Jaroslavl

Ja, wir haben es uns noch einmal angetan: Eine Busreise. Irgendwie muss man ja mal etwas von der Provinz sehen, also wieder mal mtit dem Bus 250km in den Norden. Begleitet von drei lustigen Damen, welche in Wasserflaschen Sprit mitführten um ihre Stimmung zu heben, fuhren wir 4 Stunden durch den Schnee. Zwischendurch einmal Pipi und schon waren wir da.

jaroslavl

Jaroslavl ist jetzt fast 1000 Jahre alt, und war früher (also sehr viel früher) ein bedeutender Sitz für allerlei Herrschaften, vorzugsweise kirchlicher. Man baute Kirchen, eine Uferpromenade und sogar die erste Straßenbahn Rußlands – sofern ich die Frau Reiseleiterin da richtig verstanden habe.

In den Sraßen sieht man wunderschöne alte Häuse, welche allesamt einfach nur verfallen. Besonderns beeindruckend fand ich den reich verzierten Sims über einer Eingangstür – sicher 3m breit und noch in gutem Zustand. Mit beeindruckender Genauigkeit hat man hier genau in die Mitte ein kinderschlittengroßes Loch in den Sims gehackt, und dort ein zeitgemäßig Werbeschild zum Friseursalon angebracht.

Überhaupt waren wir über den Geschmack im Jaroslavl Oblast begeistert. Schon Zar Peter I. (hoffentlich irre ich mich da nicht…) ließ eine recht nette Kirche aus roten Backsteinen bauen, teilweise sogar behauen, welche er allerdings zusammen mit einer Textilfabrik projektieren ließ. Was ist das Ergebnis? Heute steht die Kirche genau neben der häßlichen, stacheldrahtgekrönten Mauer eines riesigen Industriekomplexes und verfällt zusehends. Romantisch.

kirche

Eigentlich ist sie ja recht hübsch die Kirche, aber es interessiert niemanden so richtig.

behauen

Stolz erzählt die zugestiegende, einheimische Touristenführerin, dass bald die 1000-Jahrfeier bevorstünde und wie der Bürgermeister eine neue Kirchen bauen wird. Ah ja. Wir feiern Geschichte, bauen eine neue Kirche und lassen die Geschichte derweile verfallen. So sind sie. Ist ja vielleicht auuch nicht mehr nötig, denn die Kirche wurde schon genug geehrt, indem man sie auf dem 1000-Rubel-Schein verewigte.

Auch Jaroslavl ist in der Sowjetzeit nicht unbeschadet davon gekommen. Mitten im historischen Zentrum, gleich neben einer Kirche, gibt es seitdem eine dicken Kulturpalast, welcher mangels Geld natürlich komplett leer steht und die Stadt jährlichen Millionen von Rubeln für die bloße Erhaltung kostet. Naja, zum Trost gibt’s ja ne neue Kirche.

Wie üblich gibt es gegen Ende der Rundfahrt bei schweinekälte eine Stunde Freizeit. Der Bus mosert aber es wird durchgepeitscht. Alle abgeworfen und der Bus ist verschwunden. Im Hinterkopf die Namen der Cafés und Restaurants, welche uns die Reiseleiterin empfohlen hat. Wahrscheinlich alles Familienbetriebe.

Nach der 4-stündigen Rückreise schlafen wir schlagartig ein und sind uns sicher: Wir wissen jetzt genau über das Leben der Menschen außerhalb Moskaus Bescheid. Zufriedenheit macht sich breit.

Die Sache mit dem Markt

Im Januar zufällig aus meinem Wohnheimfenster fotografiert… so sah er mal aus.

da

Die Moskauer fragen sich, wieviele solcher Auftragsmorde es wohl noch geben wird… nachdem gerade erst ein Schwimmbad des gleichen Architekten eingestürzt war.

pravda

4 Tage später ist bereits nichts mehr zu sehen. Ich bin mir nicht sicher, ob in so kurzer Zeit irgendwelche Unfalanalysen in Sachen Statik und Bausubstanz überhaupt möglich sind, oder ob man hinterher einfach irgendjemanden verknacken wird. Die Beweise sind jedenfalls weg.

weg

HighTech auf dem Hinterhof

Auf dem Hinterhof des Wohnheims werden wahrscheinlich still und leise unter größtmöglicher Geheimhaltung (deshalb die aufwendige Tarnung als Schrottplatz) die Trägerraketen für die erste russische Marsmission entwickelt. Ich hab aber alles durchschaut und aus dem 13. Stock heimlich fotografiert, wie einer der Wissenschaftler eine Leitung für flüssigen Sauerstoff optimiert:

hightech

Ähnlich getarnt ist auch das Elektroniklabor in welchem ich meine Arbeit schreiben soll. Unmengen Tarnung und mittendrin ein digitales Speicheroszilloskop. SMD-Löten mit Dachrinnenlötkolben und Platinenfräsen mit höchster Präzision. Keiner weiß, wie solche Biotope technischer Effektivität in unserer schnelllebigen (Aha, es gibt als noch ein Wort außer Dampfschifffahrt!) Zeit überleben, aber sie tun es. Alles am Limit, alles kurz vor dem Zusammenfallen, aber mittendrin emsiges Treiben von absoluten Profis. Ist mir alles schleierhaft. Was würde passieren wenn man die ganze Meute in ein ordentlich ausgestattetes Labor setzen würde? 300%ige Produktivitätssteigerung innerhalb einer Woche oder Kompletttarnung (Noch eins!) innerhalb weniger Stunden?

Da ich heute sauer bin, tippe ich auf letzteres. Sauer deshalb, weil heute einer der Profis (das Wort ist ernst gemeint) aus Versehen meine sowieso schon Ersatzschaltung in süßlichem Rauch hat aufgehen lassen. Krokodilklemme als Masse für’s Oszilloskop quer über die Platine geklemmt und aus. Kurzer Rauch, Ende. Spannungsregler und Prozessor in den ewigen Jagdgründen. Spannungsregler war noch genau einer da, Prozessor genau keiner. Fazit? Ich kann meine Arbeit komplett an den Nagel hängen, denn: Der Prozessor ist in Moskau nur schwer aufzutreiben, da immer vergriffen (*). Außerdem machen die Herren am Mittwoch einen kleinen Umttrunk, am Donnerstag und Freitag sind offizielle Feiertage für die Männer Rußlands, am Sonnabend geht er Skilaufen und am Sonntag (Arbeitstag!) treffen wir uns dann zur Besprechung der schriftlichen Arbeit.

Ernüchterndes Ergebnis von 5 Monaten Rußland: Meine Arbeit ist hinten wie vorne ins Wasser gefallen. Schaltung samt Platine wurde nicht umgesetzt, Ersatzplatine abgeraucht, entwickelte Programme existieren nur auf dem Rechner und können mangels Hardware nicht getestet werden. Demzufolge gibt es natürlich auch keine Experimente zu Fehlerraten oder sonstewas – Schlußfolgerungen und Ergebnisse kann ich mir in die Haare schmieren. Meine schriftliche Arbeit soll ich trotzdem mit größter Sorgfalt zu Ende führen und um die Präsentation komme ich auch nicht herum. Theoretisches BlaBla zu den Grundlagen und meinen Entwicklungen zu einem nicht existenten Gerät zur externen Temperaturüberwachung über CAN-Bus. Ich bin begeistert.

Soeben kommt noch eine eMail von der TFH-Berlin:

Sehr geehrter Herr Henning,

leider können Sie sich Russischikurse hier nicht anerkennen lassen. In Ihrem Studiengang sind Sprachlehrveranstaltungen nicht obligatorisch. Schauen Sie sich das Angebot an, wenn Sie hier sind. Ich berate Sie auch gern in meiner Sprechstunde.

Weiter viel Spaß in Russland,

Prof. Dr. Ursula Meißner

Mir fällt dazu nichts mehr ein. Wenn mich heute einer komisch ankuckt, versenke ich ihn mit der flachen Hand im Eis. Grrrrrrrrr.

(*) Kleiner Exkurs: Amerikanischer Hersteller haben sich beim Export von Prozessoren und Controllern extrem affig, denn das ist ja Technologie die gegen sie verwendet werden könnte. Also schreibt man entweder langwierige Projektbeschreibungen und erhält dann genau abgezählte Exemplare, oder man verläßt sich auf Grauimporte, welche wohl über China etc. kommen sollen. Letzteres macht man hier und die wenigen Prozessoren sind dann selbst in einer großen Stadt wie Moskau schnell vergriffen.)

Torino 2006

Wir sitzen vor dem Fernseher und erleben, wie sich italienische Eisträume in italienische Tränen auflösen. Nachdem das russische Eistanzpaar eine gradiose Vorstellung vor deutlich reservierten Italienern abgeliefert hat, bringt der siegesgewisse Übermut der italienischen Favoriten genau zum Ende des Tanzes das böse Ende. In solchen Momenten frage ich mich immer wieder, wie man da auf dem Eis das Lächeln wahren kann. Man weiß genau, dass für 4 Jahre der Zug abgefahren ist, die Sponsoren einem die Ohren vollheulen werden und das ganze Land in tiefer Trauer liegen wird, und doch wird das Programm souverän zu Ende getanzt. Ich würde wahrscheinlich ein Loch ins Eis hacken und unter lautem Fluchen durch den Keller verschwinden.

Beim Bobfahren ist mir aufgefallen, dass es offensichtlich eine Kamera im Boden der Bahn gibt. Wie machen die das? Geht man einach davon aus, dass die Fahrer wenigstens so einigermaßen die Idealline treffen werden und deshalb die Kamera schon immer irgendwie zwischen die Kufen kommt? Irgendwie heikel, wenn man bedenkt, dass dort Geschwindigkeiten jenseits der 130km/h gefahren werden. Na gut, die Geschwindigkeit ist wahrscheinlich auch die Lebensversicherung jener Kamera, denn da liegen zwischen in der Bahn und aus der Bahn nicht viele Zentimeter neben der Idealline. Weiß jemand wie die Kameras direkt neben der Bahn bei 130km/h geschwenkt werden? Ein Mensch? Man stelle sich neben eine Autobahn und versuche ein vorbeifahrenes Auto durch das Loch einer Klopapierrolle zu fixieren – halte ich für gar nicht so einfach. Vielleicht sind es ja auch schon Automatikkameras mit Bobtrackingsystem? Im Jahre 2006 eigentlich lange überfällig.

Jetzt schneit es bei uns auch gerade wieder und die Temperaturen gleichen sich bis aufs Grad mit denen in Torino. Wir, die auf Schlittschuhen nicht einmal gerade stehen können, Skier und Snowboards höchstens im Sessellift gerade halten können und den teuren Carbon-Bob schon nach 10 Metern in ein wertloses Faserbündel verwandeln würden, klopfen bei russischem Waffeleis und Weißkohl (essen wir statt Chips – gute Idee wie ich finde!) die dicksten Sprüche. Hast du gesehen wie labberig ihre Hand die ganze Zeit war? Die arme Frau, das war eindeutig sein Fehler, er hat viel zu viele Schritte gemacht! Warum rennen die nur drei Schritte, so kann der Bob ja nicht schnell werden! Kaum eckt der Bob irgendwo in der Eisbahn an, stöhnt es vom Sofa nebenan. Wir sind enttäuscht. Die letzte Drehung hätte sie nun wahrlich nicht so hinpfuschen müssen… Gut, dass keiner weiß, wie peinlich wir manchmal sind. Hoch leben die Olympischen Spiele – und wir sind dabei! 2014 dann in Sochi?

Neulich am Valentinstag

Auch über den Osten Europas (ja, Europa erstreckt sich deutlich weiter als der geliebte Shell-Autoatlas suggeriert) ist diese westliche Importtradition schon seit langer Zeit hereingebrochen. Erfunden von der Liga beziehungsgeschädigter Frauen, hilft er heutzutage mehr oder minder erfolgreich, im Gehirn eines Mannes wenigstens einmal im Jahr einen Hauch von Romantik vor dem eigentlichen Akt einfließen zu lassen. Unterstützt wurde die Einführung dieses Feiertages natürlich auch hier vom Verband streunender Blumenhändler und den Vereinigten Kitschkartendruckereien.

Mal abgesehen von den Blumenläden dieser Stadt, in welche man zeitweise das Geld mit Schuhkartons bringen muß, ist der Hauptaustragungsort dieses Festtags natürlich die Metro. Dort sieht man, was solcher Gruppenzwang eigentlich alles anrichten kann. Männer kaufen Blumen und versuchen dabei die Haar- und Kleidungsfarbe ihrer Angebetenen gut zu ergänzen. Die Ergebnisse reichen von geschmack- bis grauenvoll. In der U-Bahn empfängt eine Russin von ihrem etwas klein geratenen Verehrer soeben einen Strauß roter Rosen und einen Sack voll Hundeblick. Beim Anblick der Karte sieht man ein verkrampftes Dankeslächeln auf ihr Gesicht gleiten – fast mitleidig blickt sie ihm in die Augen, während er nervös mit seiner Hand an seinem MP3-Player nestelt. Voller Inbrunst und Romantik hatte er es im dritten Anlauf tatsächlich geschafft, seinen Namen eigenhändig unter den vorgedruckten Liebesbrief zu krakeln – angesichts der Tatsache, dass er einen Füllfederhalter wahrscheinlich mit Mönchsritualen während der Hexenverfolgungen assoziiert und seit ca. 10 Jahren sämtliche Kommunikation jenseits des Bettes ausschließlich über die 12 Tasten seines Mobiltelefons abwickelt, ist das eine bemerkenswerte Leistung. Seine Freundin erkennt dies auch sofort und gibt ihm einen dicken Kuß. Hach, was hat sie doch für einen Lieben gefunden. Er strahlt und richtet sich wieder etwas auf. Während er die anderen Fahrgäste mustert, schiebt er langsam seine Schultern in die Breite, und dreht gekonnt und ohne hinzusehen seine Musik lauter. Leider ist sein Hosenstall offen.

Im nahegelegenen Einkaufszentrum laden die Herren die Damen in ein Fastfoodrestaurant ihrer Wahl ein. An die folgende Nacht denkend, sitzen sie verträumt an die Tischen – bedeckt mit den Klamotten der Freundin, ihre Handtasche bewachend und möglichst männlich aussehend – während sie sich in die Schlange stellt, um das Essen zu holen. Leider hat man hier die Bedeutung des Wortes Fastfood noch nicht ganz verstanden, und so dauert es mal fix 30 oder 40 min, bis man seine Bestellung in den Händen hält. Die Schlangen ringeln sich durch die halbe Passage und man wartet mit russischer Geduld.

Während ich unterbewußt die noch unbenutzte Kinokarte mit den Fingern zu Altpapier knete, fällt mir eine McDonalds-Werbung aus der U-Bahn ein: 10000 Rubel Verdienst für den Thekenjob. Im Kleingedruckten steht noch etwas von 21 Tagen à 8 Stunden. Das macht also genau 1.70 EUR pro Stunde. Verglichen mit Deutschland, müßte ein Menü dann also etwa 85 Cent kosten. Da man jedoch meist mehr als 150 Rubel (über 4 EUR) bezahlt, frage ich mich, wie das ganze System hier überhaupt funktioniert. Die Löhne mögen für russische Verhältnisse angemessen sein, die Preise jedoch unter aller Sau. So richtig brummen tut es natürlich für McDonalds.

Neulich bin ich an einem ausgebrannten Spielzeuggeschäft vorbeigekommen und wurde informiert, dass es hier gängige Praxis sei, einen unwilligen Ladenbesitzer durch einen plötzlichen Brand zum Verkauf seines Geschäfte zu zwingen. Ich bin gespannt, wann die ersten Fastfoodrestaurantfilialen brennen – ganz ohne Kaufabsicht.

Mittlerweile hat man aufgegessen, im Kino die Hollywoodklamotte auf russisch überstanden und befindet sich auf dem letzten Bummel durch die Passage. Auf dem Weg zum Ausgang werden noch möglichst viele Glaskästen mit billigem Schmuck aus Übersee umkreist und man kann förmlich sehen, wie der Mann mit steigender Anzahl von Glaskästen tiefer und tiefer in die Rolle des verständnisvollen, perfekten Mannes fürs Leben rutscht und sich dort sichtlich wohl fühlt. Zum Abschluß gibt es zu Hause eine große Runde Blümchensex und wir sind uns alle sicher, dass es nur die Liebe war, die uns just an diesem 14. Februar solch‘ schöne Stunden bereitet hat.

Sonne!

Endlich ist der Sommer ausgebrochen! Bei -10°C und strahlendem Sonnenschein kann man die Hände schon mal zum Fotografieren aus der Tasche nehmen… leider war die Sonne so hell, dass ich auf dem LCD der DigiCam fast nichts erkannt habe und das Bild schlechter geworden ist als erhofft. Gestern war es noch die gute EOS 50e Spiegelreflexkamera, heute ist es irgendwas kleines zwischendrin, und die Zukunft wird wohl auch wieder bei Spiegelreflexkameras liegen. Fragt sich nur, ob man die dann auch jeden Tag mitschleppt und einem so der ein oder andere Schnappschuß nicht verloren geht. Naja, man muß nur verrückt genug sein, dann geht auch das… hier übrigens das Wohnheim:

sonnenheim

In der Uni geht es langsam drunter und drüber, weil die Herren von der Platinenherstellung nach 3 Wochen damit herausgerückt sind, dass sie meine Platine nicht fräsen können, weil die Koordinaten für die Bohrungen nicht stimmen. Juchu, als wenn man die nicht auch mit einem x-beliebigen Offset exportieren könnte!!?!? Grrrrr. In genau 15 Tagen muß dieses Gerät programmiert sein, experimentell auf Herz und Nieren getestet, dokumentiert und vor der versammelten Mannschaft des Lehrstuhls präsentiert sein. Jeder noch so kleine Bauarbeiter hat hier ein Mobiltelefon, aber im Falle eines Problems schafft man es nicht einmal kurz anzurufen. Das ist jedoch bekanntlich kein russisches Problem, sondern ein weltweit anzutreffendes Phänomen.

Wie komme ich jetzt zum Abschluß meiner Arbeit? Fotobeschichtetes Platinenmaterial scheint hier gänzlich unbekannt, sonst hätte ich das Ding einfach schnell selbergeätzt. Auf Nachfrage beim Professor wo ich entsprechendes Material kaufen könnte, bekam ich ein ähnliches Gesicht zur Antwort wie zuvor beim Kondomkauf im Tante-Emma-Laden. Hätte ich es früher… ach… hätte hätte… Das Wetter ist zwar gut, aber heute möchte ich trotzdem mal jemanden „*ä*$!%$“! Ach ja, die Lösung: Wir haben da noch eine Platine, die macht fast das gleiche wie deine, programmierst du einfach die!

parkplatz

Bei der Gelegenheit mal ein kurzes Update zur derzeitigen Bausituation im Flur: Am Freitag hat jemand ganztägig den kleinen Vorraum von ca. 4m2 Größe liebevoll mit Tapetenresten beklebt. Jetzt sieht alles wieder schön aus. Als ich gegangen bin, hat mir einer der Meister in der Eile eine halbe Kelle Schnellmörtel auf die Jacke gesabbert. Bei der anschließenden Reinigungsaktion habe ich dann gleich nach Türriegeln gefragt und ihm erklärt, warum eventuell auch Türgriffe/-klinken praktisch sein könnten. Heute ist Montag und wir haben Riegel und Griffe! Jetzt können wir uns wenigstens um Dunkeln einschließen, wenn wir mal etwas zu erledigen haben, denn Licht gibt es auch in der dritten Woche nicht. Vielleicht werde ich mir bei Gelegenheit einen Fuß einbetonieren lassen, scheint ja zu helfen…

Endlich Russe

Ich war beim Friseur. Nach einem dreiviertel Jahr ohne Haarschnitt, sah ich offensichtlich schon wieder aus wie der Bombenleger von nebenan, weshalb ich mich zu diesem ungewöhnlichen Schritt entschied.

Ort des Geschehens war ein von gelben und weißen Neonröhren erleuchtetes Zimmer, welches über den Hintereingang eines Industriehofes im Plattenbaunorden Moskaus zugänglich ist. Meine des Russischen mächtige Begleitung verhandelte die Bedingungen: Haarschnitt ohne alles. Auf dem Stuhl angekommen, ging alles wie gewohnt. Ab und zu eine Frage nach der Länge dieser und jeder Stellen und fertig. Gegen Ende noch ein paar mir nicht ganz verständliche Fragen, welche ich als guter Ausländer lächelnd nickend beantwortete. Das Grauen begann. Offensichtlich hatte ich zu oft genickt, denn die Friseuse fing an den Inhalt irgendwelcher Dosen und Büchsen auf meinem Kopf zu verteilen. Mittendrin sollte ich noch einmal zum Waschen und der Gipfel war eine halbstündige Föhnorgie, welche mich endgültig in einen ostsibirischen Waffenschieber verwandelten.

Ende der Geschichte: Ich bin das erste mal so richtig gelackmeiert worden. Der teuerste (Herren-)Haarschnitt des Tages (ca. 11 EUR) hat den Inhabern sichtlich Freude bereitet. Den Versuch meiner Begleitung, mit nicht im Wörterbuch abgedruckten Vokabeln die Situation wieder gerade zu biegen, unterbrach ich peinlich berührt und wir verließen laut streitend den Ort des Geschehens. Eigentlich ein Wunder, dass es mir erst nach fast 4 Monaten passiert ist. Zusammen mit Yanas Willkommensgeschenk (Ballonseidenjacke einer bekannten Prollfirma…) sehe ich nun echt russisch aus. Die Anzahl und Art der Komplimente (Chef des hiesigen Lehrstuhls: … wirklich angenehm anzusehen!) machen das Grauen der Vergangenheit deutlich….

Piiiiiiieeeeeep.

Heute bin ich nach einer kurzen Nacht extra früh aufgestanden, um weiter an meiner Arbeit zu schreiben. Als ich gerade wieder alles Material gesichtet und verstanden hatte, verließ mein Nachbar gegen 10:50 Uhr sein Zimmer. Um 11:00 Uhr begann sein Wecker zu klingeln. Jetzt ist es 12:30 Uhr, und er klingelt immer noch! Mittlerweile habe ich Kopfhörer auf und höre sehr laut schlechte Musik, damit ich das Piepen nicht mehr hören muß – so richtig konzentrationsfördernd ist diese Maßnahme jedoch auch nicht… Was soll ich machen? Tür eintreten und es hinterher auf die Bauarbeiter schieben? „Sein Gerüst ist einfach zusammengefallen und dabei ist dann deine Tür kaputtgegangen – tut mir Leid!“ Eigentlich gar nicht soooo abwegig der Gedanke:

bauarbeiter

Seit zwei Tagen ist man dabei, die Wände mit Sandpapier abzureiben – wie man es von Gipskartonwänden kennt, wenn die Fugen geglättet werden. Hier gibt es jedoch weder Gips noch Karton, nur Schnellmörtel und Tapetenreste. Bald kommt jedoch neue Tapete auf die Polygonfläche, und deshalb wird jetzt noch einmal alles geglättet. Glücklicherweise zieht der Staub unter der Tür in die Zimmer und dreckt auch noch die letzte Ecke ein. Ich bin aber zufrieden, denn so hab ich wenigstens eine Ausrede mein Zimmer nicht zu wischen: „Ist doch sinnlos.“

Der Antrag für die Reparatur des Klolichtes ist leider noch nicht durch alle Instanzen, weshalb wir uns inzwischen im Ziel****** üben. Leider hat die Schüssel keine Leuchtmarkierungen. Die Türen haben auch nach zwei Wochen weder Griffe noch Riegel, sodaß man die altbewährte Knotenschnur als tägliches Hilfsmittel bei der allgemeinen Körperpflege schnell zu schätzen gelernt hat. Im Bad bindet man sie einfach an einse der zahlreichen Rohre und hat fortan seine Ruhe – bis jemand draußen vor der Tür den Knoten abschneidet! Auf der Toilette ist es nicht so einfach: Hier behält man das Ende aufgrund fehlender Rohre krampfhaft zwischen den Zähnen und hofft auf nicht all zu rabiate Eindringversuche – Zahnersatz ist teuer. Der allgemeine Schwebezustand wird übrigens dadurch etwas erleichtert, weil man sich mit etwas Übung geradezu bequem über den Abwurfplatz hängen kann. Zahnspangenträger sollten vorher mit ihren Facharzt über die Anbringung einer zusätzlichen Öse verhandeln. Wird nur wieder die Krankenkasse Ärger machen.

So, 12:50 Uhr. Die Batterie des Weckers scheint endlich alle zu sein, dann kann ich ja weiterarbeiten.

Warum die 68er vorbei sind

Heute habe ich den Grund für das Austerben der Hippies erkannt. Läuft man bei unter -20°C durch einen dicht verschneiten Park, trifft man zwangsläufig auf Unmengen Pulverschnees. Hat man dann noch Schlaghosen im 68er Format an den Beinen, schaufelt man sich selbigen Schritt für Schritt in Richtung Schritt. Egal wie hoch die Schuhe sind, der Schnee kriecht förmlich in der Hose hoch. Nach zwei Kilometern beginnt man langsam, die bösen Fernsehgeschichten über Zeugungsunfähigkeit zu glauben, und spätestens wenn es dann kurz vor der Metro noch einmal richtig windig wird, versteht man auch den Rest von Darwin.

Außerdem ist mir heute eine Frau mit Ohrringen entgegengekommen. Ohrringe vom Format einer Mopedfelge. Jetzt frage ich mich: -25°C Lufttemperatur, Wind – wie warm wird da eine Mopedfelge sein? Wir warm die Innenseite des Ohrringohrloches? Ich suche ja schon lange nach einem zivilen Verwendungszweck für das Wort Eisbrand… *Aua*.