Kranksein mit Звёздочка

Wie schon erwähnt, ist jetzt die Grippe ausgebrochen. Wenn man krank ist, muß man auch geheilt werden, und darüber gibt es lustige Sachen zu berichten. Da man sich die Nase dauernd mit Papiertaschentüchern wundreibt, kann man sie sich mit der wunderbaren Kindercreme behandeln.

detski_krem

Diese Creme ist so richtig ursprünglich und geradezu sympathisch verpackt. Kein totalretouchiertes Wunschkindgesicht mit geschwungenen rosa Buchstaben, kein Gewinnspiel auf der Verpackung um 2000 Wattetupfer mit Kamillegeschmack zu gewinnen und nirgends kann man einen Rezeptvorschlag für irgendwelche Babyschlempe auf Basis von -Produkten finden. Ehrliche Kindercreme mit Hund und Katze – wie lange wird es das wohl noch geben? Johnson & Johnson sind jedenfalls schon in der Fernsehwerbung aufgeschlagen, und bald wird auch hier die milupa-gefütterte Kinderschokoladenhackfresse das Maß der Dinge sein.

Nach mindestens 15 Jahren habe ich ein weiteres Heilmittel wiederentdeckt! Hier kennt man es unter dem Namen Звёздочка (Sternchen) und es hatte schon damals irgendwie seinen Weg auf das Wochenendgrundstück meiner Oma gefunden. Hergestellt wird es übrigens in der befreundeten Volksrepublik Vietnam. Man schmiert es sich irgendwo in die Nähe der Nase und atmet fortan wie durch zwei Packungen Hustenbonbons. Voller Durchzug bis ins Gehirn. Demnächst werde ich mal fragen, wie man EU-Generalimporteur dafür wird, damit ihr auch endlich alle frei atmen könnt 😀

sternchen

Lustig sind auch die Nasentropfen, welche ich aber zum Ärger der Familie nur einmal genommen habe: Von einer in der Küche stehenden Pflanze (Aloe irgendwas…) nimmt man ein Blatt und presst es auf ca. einem Eßlöffel Honig aus. Dazu gibt man einen weiteren Eßlöffel heißes Wasser und rührt das Ganze gut durch. Mit der wiederverwendbaren Glaspipette befüllt man sich nun die Nasenlöcher und hofft auf Überleben. Es brennt wie Hölle und soll angeblich irgendetwas bewirken – bei mir bewirkt es nichts. Yana ist in dieser Beziehung die starke, russische Frau (Sometimes you have to be strong […]) und trinkt den Rest einfach aus – ist ja auch gut für den Hals. Jetzt weiß ich, dass ich ein Weichei bin. Ich gehe jetzt mit meinen Sternchen ins Bett. Gute Nacht.

Шапка ist da!

Gestern haben wir ca. 4 Stunden in Nässe und Kälte auf einem der Märkte verbracht – um eine Mütze zu finden. Am Ende sind wir doch ohne nach Hause gegangen. So einen Markt kann man sich vorstellen wie an der deutsch-polnischen Grenze, nur daß die Verkäufer hier eher aus dem russischen Osten kommen – Armenien, Georgien, Kasachstan.

markt

Da es am Tag zuvor heftig geschneit hatte, fuhr jemand mit einem Trecker durch die engen Reihen und balancierte ein paar Kubikmeter Schnee an den Auslagen vorbei. Ansonsten springt man von Pfütze zu Pfütze und von Palette zu Palette (die liegen in tieferen Schlammlöchern als Überbrückung) vorbei an den einzelnen Händlern. Wir wollten unbedingt eine schwarze, langhaarige Tschapka, wenn es geht auch noch aus Kunstfell. Letzteres konnte ich mir gleich abschminken, denn hier ist alles echt. Lauter tote Füchse und Wölfe, ab und zu auch Waschbären und seltener auch Zobel. Die meisten Tschapkas werden wohl in Handarbeit gefertigt, weshalb sie auch alle unterschiedlich ausfallen. Ich weiß nicht, wieviele ich an diesem Tag anprobiert habe, aber es waren viele.

Als wir wieder zu Hause waren, fingen bei mir schon die ersten Kopfschmerzen an. Am Sonntagmorgen konnte ich dann kaum noch kriechen – schon wieder eine russische Grippe. Die hatte ich das letzte mal im April, und sie scheint mich jedes mal komplett lahm zu legen. Yana meinte sie wäre noch völlig in Ordnung und sie würde losgehen um mir eine Tschapka zu kaufen. Also Maß genommen, Modelle diskutiert und Preisrahmen abgesteckt… Ich habe den Tag im Bett verbracht, und Yana auf dem Markt.

Abends kam sie dann nach Hause, nach 7 Stunden Markt! Sie hatte eine Tschapka gefunden, den Preisrahmen völlig gesprengt und war gesundheitlich total im Eimer. Das Ergebnis ist ein riesenhafter Waschbär auf meinem Kopf – Modell Alaska. (Russische Modelle haben die Klappohren auf dem Kopf zusammengeschnürt, die Alaskavariante angeblich hinterm Kopf.) Jedenfalls gefällt sie mir sehr gut und ich warte jetzt sehnsüchtig auf Eis und Schnee.

tschapka

Mittlerweile sind wir übrigens alle krank…

Das Studentenwohnheim

Ja, es hat geklappt mit der Abholung am Flughafen. Wir sind herrschaftlich bis zum Studentenwohnheim gefahren worden, wo wir uns dann melden sollten. Im bezeichneten Büro angekommen, wollte niemand etwas von uns wissen. Irgendwie störten wir doch arg beim Sockenstricken. Nicht einmal das hilflose Erwähnen des Namens der Chefin konnte auch nur irgendeine Regung auf das Gesicht der freundlichen Sekretärin bringen. Glücklicherweise wurde ihr Zetern im Nebenraum erhört und wir wurden prompt von einer richtig freundlichen Dame abgeholt. Diese wußte offensichtlich auch sofort wer wir waren und hatte schon zwei gelbe Studentenwohnheimzutrittsausweise für Andreas und Evren bereitgelegt.

Studentenwohnheim

Danach sollten wir uns dann in der 14. Etage melden, wo wir die Schlüssel bekämen. Leider hatten wir nicht mir der Pförtnerin gerechnet, welche mich nicht durchlassen wollte. Mir fehlte ja der gelPe Zettel! Nein, auch nicht für 10 min. Als ich ihre Hand hinten auf den grün überstrichenen Klingelknopf drücken sah, befürchtete ich schon Schlimmes. Doch weit gefehlt, denn es kam ihre Chefin, welche mich fragte warum ich denn da hinein wolle. Ich hätte die beiden vom Flughafen abgeholt… daraufhin begleitete sie uns persönlich auf der weiteres Odyssee und stellte somit sicher, dass ich nicht alleine und unbeaufsichtigt böse Sachen im Wohnheim anstelle. Eigentlich können wir im Nachhinein froh sein, dass wir die Chefin persönlich dabei hatten.

In der 14. Etage angekommen, gab es auch sofort Schlüssel, und die beiden wurden jeweils zwischen zwei Wohnungen vietnamesischer Gaststudenten einquartiert, welche hier offensichtlich schon länger wohnten. Es roch nach Chinapfanne und wir fühlten uns sofort heimisch. (Ja ja, vietnamesische Studenten und Chinapfanne…)

zimmer

Leider fehlte in einem der Zimmer so ein herrliches Bett, weshalb Evren etwas geknickt war. Das war aber gar kein Problem, denn im Keller gabs noch welche! Dort gab es auch Bettwäsche und eine Matratze für das neue Bett. Also alles aufgeladen und wieder ab in den 14. Stock. Eigentlich muß Evren gar nicht böse sein, denn seine Matratze sieht nicht so aus wie Andreas‘.

kueche

Mittlerweile ist schon alles sauber gemacht. In der nächsten Russischstunde haben wir dann aus aktuellem Anlaß gleich noch drei neue Adjektive und zwei Verben gelernt, sowie 2 verschiedene Fälle angewandt. Dreckig, sauber, schrecklich, im Zimmer sauber gemacht, das Zimmer gesäubert. Jedenfalls tut es den verwöhnten Bengels sicher mal ganz gut *ggg*

Yanas Vater sagte, zu seiner Zeit wäre das alles viel besser gewesen. Jetzt ist eben einfach kein Geld mehr da und man versucht einfach alles am Laufen zu halten. Irgendjemand hat die Auflage erteilt Rauchmelder zu installiern, also wurden in alle Zimmer nagelneue Rauchmelder genagelt. Da die einzelnen Etagen aber wegen Diebstählen immer durch Gitter im Treppenhaus voneinander getrennt sind, möchte ich aber trotzdem nicht wissen, was im Brandfall passieren würde…

Begebenheiten aus der Uni

Heute sollen Andreas und Evren aus Berlin ankommen. Am Wochenende hat Yana schon mit zwei der zuständigen Personen telefoniert und eben war ich noch einmal persönlich im foreign students office, um die Abholung der beiden in die Wege zu leiten. Man verläßt sich da sehr gerne auf Außenstehende wie Yana oder mich, weshalb wir schon im Vorfeld versucht haben das zu organisieren. Heute kam natürlich trotzdem alles ganz anders. Die Uni hat kein Auto und ich soll einfach mit dem Taxi fahren. Vor den Taxipreisen hat mich Yana schon gewarnt, die sind wohl kaum noch mit westeuropäischen Preisen zu vergleichen – erst recht wenn der Fahrer merkt, dass man auch Deutschland kommt. Nach einigen Verhandlungen und der Bemerkung, dass weder Andreas, Even oder ich auch nur ansatzweise genug Geld hätten, wurde die Sache so geregelt: Die Uni bestellt das Taxi, erklärt dem Fahrer was zu tun ist, und wenn wir wieder da sind, dann bezahlt die Uni den Fahrer. Na bitte, geht ja! Ob das nun wirklich so klappt, kann ich jetzt noch nicht sagen, denn wir sind noch gar nicht losgefahren.

Da ich schmal in besagtem Büro war, habe ich auch gleich die Verlängerung meines Visums, der Registration und des Studentenausweises beantragt. Yanas Eltern haben wieder einmal den erforderlichen Stapel Dokumente besorgt… scheint geklappt zu haben, jedenfalls soll ich in 7 bis 10 Tagen meinen Paß wieder abholen – hoffentlich mit Visum.

Zur Zeit warte ich wieder einmal 3 Stunden – bis zur Abfahrt. Glücklicherweise sagt mir das Fallobst noch 5 Stunden Akkulaufzeit voraus, sodass ich wenigstens etwas tun kann. DeviceNet-over-CAN-Bus-Spezifikation lesen zum Beispiel!

Wo ich hier gerade in der Uni rumsitze: Hier hat noch eine alte Tradition überlebt, welche in Deutschland nahezu ausgestorben ist… es gibt ein Uniradio in den Pausen! Soeben tönt die letzte Single von Madonna lautstark über die Flure. Zwischendurch gibt es ein paar Informationen, teilweise auch von offizieller Seite – da kommt dann extra eine wichtige Frau aus der Verwaltung und liest ihren Zettel selbst vor.

Draußen auf der Straße fährt gerade eine lustige Maschine vorbei: Sieht aus wie eine Mähdrescher, ist aber keiner. Mit einer Art Schaber kratzt sie den Schnee aus der Ecke zwischen Bordstein und Straße, um ihn dann mit spinnenartigen Schaufelbewegungen auf ein Förderband zu schippen. Das Förderband führt nach hinten und endet über einem LKW, welcher der Maschine rückwärts fahrend folgt. Damit der LKW-Fahrer nicht so genau fahren muß, hängt zwischen dem LKW und der Kratzschaufelförderbandschneeschippmaschine ein dicker Autoreifen, wo er ab und zu mal gegen fahren kann. Nach einem kurzen Stop fährt die Maschine nun gerade weiter – leider pennt der LKW-Fahrer ein wenig, weshalb jetzt 2m3 Schnee auf die Straße fallen. Die fährt der LKW nun einfach platt, und weiter geht die lustige Fahrt. Wie weit man so pro Tag kommt, ist nur schwer abzuschätzen, in der letzten Viertelstunde haben sie es jedenfalls noch nicht an meinem Fenster vorbeigeschafft. Diese arbeitsplatzvernichtende Effizienz westeuropäischer Staaten ist hier sowieso völlig unbekannt.

Der Шапка-Tag

Fellausstellung! Da ich ja noch eine richtige dicke russische Schapka kaufen wollte, kam uns die Ankündigung einer großen Fellmesse gerade recht. Dort angekommen merkten wir jedoch gleich, dass wir eindeutig nicht das angepeilte Klientel dieser Messe waren. Schon die Eintrittspreise bewegten sich in für hiesige Verhältnisse in schwindelerregenden Höhen, sodaß wir gar nicht erst reingegangen sind. Also zum Kaufhaus Mockovskom (?!?), in der Hoffnung dort etwas zu finden. Alles was ich dort fand, war eine einzelne Männertschapka für 5000 Rubel (130 EUR!!) und diverse Frauenmodelle in ähnlichen Preislagen. Sämtliche Läden haben westeuropäische Preise. Kein Wunder, es sind ja auch fast ausnahmslos westliche Marken vertreten. Yana sah sich ein paar Sachen an, und verschob den Kauf auf unbestimmte Zeit in die Zukunft. Draußen auf der Straße noch schnell ein Tütchen Mandeln gekauft – 30 Rubel weg. Wie zu Hause. Selbst ein Liter Milch kostet hier umgerechnet 80 cent. Langsam verstehe ich auch, warum wir so oft Nudeln, Reis und Buchweizen essen…

Etwas Arbeit

Leider hatte ich heute früh meine Russischhausaufgaben noch nicht gemacht, also fix drangesetzt und alles geschrieben. Da ich mittlerweile wohl etwas zu spät gekommen wäre, habe ich Olga (die Russischlehrerin) eine SMS geschrieben. In der Uni angekommen, war sie aber noch gar nicht da, und ich schrieb weiter an meiner Vokabelkarteikartensammlung für die Metro. Eine halbe Stunde später kam sie angehetzt, nur um mir zu verkünden, dass der Unterricht heute wegen einer wichtigen Sitzung ausfallen würde. Sie hat es auch aufrichtig bedauert.

Leider war mein nächster Termin erst 4 Stunden später (in der neuen Fakultät!) und so habe ich ziemlich lange auf dem Flur gewartet. Nach einer Viertelstunde liefen 10 Jugendliche Instrumentalisten an mir vorbei und kurz darauf konnte ich aus dem Lehrerzimmer Stille Nacht auf russisch hören. Jetzt war mir auch der Sinn der Sitzung klar. Die MGTU feierte just in dieser Woche ihr 175-jähriges Bestehen, weshalb es zu allerlei außerplanmäßigen Feierlichkeiten kommen konnte. Weiterwarten.

Während ich so aus dem Fenster schaute, fiel mir die Fassade des Hauses auf. Das Haus selber ist so ungefähr vom Format des Berliner Reichstages, nur mit Innenhof und moderner. Modern heißt hier: Karl-Marx-Allee-Ambiente. Also zur Fassade. Hier wurden in traditioneller Weise weiß-gelbe Kacheln angebracht, welche im Neuzustand wahrscheinlich sogar glänzten. Verglichen mit der DDR, war es sicherlich um Potenzen schwieriger solche Kacheln aufzutreiben, weshalb ich mich umsomehr über die Verarbeitungsweise gewundert habe. Man kann nicht genau sagen, ob es ich hierbei um ein Projekt für invalide Hammerwerferinnen handelte, welche die Fassade vom anderen Flußufer aus bestückten, oder um gelangweilte Bauarbeiter: sämtliche Kacheln sind schief. Dieser Bau ist das Prunkstück russischer, wissenschaftlicher Intelligenz und wurde sicher auf Anordnung des Staates mit immensen Geldern finanziert, da fragt man sich, ob es niemanden interessiert (hat)? Wenn ich viel Geld für etwas ausgebe, dann will ich dafür doch auch etwas haben, oder? Erst recht, wenn ich vielleicht sogar Engpässe bei Baumaterialien habe! Ist es das im Geschichtsunterricht angesprochene Problem der kollektiven Verantwortungslosigkeit für Produktionsmittel oder interessiert hier einfach nur das große Ganze? Mir ist das alles schleierhaft… Irgendwie schade.

Irgendwie habe ich die Zeit jedenfalls verplempert und mich dann auf die Suche nach der „Gospitalny“-Gasse 4/6 (Госпитальны пер.) begeben. Gesuchte Nummern waren nirgends zu finden, also bin ich in die Nummer 3 gegangen. Die dort anwesenden Sicherheitsbeamten zeigten in alle 4 Himmelsrichtungen. Im Klartext: Sie hatten keinen blassen Schimmer wo denn das Haus mit der nächsten Nummer zu finden war. Also über die Straße in die Nummer 10. Das ist ein sehr großes Haus mit zwei Plattenbautürmen, welches als Hauptstudentenwohnheim dient. Die Pförtnerin wußte auch sofort was ich meine und verwies mich in den dritten Stock. Etwas verwundert hielt ich ihr den Zettel mit der Hausnummer hin, vielleicht hatte sie mich ja nicht verstanden? Nein, nein, alles richtig, dritter Stock. Alles klar – Hausnummer 4/6 ist im dritten Stock des Hauses mit der Nummer 10/11.

Dort warteten auch gleich die richtigen Leute auf mich. In einem Raum voller elektronischer Gerätschaften, wurde ich mit meinem wissenschaftlichen Betreuer bekannt gemacht und es ging auch sofort los. In einen Vordruck schrieben wir gemeinsam die Studieninhalte der nächsten Monate: Kennenlernen der Spezifikationen von Microchip PIC18 und CAN-Bus… und so weiter bis zum Ende: Erstellen des funktionsfähigen Gerätes und Testen am Bus. Was auf dem Vordruck schon draufstand und nicht gestrichen wurde: Die gesamte Arbeit muß in Form einer Diplomarbeit auf mind. 40 Seiten dokumentiert werden. Ah ja. Also wenigstens hab ich ein Ziel… Danach folgten 3 Stunden Einzelunterrict über die Eigenheiten und technischen Details des CAN-Bus – und das nach 20 Tagen russisch. Um 21:30 Uhr war die Stunde dann zu Ende und ich habe jetzt jede Woche 3 mal eine solche Sitzung. Dazwischen muß ich zu Hause Lesen und Programmieren 🙂 Ich bin jedenfalls sehr zufrieden, denn man soll sich ja immer höhere Ziele stecken!

Chinesische Hausschuhe

Seit heute habe ich chinesische Hausschuhe. Yanas Eltern meinten wohl, dass ich kalte Füße habe oder es ist einfach unhöflich ohne Hausschuhe rumzurennen, jedenfalls habe ich jetzt Latschen. Da unter uns noch 12 beheizte Plattenbauwohnungen sind, hatte ich eigentlich nie kalte Füße, also ist der Grund vielleicht letzterer.

Da voodoofone in Moskau natürlich viel zu teuer ist, habe ich nun auch eine russische Prepaid-Karte. Da ich den Pincode meiner deutschen Simkarte ca. 2min nach entnehmen derselben vergessen habe, werde ich sie wohl auch bis zur Wiederankunft in Deutschland nicht benutzen. Also: Alle SMS bitte an die neue Nummer, den Rest bitte per eMail oder sip.
Zusätzlich mache ich mir langsam aber sicher Sorgen, wie ich der Familie hier wenigstens etwas finanziel helfen kann. Traditionell nimmt man absolut keinen Pfennig von einem Gast an und reagiert nahezu Böse auf jegliche Versuche, wenigstens offensichtlich für einen selbst aufgwendete Beträge in die Haushaltskasse zu werfen. Langsam brauche ich eine gute Idee um dagegen etwas zu tun. Zu Weihnachten sinnlos alles ein ein überteures Geschenk zu braten ist auch irgendwie nicht die richtige Methode, das könnte besser angelegt werden. Gute Ideen bitte per eMail an mich… Danke.

Natalie Imbruglia im Kreml

Wie viele waren schon zu Konzerten im Kreml-Palast… jetzt war ich auch endlich einmal dort, und Natalie Imbruglia war auch da. Das Fazit dieses Mal gleich am Anfang – es gibt nur drei Möglichkeiten erfolgreich in diesem Saal aufzutreten – Als ranghoher Politiker mit einer sinnlosen Rede, als klassisches Orchester, oder, und das ist eine These von mir: Als richtig böse Rockband. Natalie ist jedenfalls keins von allem. Die kleine Natasha wurde mit einem zu zwei Dritteln gefüllten Saal konfrontiert, in welchem alle sitzen. Geboten wird gepfegtes ZK-Ambiente in Wohnzimmerlautstärke und schwarz gekleideten Aufsehern in jeder Reihe. Zum Konzert geht man hier übrigens in Abendgarderobe, aber ich fall‘ ja sowieso immer auf.

Nach den ersten 5 Songs war immer noch keine Stimmung da, denn niemand regte sich auf seinem Platz. Eventuell waren die 5 bedeutungsschwangeren Balladen ja auch nicht die richtige Wahl… Mit Rufen wie You are amazing! trieb sie mir dann fast die Tränen in die Augen. Die Bestseller-Single von 1997/98 („Torn“) jagte dann ca. 100 von 2000 aus ihren Sitzen und es war der Stimmungshöhepunkt erreicht. Wildes, unkontrolliertes Klatschen war die Folge, sodaß die Aufpasser schon einiges zu tun hatten. Sie hatten überhaupt jede Menge zu tun, denn während des ganzen Konzertes wurden Konzertpiraten mit Kamerahandies persönlich ermahnt und richtig Böse angekuckt. Der Herr vor mir hatte sich ein großes Fernglas mitgebracht, mit welchem er sich auf der Lehne seines Vordermanns abstützte. Zur Strafe standen dann links und rechts unseres Blockes je ein Aufpasser, welche mit üblen Verrenkungen versuchten, von Weitem zwischen Fernglas und Videokamera zu unterscheiden. Damit die gerade gewonnene Stimmung auch sogleich verloren ging, schickte Natalie zum Schluß bis auf den Gitaristen alle Musiker von der Bühne, und sang zwei herzzerreissende Balladen. Alle dachten wieder an das (kostenpfichtige) Bufett, welches es im Obergeschoß vor dem Konzert gab, und schon war alles nach professionellen 90min vorbei. Bin gespannt, was Frau Imbruglia hinterher in ihrem online-Tourtagebuch schreiben wird, nachdem Paris 2 Tage zuvor wohl der absolute Hammer gewesen sein muß.

Wir in Moskau sind jedenfalls amazing und das hat allen gefallen – schon deshalb war auch dieses Konzert: erfolgreich.

Die erste Vorlesung

Heute war wieder einer der aufregenden Tage: Das erste Mal in einer Vorlesung. Organisiert von dem netten Automatisierungstechniker mit der schnellen Sprache, war sie auch sogleich ein Erlebnis. Komischerweise war ich der einzige unter 55, was mir gleich etwas spanisch vorkam. Offensichtlich führte die Fakultät gerade einen Kurs für ältere Semester durch, wo ich aufgrund der terminlichen Übereinstimmungen gleich integriert wurde. Wie dem auch sei, der Professor betritt auf die Sekunde genau den Saal und fängt an zu reden. Ein bereits 10min früher angekommener Assistent übernimmt das weiterklicken zwischen den einzelnen Seiten der Präsentation. Nach 10 min geht eine Art Völkerwanderung vom hinteren in der vorderen Teil des Raumes los, weil die Herrschaften nichts sehen. Zwischendurch wird immer dazwischengerufen und diskutiert, denn man hat in diesem Alter ja schon einiges gesehen. Der Professor sieht etwas genervt aus. Manche schreiben wortwörtlich mit, andere gar nicht. Klingelnde Telefone sind allenfalls störend, aber auf keine Fall geächtet wie bei uns – das wird noch 5 Jahre dauern, bis das Handy als gesellschaftlicher Unruhestifter enttarnt ist. Plötzlich wurde mir auch klar, warum mich Yana mit 2 Tagen Stille bestraft hat, als ich ihr während eines Baumfällwochenendes fast 24h lang keine SMS geschriebe habe – sie konnte es sich einfach nicht vorstellen, denn in Moskau ist es völlig egal was man gerade tut, Handy geht immer. Komischerweise hat sie im Bett noch nie telefoniert. Die Vorlesung habe ich also relativ gut überstanden. Danach hat mich der nette Herr zum foreign students office geschleppt, um dort meine studentische Tätigkeit an seiner Fakultät offiziell feststempeln zu lassen. Was soll ich sagen? Großer Fehler! Sogleich merkte die Cheffin, daß jemand hinter ihrem Rücken etwas organisiert hatte und fand es ganz und gar nicht gut. 10min später war der nette Herr hinauskomplimentiert und sie hing am Telefon. Weitere 10min danach erschien ein anderer Herr, und sie erklärte mir in fließendem Englisch, daß mir dieser gerne einen Vorschlag machen wollte.

Mir wurde angeboten in der Fakultät XYZ an einem Projekt teilzunehmen, in welchem meine Aufgabe ungefähr so zu umreissen wäre: Entwickeln Sie auf Basis eines Microchip® PIC18xxxx ein CAN®-Bus-fähiges device, welches auf selbigem neue Funktionen zur Verfügung stellt! Das Ganze natürlich auf Russisch. Dank des hohen Fremdwortgehaltes habe ich es jedoch verstanden. Meine Augen müssen wohl geleuchtet haben, denn Frau Cheffin zückte schon den Stempel und der Herr schrieb fein säuberlich seine Telefonnummer und einen Termin für Freitag Abend auf einen Zettel. Kurz darauf waren wir alle auf dem Weg nach Hause und meine Wochenplanung wieder im Eimer – aber: Das Thema der neuen Richtung klingt perfekt nach dem, was ich machen wollte, nur angblich an der Uni nicht existierte. Abends hat dann Herr Iwanowitsch bei mir zu Hause angerufen, weil ihm sein Freund (der schnellsprechende Automatisierungstechniker) erzählt hat, was passiert war. Oh je. Letztenendes sieht die Sache also scheinbar so aus:

Zwischen den Fakultäten und dem foreign students o!ce gibt es einen ständigen Kampf. Erstens sind es die Fakultäten, die persönliche Verbindungen in die einzelnen Länder unterhalten, und zweitens ist es jenes Bürö, welches die formale Gewalt über sämtliche solcher Vorgänge behalten will. Das beeinhaltet auch die Studienplanung. Da hat nun also ein Professor mit seinem befreundeten Professor vor lauter Nettigkeit etwas eingefädelt, da war es auch schon vorbei, denn die Oberfrau fühlte sich hintergangen. Als Student mit 17 Tagen Russisch sitzt man mehr oder minder nickend dabei und am Ende passiert dann irgendetwas. Es scheint auch irgendwie Geld im Spiel zu sein, denn man reißt sich förmlich um mich. Die entsprechende Gastfakultät bekommt irgndwoher Geld für ihre Funktion und kann sich mit einem ausländischen Studenten rühmen. Angesichts ca. 30 ausländischer Studenten pro Semester ist das schon etwas. Jedenfalls ist der eine Professor jetzt wohl etwas enttäuscht und ich weiß nicht, ob ich der Böse war. Tut mir Leid.

12. Tag

Heute bin ich den 12. Tag in Moskau und habe bisher geschätzte 30h in der Metro verbracht. Zuhause brauche ich dafür ca. 2 Jahre. Trotzdem habe erst heute meinen ersten Rocker gesehen. Eigentlich war es sowieso der erste Mensch außerhalb der Norm. Eingekleidet in ca. 4qm äußerst speckigen Kuharsch und versehen mit diversen Accessoires, wie Zippo in Leder und abgegriffeltem MP3-Player, war er allerdings auch ein Musterbeispiel sondergleichen. Das Beste war jedoch der Fuchsschwanz auf seiner Schulter. Vielleicht ist er das letzte Exemplar seiner Sorte, denn bei uns (da drüben) sind sie zusammen mit den Mantas ausgestorben.

Womit wir gleich beim nächsten Thema wären: Wie sieht eigentlich ein russischer Manta aus? 1600er Lada mit Spoiler? Na ich weiß ja nicht. Mein Lieblingsbus UAZ 435 ist da eher ungeeignet, und leider auch nicht mehr in wirklich gutem Zustand zu bekommen. Auf der Straße kam mir dann ein würdevoller Frisösenabschleppwagen nach russischem Geschmack entgegen: Der Hummer. Die wohl schwachsinngste Karre seit es Amerika gibt, aber frisösentauglich allemal. Mit komplett verdunkelten Scheiben und Lichterketten im amerikanischen Stil, entspricht er so ziemlich der Wunschvorstellung vieler russischer Männer. Diejenigen, die sich einen Hummer wider Erwarten nicht leisten können und stattdessen ihr Geld für so profane Dinge wie Essen oder Kleidung sinnlos verschwenden, müssen wohl oder übel anders an die Sache herangehen. Zu Fuß zum Beispiel.

Zum Laufen braucht man bekanntlich Schuhe (Ok, braucht man nicht, aber dazu schreibe ich dann aus Timbuktu und nicht aus Moskau), und da gibts hier recht ansehnliche Exemplare. Männer sind hier so flach wie bei uns, aber Frisö… äh Frauen dafür umso höher. Was bei uns entweder waffenscheinpflichtig oder nur in Spezialgeschäften für zwischenmenschliche Sportgeräte erhältlich ist, trägt frau hier auf der Straße. Nicht einzelne, sondern ca. 90%. Frau muß entweder zu alT, zu klein oder irgendwie anders gestört (HipHopperin oder so) sein, um ohne stark verkürzte Achillessehnen durchs Leben zu laufen. Beeindruckend ist dabei vor allem die Schrittgeschwindigkeit ohne den Verlust von Grazie oder gar wehleidige Gesichtsausdrücke. Selbst ich kann bei den morgendlichen Wettrennen durch den Park zur Metrostation kaum mithalten – und das mit 1.93m und entsprechend langen Beinen. Hallujulia! Na gut, es ist für den männlichen Teil der Bevölkerung gar nicht so schlimm wie es sich anhört, man kann sich ja an alles gewöhnen…

Mal etwas ganz anderes: Natasha war heute mit mir Paß abholen. Jetzt habe ich einen Stempel im Paß, welcher meine Registration an einer bestimmten Moskauer Adresse bis 30.11. bescheinigt. Wie toll. In 2 Wochen läuft also mein Visum ab, und dann muß ich noch einmal dort antanzen und es verlängern lassen. Alles auf einmal geht hier nicht, ist gegen die Vorschriften.

Vielleicht sollte ich auch einmal eine Art Russischbilanz ziehen? 12 Tage Moskau, keine Vorkenntnisse und trotzdem verstehe ich schon ziemlich viel. Im Russischunterricht sind wir schon bei den Adjektiven und ich schreibe pro Stunde fast 50 neue Vokabeln auf. Wer soll das nur alles lernen? Na irgendwie bleibt schon etwas hängen, und langsam aber sicher klärt sich der Nebel. Ich habe einen Studenten aus Italien getroffen, welcher mit gleichen Voraussetzungen bereits im August angereist war – er spricht schon Russisch und ist relativ selbstsicher. Finde ich gut, aber ich will es besser bzw. schneller hinkriegen. Spätestens zu Weihnachten – also nach 2 Monaten (btw, Weihnachten ist hier am 7. Januar), möchte ich mehr der minder alles in meinem Kopf auf einfache Art und Weise ausdrücken können. Vieleicht klappt es ja.

Meine eine Russischlehrerin ist übrigens aus Taschkent, Usbekistan. Wenn ich sie frage, erzählt sie mir Geschichten von zu Hause und wir stehen vor einer großen Wandkarte und unterhalten uns über Gott und die Welt. Ihre Eltern haben sie als kleines Kind mal im Meer zu weit rausschwimmen lassen, seitdem findet sie Wasser nur noch von weitem schön.
Die zweite Lehrerin ist echte Moskauerin und auch sehr nett. Bevor wir mit dem Unterricht anfangen, macht sie sich ersteinmal den Lippenstift neu, ohne gehts nicht. Heute habe ich sie nach einer Empfehlung für den Kauf einer russischen Grammatik gefragt. Ihr fiel auch sofort eine ein: Ich sollte doch einmal versuchen, ein Buch von Frau A. Schirotschenskaya zu bekommen… komischerweise kam mir der Name bekannt vor. Ich holte aus meiner Tasche ein ca. 40 Jahre altes Taschenbuch heraus – Verlag „PROGRESS“ Moskau, EVP 6,90M – und sieheda, richtig erinnert! Es ist von eben jener Autorin und hat meinem Opa (!) schon Russisch beigebracht. GENAU DIESES Buch meinte sie und konnte es kaum fassen. Na wunderbar, noch mehr Übungen. Wir haben auch gleich 7 Stück gemacht und weitere 12 habe ich übers Wochenende als Hausaufgabe bekommen. Danke Opa. Vielleicht eine kurze Erklärung zur Begeisterung meiner Lehrerin Nummer 2 (Olga): Frau A. Schirotschenskaya war IHRE Lehrerin an der Universität. Hach ist die Welt… ach lassen wir das, ich muß Hausaufgaben machen.