zu kalt. Danach werden am Feuer noch eine Flasche Absolwent-Wodka und ein paar Club Mate geleert und wir fallen geschafft ins Bett. Mein viel zu warmer Schlafsack hat hier erstmals einen Sinn.

absolwent wodka

feuer

Es geht los (endlich)

Es ist 6:30 Uhr, als Piotr in mein Zimmer rennt, um mich aus dem Bett zu werfen. Pawel, Dominik, Eugenius und Anja sind nur noch 1km entfernt und werden gleich hier aufschlagen. Alle rennen aus dem Haus und 2 Minuten später trifft erstmals die gesamte Expeditionsbesatzung aufeinander. Pawels Bus hat immer noch keine Temperaturprobleme und Dominik schläft, weil er die ganze Nacht als DJ gearbeitet/getrunken hat. Anja wird als einzige Frau für den Frieden auf der Reise sorgen – hoffentlich 🙂

Bei Tageslicht sehe ich endlich mehr von den Entenküken, welche sich dekorativ im Tau benetzten Gras am Ufer des kleinen Sees niedergelassen haben. Wir kippen hastig Tee herunter, als schon die ersten Tränen fließen. Die Busse sind schwer bepackt und werden für die Eröffnungsszene unseres Films aus der Garage gefahren, was jedoch gründlich schief geht: Die Kamera steht zu dicht dran. Wir machen noch ein Abschiedsfoto und rollen endlich vom Hof. Plötzlich ist sämtliche Hektik verschwunden und wir rollen gemütlich auf der Landstraße gen Süden.

abschied

Die Aufzeichung des GPS-Tracks scheint zu funktionieren, und ich schaue verträumt auf das entstehende Höhenprofil. Ab jetzt muß ich alle 50km einen Wegpunkt in das kleine Heftchen schreiben, damit ich abends genug Material für Stefan habe. Pro SMS bekomme ich ca. 8 Koordinatenpaare zu ihm und ich kann/will nicht mehr als 2 SMS pro Tag dafür opfern.

tracking

Eben kommt noch eine SMS von Stefan: Die Karte funktioniert und der Track ist sichtbar! Ich bin begeistert, Stefan, Danke! 🙂 Auch in Polen warten jetzt einige Daheimgebliebene allabendlich auf neue Positionsdaten, und so freuen sich alle über diese Nachricht. Piotr hat den Link zur Karte noch auf seine Webseite (www.syncro.pl) geschrieben, was ich in der Hektik nicht mehr geschafft habe…

Jetzt haben wir die ersten 220km auf der Uhr und halten noch einmal für einen letzten Einkauf. Wir essen unsere rote Tütesuppe und kucken blöd aus den Bussen – es regnet. Pawel gibt mir – zusätzlich zum CB-Funk – noch eine 2m-Handquetsche, damit wir wenigstens etwas Amateurfunk betreiben können. Tun wir einfach mal so, als wäre die ganze Welt ein CEPT-2-Land.

Polen lassen wir schnell hinter uns und stürzen uns in den Schilderdschungel der Slowakei. Hier hat sich seit mindestens 18 Jahren nichts verändert: Traue keiner Beschilderung (sofern überhaupt vorhanden)! Wir fahren x Mal im Kreis und müssen unterwegs etliche maximal 15-jährige, spärlich bekleidete Schönheiten nach dem Weg zur ungarischen Grenze fragen. 1km vor selbiger wissen wir immer noch nicht wo wir sind und das TomTom ist spätestens seit dem verlassen der befreundeten Volksrepublik Polen auch nur noch zur Kleinkindbelustigung geeignet. Wir treffen einen netten Ungarn und 10min später rollen wir über die Grenze.

street

Man merkt sofort einen großen Unterschied. Während man in der Slowakei im ärmsten Teil des Landes nur verfallene Häuser und lichte Gestalten in schrottreifen Autos sah (der Eindruck mag durch das letzte Zigeunerdorf direkt vor der Grenze geprägt/verfälscht worden sein…), ist Ungarn das blühende Leben. Wunderschöne Kleinstädte, ganze Alleen mit alter, aber nicht verkommener Architektur, Autos aus diesem Jahrtausend und nicht mehr so spärlich bekleidete Frauen – was natürlich allen sofort auffällt. Irgendeinen Nachteil muß Ungarn ja haben. Anja erklärt sofort, sie hätte bisher keine außergewöhnlichen Exemplare gesehen – allerhöchstens Durchschnitt. Pawel ist damit nicht ganz einverstanden, kann aber bei näherer Befragung durch Anja keine überzeugenden Argumente hervorbringen. Er wird still und weiß, dass er Recht hat.

Gegen 21 Uhr ist es schon ziemlich dunkel, als wir auf der Suche nach einem Schlafplatz links von der Straße abbiegen. Wir treffen auf ein paar andere Leute, die hier an einem kleinen See sitzen und angeln. Es gibt romantisch viele Mücken, aber dieser Platz soll es sein.

Nach dem Essen kontrolliere ich die GPS-Logs: Mit .zip bringen wir es auf ca. 2.3MB/Tag für ein komplettes NMEA-Log im Sekundentakt. Bin schon gespannt, wie unsere Slowakeiexpedition später auf der Karte aussehen wird.

Schlafen tun wir zu dritt auf 1.60m hinten im Bus. Zuerst ist es viel zu warm, und so schlafe ich erst nach 2h ein…

Schon fast weg

Heute geht es nur ca. 100km in den Süden, in ein Dorf, wo Piotrs Eltern leben und wo wir uns morgen früh mit Pawel und den Anderen treffen werden. Unterwegs gewöhne ich mich beim Summen der fetten MT-Reifen schon einmal an das Abschreiben der Koordinaten vom TomTom und beginne dabei unser kleines Finanzbuchhaltungsheft von hinten.

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Auf dem Dorf treffe ich Piotrs halbe Famile. In der Nacht packen wir wie die Wilden den Bus voll Essen und Klamotten, denn jetzt sind wir schon zu dritt und damit als Busbesatzung vollzählig angetreten. Von allen Seiten reicht man uns Zwiebeln aus dem Garten, kiloweise Würste und allerlei Kleinkrams. Der Bus platzt aus allen Nähten.

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Die Frau von Wiesiek, unserem dritten Mann, spricht gut Deutsch und so haben wir viel Spaß mit vier Sprachen. Ich mache ein paar Fotos und beginne mit dem Filmen, als es so richtig dunkel wird. Piotrs Mutter zeigt mir im Dunkel der Nacht einen kleinen See und fordert mich auf doch mal die Enten zu filmen. Also nehme ich die Taschenlampe und die Kamera und stapfe in die Nacht, wo ich nach kurzer Zeit auf eine Gans mit 25 Küken treffe. Sie sind alle noch flauschig weich und bewegen sich in einem dynamischen Flauschball über das Gras. Wunderbar.

Nach dem Abendessen, bei dem ich ohne große Mühe den Wodka abwehren konnte, zeigt mir Piotrs Vater noch wo ich großes A-a machen kann, denn im Haus darf man mangels Kanalisation nur Dünnes. Da hinten im Garten wo das kleine Häuschen steht. Ah, das da ohne Tür? Ja, genau das. Piotrs Papa hat in der DDR gearbeitet und spricht ein paar Brocken Deutsch. Stolz zählt er auf, wo er überall war. Potsdam, Jüterbog, Luckenwalde…

Im großen Bauernhaus habe ich mein eigenes Zimmer und sitze nun in einem großen, roten Ohrensessel. Die Tasten auf dem Laptop machen sich langsam selbständig – das wird wirklich nicht mehr als eine Gedankenstütze. Morgen früh um 6 geht es los, gute Nacht!

Der Anfang

Mit hoffentlich alle Dokumenten und genug Foto- und Videoausruestung fahre ich mit dem Berlin-Warschau-Expresszug zum Startpunkt unserer Reise.

zeugs

Im Zug gibt es den ersten, näheren Kontakt mit Polen, welche ungeniert laut im Abteil telefonieren und dabei Wurst aus ihrer Einkaufstüte pulen. Neben mir sitzen noch zwei Franzosen, welche das Gleiche tun wie ich: Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Russisch und Polnisch suchen. Ich habe dauernd das Gefühl etwas zu verstehen, dochletztendlich muss man einsehen, dass der Anteil unbekannter Wörter fuer jemanden mit unzureichenden Russischkenntnissen auch bei polnischen Reisegesprächen ganz schön hoch ist.

expresszug

In Warschau angekommen, werde ich von Pawel und Piotr empfangen. Wir begrüssen uns wie alte Freunde, obwohl wir uns noch nie gesehen haben. Pawel spricht ganz gut Englisch und Piotr ganz gut polnisch. Auf dieser Reise werde ich mit Piotr und einem weiteren Freund in einem Bus fahren, Pawel fährt mit den Überbleibseln des wegen Elektronikproblemen ausgefallenen dritten Busses in seinem Syncro.

Syncrofahrer sind hier in Polen genauso bekloppt wie bei uns in Deutschland. Man fährt große Räder und lange Federn, Originalmotoren sind kaum zu finden und zwei Differentialsperren braucht man schon zum Atmen. Pawel fährt einen TDi ohne Ladeluftkühler und der Motor hat 400000km nicht gezuckt, als er just nach meiner Ankunft Kühlungsprobleme bekommt. Es sind 30°C in Warschau, aber das sollte nicht so viel ausmachen. Wir beschließen, Kühlerreiniger zu kaufen, denn ein kaputtes Thermostat ist es schon mal nicht.

Pawel fährt uns in die Wohnung von Piotr und seiner Frau Ewa, wo es erst einmal etwas zu Essen gibt. Piotr und ich sprechen inzwischen mit Händen, Russisch, Polnisch, Englisch und Füßen, sodass wir eigentlich immer verstehen was wir meinen. Ewa spricht mich sofort in fließendem Englisch mit britischem Akzent an, und so kann ich auf nette Art verständlich machen, dass ich bitte keinen halben Kubikmeter Fischsülze essen muß. Es gibt dazu eine Art Brühe, welche quietschrot gefärbt ist und geschmacklich irgendwo zwischen Hühnerschweinerei und Rinderbrühe liegt. Die Farbe kommt von roter Beete – wer hätte das gedacht. Nach dem Essen ruft Pawel an und meldet, dass der Bus wieder kalt sei. Ganz schön schnell finden wir, und beschließen achselzuckend, den nächsten Morgen abzuwarten.

Die halbe Nacht verbringe ich damit, das nachts zuvor fertig gelötete GPS-System zu debuggen. Wir klemmen die Antenne auf das Fensterbrett und zerschneiden ein altes Netzteil, um das auf Autobetrieb optimierte System mit Strom zu versorgen. Ich flashe zig mal ein neues System auf einen alten Linux-PDA, welcher die GPS-Daten der gesamten Reise sekündlich mitschreiben soll. Morgens um 3 gebe ich entnervt auf, als der Misthaufen seinen seriellen Port nicht mehr findet. Im Halbschlaf höre ich ein leises Poltern, doch es beunruhigt zu wenig, als dass ich ihm des nachts auf den Grund gehen will.

Um 8:30 Uhr werde ich unsanft von Piotrs Telefon geweckt, welches zu dieser unchristlichen Zeit schon als Kundenhotline für seine Netzwerkfirma missbraucht wird. Piotr baut, installiert und vertreibt so ziemlich alles was mit wireless lan zu tun hat. Da ich mein GPS in der Nacht aufgegeben habe, suchen wir beim Früstueck einer Ersatzlösung. Wir wollen beide nicht unser Leben riskieren, also sollten unsere Notebooks nicht mit in den Kaukasus. Der Laptop seiner Mama samt einer alten 8-Kanal GPS-Maus von Rikaline werden kurzerhand zur Lösung des Problems erkoren. Ich packe meinen ganzen Elektronikschrott in eine große Tüte und merke, dass am Kabel vom Fenster keine Antenne mehr hängt. Ein Blick aus dem Fenster verrät auch nichts, weshalb ich etwas verwundert dreinkucke. Piotr erzählt mir von einem nächtlichen Poltern, und dann habe auch ich es endlich kapiert. Zusätzliche Freude bringt noch die Information, dass die Strasse unter dem Fenster der Hauptverkehrsweg zwischen Nachtklub und Studentenwohnheim ist. Na jedenfalls wünsche ich dem neuen Besitzer viel Spaß mit meiner 35db-GPS-Antenne für Segelyachten. Willkommen in Polen.

Tagsüber lädt Piotr mich in seiner alten Wohnung ab, wo ich inmitten hunderter Wlan-Antennen das Netz nach geeigneter GPS-Logging-Software fuer Windows durchforste, während er noch schnell ein paar Urlaubsvorbereitungen für seinen Firma trifft.

antennen

Das Ergebnis meiner Recherche ist nicht gerade umwerfend, und so komme ich zu dem Schluß, dass wir wohl oder übel nur den kompletten NMEA-Datenstrom aufzeichnen können oder auch gar nichts. Beim Gedanken an die Datenmengen bei einer 30-tägigen Reise wird mir spontan schlecht. Da es um meine regular expressions gerade schlecht bestellt ist, sehe ich mich auch nicht in der Lage, die nicht benötigten Zeilen mit einem Texteditor aus den log-Dateien zu löschen. Mist, eigentlich sollten die beiden ImageTanks für Fotos und nicht für überdimensionale GPS-Logs verwendet werden! Mamas Laptop kommt eigentlich wie gerufen, weil ich auf ihm gleichzeitig jeden Abend screiben kann. Die polnische Tastatur mit mehreren kaputten Tasten macht mir jetzt auch nichts mehr aus. Ein Testtext ergibt, dass man den Sinn noch erraten kann – das reicht.

Nachmittags holt mich Piotr ab und wir fahren auf einen Parkplatz, wo wir die von mir aus Deutschland mitgebrachte Gasanlage in seinen Westfalia-Küchenblock einbauen. Auf dem Weg zu seiner Mama kaufen wir noch zwei Bier, welche wir sodann bei einem Freund gegen einen professionellen Blick auf unsere Gasanlage eintauschen. Wir sind uns jetzt relativ sicher, eine dichte Gasanlage zu haben. Pawel ruft an: das Auto ist immer noch kalt.

Wir rennen durch einen Supermarkt und kaufen Unmengen Wasser und Nudeln ein. Wie immer überprüfe ich das Hiesige Kühlregal und suche mir Vanillequark und -milch – polnische natürlich. Wieder zu Hause, mache ich mich daran die vorbereitete GoogleMap mit einem tracklog zu versorgen. Irgendwie funktioniert das auch alles, aber irgendwie auch nicht. Wir müssen schon wieder weg und ich weiß, dass dies meine letzten Minuten im Internet waren. Jedenfalls bis Mitte September. Wie sollen die Daheimgebliebenen sehen wo wir sind, wenn die Karte nicht richtig funktioniert? Ich verfluche kurz die Google-API und deren Dokumentation und schreibe eine leicht entnervte SMS an meinen Freund Stefan, der die ehrenvolle Aufgabe übernommen hat, meine SMS mit den Koordinaten unseres Verbleibs täglich in eine kml-Datei einzutragen. Stefan ist ein überaus schlaues Kerlchen, vielleicht kann er noch etwas ausrichten. Ich beschließe, ihm trotzdem jeden Abend Koordinaten zu schicken, welche ich mit Zettel und Stift alle 50km vom TomTom abschreiben werde. Eine letzte Mail wird geschrieben und schon sitzen wir im Bus. Ewa weint und ich vermisse Yana.