Neujahrswahnsinn

Seit heute morgen verstehe ich George Bush und Frau Kondolenzbuch Reis: Erstmals habe ich am eigenen Leib erfahren, wie sehr die Terrorgefahr in diesen Tagen angestiegen ist. Schlimmer noch, ich bin jetzt fest davon überzeugt, dass die Achse des Bösen wirklich existiert! Jene Achse verläuft nämlich diagonal durch unsere Wohnung im 12. Stock eines Moskauer Plattenbaus. Nun, woran erkennt man Terrorismus? Das ist eigentlich ganz einfach: Fanatismus mit erkennbarem Verlust der Gehirnaktivität, Ausbildungslager zur Nachwuchsförderung, asymmetrische Kriegsführung durch verteilte Terrorakte.

Gegen 9 Uhr drückt in der Wohnung unter uns eine fanatische Arbeitertochter auf den Power-Knopf des Fernsehers und markiert damit den Beginn einer 3-stündigen Ausbildungsphase für die heranwachsenden Terrorhelfer. Zu dieser unchristlichen Zeit liege ich im Bett und versuche fundamental auszuschlafen, als unter uns die Wahl auf das Programm „Cartoon Karaoke“ fällt, und der geistige Vater zusätzlich die Verstärkeranlage aus Taiwan einschaltet. Unwillkürlich frage ich mich, warum dieses schwere Gerät nicht unter das Kriegswaffengesetz und entsprechendes Embargo fällt. Der Raum wird jetzt gänzlich von ca. 100dB Bumm Bumm erfüllt und man vernimmt die verzerrten Stimmen fanatischer Krieger, welche mit ihren Liedern Tsheburashka und andere Gottheiten anbeten.

Links über uns übt man sich, wie immer, in den Grundfertigkeiten jener stolzen Wüstensöhne: In vollständiger Extase bringt man eine geweihte Schlagbohrmaschine mit unbeschreiblicher Inbrunst auf einem zuvor nächtelang sprituell vorbereitetem Stück armierten Stahlbetons zur Anwendung, bis dieses nach höchstens 23 Minuten endlich der Festigkeitslehre entsagt. Gewöhnlich bedankt man sich sogleich mit mehreren gewaltigen Hammerschlägen auf selbige Wand und opfert zur Besänftigung des Elektrikers in halbstündiger Zeremonie einen frischen Staubsaugerbeutel.

Die Damen des Hauses entscheiden sich der Situation entsprechend zu einer groß angelegten Nahkampfübung und laden dazu in den örtlichen ГиперМаркет(Nicht Super- sondern HYPERmarkt!). An der Salattheke liegen die Nerven berits blank, als mehr als 20 Mitglieder verschiedener Stammesgruppen versuchen ihren Neujahrssalat zu erstehen. Die Friedenstruppen hinter der Theke sind ständigen, verbalen Angriffen ausgesetzt und lassen sich selbst bei Einkäufen unter 2000 Rubel den Paß zu jeder Geldkarte zeigen.

Vor uns versucht die Frau eines dubiosen Ehemannes vergeblich, mit der Kreditkarte desselben Kinderkleidung und Joghurt zu kaufen. Hier greifen zuverlässig alle Sicherheitsmechanismen der Allianz gegen Ladendiebe, Georgier und andere Terroristen und so nimmt man der Frau den kompletten Einkaufswagen wieder ab und läßt sie vom Sicherheitspersonal entfernen. Da schauen selbst genervte, rotnäsige Ehemänner verwundert herüber, während ihre verschlafenen Augen sich nach den Zeiten zurücksehnen, in denen es die Leinenpflicht für einkaufende Frauen gab.

Vor dem internationalen Obstabwiegestand entbrennt in der 200m langen Schlange ein Kampf um 2 Kubikmeter Altmandarinen, welche die Kontrahenten sich erdreisten, während des Wartens in gute und weniger gute zu sortieren, um selbige gleich mit abwiegen zu lassen.

Um das gelernte gleich zu Üben, werde ich, beladen mit 2346741 Plastetütchen, gleich in 3 weiteren Läden wartend zurückgelassen, um die Beute gegen das gemeine Fußvolk zu verteidigen. Selbst im dicht bevölkerten Пятёрочка habe ich keine Verluste zu verzeichnen und so entlassen mich meine Ausbilderinnen wieder nach Hause.

Inzwischen haben auch die Schergen der Nachbarwohnung ihre Vorliebe für Karaoke entdeckt und die Achse des Bösen erscheint vor meinen Augen eher wie ein Dreieck. Wehmütig denke ich an stockwerkzählende Bunkerbrecher gebe mich der asymmetrischen Übermacht geschlagen. Ich erhalte meinen Anteil der Beute in Form von Tee und russischem Kinderspeiseeis und begebe mich in intensive, psychologische und physiologische Direktbetreuung – worüber in meinem unbefristeten Ausbidungsvertrag allerdings Stillschweigen vereinbart wurde.

In diesem Sinne wünsche ich allen die Kraft und Vernunft den Gefahren des kommenden Jahres zu widerstehen. Und immer dran denken: Fernseher, Playstations und Trinkjoghurt mit zirkular polarisierten Lebendkulturen sind nur der Anfang…

P.S.: Eben sagt der Sprecher im Radio, dass jetzt, siebeneinhalb Stunden vor Neujahr, bereits sämtliche Ausnüchterungszellen der Moskauer Polizei hoffnungslos überfüllt sind. Wahrscheinlich wird man einfach ein bis zwei U-Bahnhöfe sperren und die selbstkonservierten Schnapsleichen dort bis zur Abholung durch die zuständige Ehefrau einlagern.

You’ve been registered.

Ich bin registriert! Dieses Jahr mache ich ja das gesamte Program des Dokumentenhandels mit, weshalb ich nun für noch einmal 700 Rubel in einem mir völlig unbekannten Hotel weit ab vom Schuß registriert worden bin. Den guten Service erkennt man sofort, wenn man zusätzlich zum Registrierungsstempel noch ein kleines Kärtchen mit der Adresse des Hotels bekommt – sozusagen als Grundlage für eine kleine Geschichte für den Ernstfall. Bezahlen muß man hier sowieso, ob man nun alle Dokumente hat oder nicht. Am frühen Nachmittag zur Kaffeezeit kostet es mit vollständiger Dokumentensammlung grundsätzlich 200 oder 300 Rubel, denn soviel braucht ein Millizionär mindestens, um einmal ordentlich mit seinem Kollegen Kaffee trinken zu gehen. Fehlen ein paar Stempel so muß man das Entgeld zusätzlich mit dem sogenannten Lust- und Launefaktor multiplizieren und erhält dann normalerweise eine Summe jenseits der 1000 Rubel. Für Georgisch aussehende Ausländer mit westlichem Paß, wird der Endbetrag grundsätzlich noch einmal quadriert, damit auch die drei umstehenden Millizionäre, welche zur Publikumsabschirmung bei der Geldübergabe auf dem belebten U-Bahnhof automatisch herbeieilen, ihren Anteil bekommen können. Korruption hat also einen entscheidenen Vorteil: Man braucht eigentlich gar keine Dokumente, es reicht eine volle Brieftasche und etwas Glück. Den Quatsch von wegen Stempel im Paß… Einreiseverbot… und was sie einem nicht alles auf der russischen Botschaft erzählen… alles Blabla.

Hinterhofskellerbüro und anderes

Mein Visum war ja dieses Mal besonders teuer, doch dafür habe ich auch gleich eine Telefonnummer des befreundeten Reiseunternehmens bekommen, wo ich mich zur Registrierung vor Ort melden könnte. Ein Anruf sagte uns, dass die Frau am anderen Ende schlecht gelaunt war, und dass wir binnen 45 Minuten durch ganz Moskau rasen mußten, weil die Firma danach geschlossen in die Ferien ginge. Frühstück war dieses Mal nicht mehr drin und so sind wir dann gegen 14 Uhr an der Metro Smolenskaya angekommen. Wo ist nun die gesuchte Straße? Neben mir stand ein fragender Blick und in der Hand hatte ich einen rudimentären Stadtplan im Maßstab eines Globus. Na jedenfalls waren wir dann 20 Minuten zu spät in einem Moskauer Hinterhofskellerbüro bei der unfreundlichen Dame – morgen zwischen 16 und 18 Uhr hätte sie die einbehaltene Immigrationskarte bestempelt.

Zur Belohnung sind wir noch ins Kino gegangen – natürlich nicht ins Riesenmultiplex „Luxor“, welches in ein großes Einkaufscenter integriert ist, sondern gleich gegenüber ins „Baikonur“. Hier erwartet einen klassischer Chic der Sowjetära, gepaart mit wiederkehrenden Bauarbeiten an wechselnden Orten. Zur Zeit hat man zwei Drittel der Außentreppen neu gebaut und im Inneren ein paar unerklärliche Glaswände aufgestellt. Yana sagt, man schafft neue Orte um Geld zu verdienen. Ja, denke ich, wenn das so weiter geht, könnte man hier sicher einen internationlen Kohlenhandel aufziehen…

Der Film war sehr gut. Ein russischer Episodenfilm namens Жара, was man wohl in etwa mit „Bullenhitze“ übersetzen könnte. Der Film zeigt einen heißen Sommer in Moskau, junge Leute und wie das Leben so spielt. Viele kleine Spitzfindigkeiten zeigen selbst in einem Kinofilm wahre Seiten der russischen Gesellschaft und man hat so seine Freude. Allerdings sagte man mir, dass der Regisseur ein Georgier sei, was eventuell den lockeren Umgang mit Kritik an russischen Verhältnissen erklärt. Bei aller Leichtigkeit verliert der Film nämlich nicht an Ernsthaftigkeit, denn der aufmerksame Zuschauer wird immer wieder durch geschickte Diaglogfetzen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Eingeprägt hat sich mir die Szene, in der ein amerikanischer Tourist erst einmal prophylaktisch ins Gefängnis geworfen wird und dort einen anderen Gefangenen mit einem italienischen T-Shirt aufgeregt fragt, ob er denn auch Tourist sei… dieser entgegenet trocken: „Net, Grusin“ (Nein, Georgier)… Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Film – für den interessierten Rußlandreisenden sowie den normalen Kinogänger.

Im Fernsehen läuft gerade Werbung einer Immobilienfirma. Angeboten werden Mietwohnungen im Plattenbau für 8300 Rubel pro Quadratmeter und Jahr. Rechnet man das auf eine 60m2-Wohnung, bezahlt man knappe 1500 EUR Miete pro Monat. Dafür bekommt man bei uns ein vollsaniertes Loft im Dachgeschoß eines schönen Altbaus im Szeneviertel nach Wahl. Die Einkommen in Rußland dürften bei ca. 1/10 der in Deutschland liegen, was solche Angebote aus unserer Sicht nahezu absurd erscheinen läßt… jetzt werden Digitalkameras vom MediaMarkt angeboten und ich schalte endlich um. Blend-a-med-Zahnpasta. Verdammte Axt!

Endlich mal wieder Moskau

Eben hatte ich den netten Moldawier aus dem Flugzeug aus den Augen verloren, nachdem er mit seinen Stift für die Immigrationskarte geborgt hatte, nun stehe ich ihm im Flughafenbus auf den Füßen. Von hinten schiebt eine Gruppe deutscher Touristen und macht sich über die übrig gebliebenen Vokabeln aus der Schulzeit lustig. Draußen vermischt sich frischer Schnee mit dreckigem Matsch, innen steht die brabbelnde Menge in einer Wolke aus feuchtem Nebel, während aus dem Radio ein klebriges Sommerlied entweicht: „Letniy Doszhd“. In Moskau paßt alles.

An Grenzkontrolle gerate ich an eine junge Beamtin, vieleicht knapp über 20. Sie hat eigentlich ein sehr hübsches Gesicht, aber sie verzerrt es extra für mich, um richtig ernst auszusehen. Ich muß mir das Lachen verkneifen, als sie voller Ernst zuerst das falsche Visum scannt. Sie wird langsam sauer und entschließt sich für eine detailierte Überprüfung meiner Daten, während ich ihrer Kollegin bei der Kontrolle über die Schulter auf den Monitor schaue. Sieht gar nicht so kompliziert aus, was hat meine Beamtin nur? Nach geschlagenen 11 Minuten entläßt sie mich endlich mit einem angesäuerten Blick.

Yana hat über ihre Firma ein Auto besorgt, sodaß wir jetzt in einem schwarzen Saab durch Moskau schwimmen. Der große Autobahnring ist wie immer hoffnungslos verstopft und wir werden mind. 2h nach Hause brauchen. Die Straßen sind mit einer millimeterdicken Dreckschicht überzogen, welche langsam jedes Auto in ein feuchtes Dunkelbraun taucht. Volltarn im Straßenverkehr. Peinlich genau achten manche LKW-Fahrer jedoch darauf die Buchstaben und Zahlen ihres Kennzeichens hinten am Wagen freizukratzen, denn verdreckte Kennzeichen kosten Geld machen Ärger.

Nach anderthalb Stunden hält der Fahrer auf einer schleimigen Autobahnabfahrt an und macht die Motorhaube auf. Es dampft. Er kramt im Kofferraum und kommt mit einer Lampe wieder, welche ihm schließlich hilft, den völlig zerschlissenen Keilriemen der Wasserpumpe aus dem Motorraum zu operieren. Lächelnd erklärt er uns das Ende der Fahrt – kann jedem einmal passieren. Wie in Moskau üblich, stellt man sich einfach an die Straße und hält ein x-beliebiges Auto an, dennn irgend jemand braucht immer etwas Geld. Keine 5 Minuten später jagen wir in einem Lada mit abgedunkelten Scheiben durch das inzwischen nächtliche Moskau. Der Fahrer ist ein junger Mann im Sportanzug und sein Weg wird von zwei goldenen Ikonen in einem Wunderbäumchenwald auf seinem Armaturenbrett begleitet. Wie durch Zufall erkennt Yana den Namen einer Straße und so kommen wir schließlich nach Hause.

Das Haus wurde inzwischen renoviert. Mit spielerischer Leichtigkeit haben ein paar Bauarbeiter einen Kubikmeter heller Ziegelsteine vor dem Eingang zu einer Mauer drappiert, ja man könnte fast meinen sie hätten versucht die Wand zu verklinkern. Das elektronische Codeschloß der Tür wurde natürlich freigelassen, zumindest das Tastenfeld. Im Frühjahr wird dann ein Telekommunikationsingenieur mit einem rostigen Schraubenzieher die halbe Wand wieder einreissen – um die Klingelanlage zu reparieren.

Moooooskaaaauuuu *sing*

… ich komme! Endlich mein Visum und alle anderen Papiere bekommen, Weihnachtsschenk auch angekommen – nur zum Frisör war ich immer noch nicht. Naja, wirdse woh aushalten müssen 😛 Zum russischen Frisör gehe ich jedenfalls nicht wieder, denn die dachten beim letzten Mal wohl, dass ich der Besitzer von Mercedes Benz sein muß… dem Preis nach zu urteilen… Hallojulia! Ach ja, 82.Keks EUR hat das Visum dieses Mal gekostet, dazu kommen noch einmal $20 für die sinnlose Registration an einem nicht näher spezifizierten Ort in Rußland. *gnaaa* Es lebe die Bürokratie. Egal, Hauptsache weg!

Und die Gitter waren zu…

… hört man aus Moskau. 45 Frauen verbrannt, weil irgendein Idiot im Treppenhaus zur Sicherheit Gitter eingebaut hat. Kenne ich irgendwoher: Wir hatten das im Studentenwohnheim auch. Dazu ganz wunderbar passend in jedem Zimmer neu installierte Rauchmelder, damit man beim Verbrennen für sich selber feststellen kann, ab wann das Gehirn keine Sinneswahrnehmungen mehr verarbeitet! Ich frage mich wieder einmal, warum man in Rußland so offen und so frech die selektive Hirnabschaltung toleriert. Das scheint ein gesellschaftliches Problem zu sein, denn eigentlich fällt soetwas jedem auf, nur offensichtlich fühlt sich niemand dazu animiert mal den Mund aufzumachen.

Woher kommt das? Jahrzehntelange Erfahrung mit dem System? Es hat alles sowieso keinen Sinn und deshalb sage ich gar nicht erst etwas? Vielleicht, allerdings wäre bei mir spätestens bei Gefahr für Leib und Leben jede Grenze überschritten. Noch habe ich nicht verstanden wie man in Rußland tickt, vielleicht werde ich es ja auch nie. Den Bildern im Fernsehen nach zu urteilen, versteht man es dort selber nicht… Derweil verbuddeln wir lieber jedes Jahr hunderte Opfer und bauen an anderer Stelle genauso weiter wie immer. Mehr zu diesem Thema auch in meinen Beobachtungen zu den Bauarbeiten in einem Moskauer Studentenwohnheim vom Februar dieses Jahres….